Erfahrungen eines Steglitz-Zehlendorfer Flüchtlingspaten : Landesamt für Kundenangelegenheiten: Unterwegs mit Farid

Der eine ist abgelehnter afghanischer Asylbewerber und wohnt in einem Berliner „Tempohome“, der andere ist ehrenamtlicher Flüchtlingspate aus der evangelischen Kirchengemeinde Schlachtensee: Was Farid* und Thomas Ott, ehemaliger Professor für Musikpädagogik, an langen Behördentagen erleben, mutet kafkaesk an. Ein Gastbeitrag.

Thomas Ott
Flüchtlinge bei der Registrierung. Dafür ist jetzt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten zuständig.
Flüchtlinge bei der Registrierung. Dafür ist jetzt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten zuständig.Foto: Soeren Stache/dpa

Farids Asylantrag wurde abgelehnt. Er hat dagegen geklagt. Das Verwaltungsgericht hat die Klage abgewiesen. Er ist nun „ausreisepflichtig“ und nur „geduldet“. Berlin schiebt aber seit drei Jahren, und auch auf absehbare Zeit, niemanden nach Afghanistan ab. Also ändert sich für ihn erst einmal nichts.

Aber er braucht ein neues Ausweispapier und eine offizielle Übernahmeerklärung für seine Kosten (Lebenshaltung und Miete für sein Zimmer im Tempohome). Den Ausweis bekommt er bei der Ausländerbehörde, die für alle Zugewanderten (nicht nur für Geflüchtete) zuständig ist. Die Kostenübernahme regelt das Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Farid, seit der negativen Gerichtsentscheidung ziemlich depressiv, bittet mich, auf die Ämter mitzukommen.

Ausländerbehörde, Friedrich-Krause-Ufer, Wedding.

Farid ist schon um 7 Uhr dort und zieht eine Nummer (Nr. 90). Ich komme zur Büro-Öffnung um 10 Uhr. Wir warten erst in einem zeltartigen Gebäude auf dem Hof, man kann sich vor dem Haus einen Kaffee oder Tee kaufen, und wir werden nach zwei Stunden in einen Wartesaal im dritten Stock gebeten. Gegen 15.30 ist die Nummer 90 dran. Die Sachbearbeiterin schimpft uns erstmal aus, weil wir drei Minuten zu spät kommen: „Ich wollte schon den Nächsten drannehmen!“ Dann gibt sie Farids Daten ein und guckt auf den Bildschirm.

„Schlechte Duldung!“ Ausreisepflicht! Das ist die unterste Stufe überhaupt! Arbeiten verboten, Ausbildung verboten! Warum gehst du nicht zurück und baust Afghanistan wieder auf? Du bist doch jung und stark!

Ich (ehe Farid auf seine gewohnte Art aufbrausen kann): Er wüsste gar nicht, an welches Aufbauteam er sich in Afghanistan wenden soll. In seine Heimatregion kann er nicht, da wird er verfolgt.
Sie: Kann er nicht zu seinen Eltern?
Farid: Die sind tot.
Sie: Das sagen alle, die Eltern sind tot.
Ich: In seinem Fall ist das amtlich, ich kenne die Einzelheiten.
Sie: Ach, waren Sie im Asylverfahren dabei?

Allmählich taut sie auf, wohl weil ich sie die ganze Zeit freundlich ansehe und anspreche. Sie schiebt ein Formular herüber: Das füllen Sie bitte draußen aus, klopfen Sie einfach, wenn Sie fertig sind.

Ich bin der einzige ehrenamtliche Begleiter

Name, Vorname, Geburtsdatum, Name des Vaters, des Großvaters, Straße, Hausnummer... Linke Spalte Deutsch, rechte Spalte Dari. Eine Spalte genügt. Also Deutsch. Während wir ausfüllen, baut sich hinter mir eine kleine Schlange auf. Lauter Leute, die wissen wollen, was sie hinschreiben sollen bei: Ausgestellt am... ausgestellt von... gültig bis... Mir wird klar, dass ich der einzige ehrenamtliche Begleiter bin. Alle anderen sind allein gekommen. Jemand, der beim Formularausfüllen helfen würde, hätte den ganzen Tag zu tun. Aber keine Spur mehr von den vielen Willkommenshelfern.

Klopf, klopf, herein. Die Dame schaut nur kurz auf das Formular: Das hätte er ja auch in seiner Sprache ausfüllen können! Ich: Er kann Dari nicht schreiben. Die Taliban haben die Dorfschule zerstört, die Lehrerin umgebracht und den Kindern gedroht, ihnen auf dem Schulweg den Kopf abzuschneiden.

Sie schiebt Farids Duldungspapier, das wie ein Ausweis aussieht, aber keiner ist, über den Tisch. Sie rät ihm, zur afghanischen Botschaft zu gehen, um einen Pass zu beantragen. Wir sind etwas ratlos.

Sie ist nun ganz offen und nett. „Ich habe ihm jetzt ein Jahr statt einem halben eingetragen“. Sie erzählt von ihrem langen Nachhauseweg, dass sie müde ist von dem anstrengenden Job, wünscht Farid alles Gute weiterhin...

Nächster Tag: Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten, Goslarer Ufer in Charlottenburg.

Diese Ämter liegen alle an „Ufern“. Vielleicht hat das symbolische Bedeutung. Ein riesiger Neubau. Parkplätze gegenüber, direkt am Ufer.

Wir bewegen uns langsam durch von Bändern abgesperrte Gassen, wie am Flughafen Schönefeld. Beim Mäandern kann man den Leuten in der Nebenschlange ins Gesicht sehen. Neun von zehn sind Männer zwischen 20 und 35, einige der Frauen mit Kopftuch, ein paar auch ohne. Die Gesichter, vor allem der Männer, sind wie versteinert. Gesichter von Bauern, Arbeitern. Die meisten wahrscheinlich jünger, als sie aussehen. An der Front des Eingangssaals eine Reihe von Schaltern, auch wie am Flughafen.

„Der nächste bitte...“. Man wird zugewiesen. Statt des Flugpersonals sitzen da Menschen um die 75, Deutsche, vielleicht Ehrenamtler, vielleicht reaktivierte Pensionäre. Sie fragen freundlich nach, verteilen Nummern, nennen den Warteraum.

Über die Treppe dürfen wir nicht

Überall Wach- und Aufsichtspersonal – dem Augenschein und dem Sprachklang nach sämtlich selbst Menschen aus Fluchtländern. Wir müssen den Fahrstuhl in den ersten Stock nehmen, über die Treppe dürfen wir nicht – vielleicht weil sie für das Wachpersonal nicht ganz einsehbar ist? Die Wachleute sind freundlich, aber streng. Als wir einen winzigen Moment auf dem Korridor stehenbleiben, hören wir: In den Warteraum gehen! Auf dem Korridor stehen ist nicht erlaubt! Alles ist auf das Spartanischste eingerichtet. Im Warteraum zusammengeschraubte Eisenstühle, die beim Setzen und Aufstehen laut quietschen und scheppern. Die antragstellenden Flüchtlinge werden hier „Kunden“ genannt, so steht es an den Toilettentüren: Kunden-WC! Vielleicht ist das ja schon ein Hinweis auf die künftige political correctness: Landesamt für Kundenangelegenheiten.

Wie schon gestern sehen sich die Menschen im Warteraum nicht an. Alles schweigt, bis auf die zwei kleinen Kinder einer sechköpfigen Familie, die uns gegenübersitzt. Nach einer Stunde erscheint für Farid eine Raumnummer auf dem Display. Die Tür des Raums am Ende des Gangs steht offen, drinnen sitzen an Schreibtischen: eine Iranerin, eine Asiatin, eine Türkin, vielleicht ein Afghane. Sie grüßen nicht, schauen uns nicht an, die Iranerin sagt nur leise: „den Ausweis“.

Wieder in den Warteraum. Nach einer halben Stunde erneuter Aufruf. Der Afghane gibt Farid zwei Blätter und erläutert sie kurz auf Dari: Mietübernahme, Unterhaltsbetrag. Das war’s schon. Wir müssen das Gebäude durch die Hintertür verlassen. Mein Gesicht fühlt sich jetzt auch versteinert an.

Die aufnehmende Gesellschaft ist nicht mehr sichtbar

Abgesehen von den Senioren an den Eingangsschaltern ist dies eine komplett migrantisch anmutende Parallelinstitution. Eine Art Abfertigungsghetto. Die aufnehmende Gesellschaft ist nicht mehr sichtbar. Genauso erlebe ich es in Farids eingezäuntem „Tempohome“, wo man beim Wachpersonal am Eingang den Ausweis abgibt. In Seehofers Ankerzentren wird das wahrscheinlich weiter perfektioniert.

Das chaotische Lageso war einmal. Dies ist eine leicht kafkaesk und hocheffizient vor sich hin schnurrende Geflüchtetenbedienungsmaschine. Zwiespältiger Fortschritt. Der Kunde Farid wäre hier auch ohne mich korrekt bedient worden. Aber wie hätte er sich ohne mich gefühlt?

Der Autor betreut seit 2016 als ehrenamtlicher Pate einen jungen afghanischen Flüchtling. * Der Name wurde geändert.




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