Fotogeschichte aus Steglitz : Oskar Barnack: Der Erfinder der Kleinbildkamera kam aus Lichterfelde

Sein Vater war Hafenmeister am Teltowkanal, er ging in Giesensdorf zur Schule und machte seine Lehre in Lichterfelde: 1913 konstruierte Oskar Barnack die erste Leica-Kamera. Seitdem wurden über 7 Millionen Leicas verkauft. Ein Gastbeitrag eines fotobegeisterten Lichterfelders.

Peter Hahn
Ein Selbstportrait von Oskar Barnack.
Ein Selbstportrait von Oskar Barnack.Foto: Sammlung Umstätter

Viele Berliner kennen sie, die drei 160 Meter hohen Türme des Heizkraftwerks Lichterfelde, das auch als Kraftwerk am Barnackufer bekannt ist. Die Türme sind ein markantes Wahrzeichen im Südwesten Berlins. Aber kaum jemand kennt den Namensgeber der Straße, Oskar Barnack, den Konstrukteur der weltberühmten Leica-Kamera. Sie war die erste Kleinbildkamera der Welt und ist auch heute noch das Nonplusultra in der Fotografie, die das Herz eines jeden Fotografen höher schlagen lässt. Die Marke mit ihrem Sitz im hessischen Wetzlar konnte sich bis heute erfolgreich gegen die asiatische Konkurrenz behaupten.

Barnack wurde am 1. November 1879 in Lynow in der Nähe von Luckenwalde als Sohn des Landwirts Ferdinand Barnack und seiner Frau Karoline geboren. Das Dorf Lynow ist heute ein Ortsteil der Gemeinde Nuthe-Urstromtal. Es besitzt seit 1995 auf Initiative von Herbert Spitz, eines Lehrers im Ruhestand, ein kleines Museum, das an den Erfinder erinnert.

Im Alter von drei Jahren zog Oskar mit seinen Eltern nach Groß-Lichterfelde in die Brauerstrasse 14. Die Familie erhoffte sich durch den Umzug in die Nähe der wachsenden Metropole Berlin bessere Lebensverhältnisse. Der Vater wurde Hafenmeister am Teltowkanal. Drei Jahre später, im Jahr 1885, war für Oskar Schulbeginn in der Schule von Giesensdorf, die sich am heutigen Standort der 1891-1893 neu errichteten Giesensdorf-Grundschule am Ostpreußendamm befand.

Arbeitstisch von Barnack bei Leitz in Wetzlar.
Arbeitstisch von Barnack bei Leitz in Wetzlar.Foto: Sammlung Umstätter

1893 begann Barnack seine Lehre als Feinmechaniker in der Lichterfelder Meisterwerkstätte für feinmechanische Instrumente Julius Lampe mit Sitz in der Boothstraße 6. Zehn Jahre später heiratete er in Lichterfelde Emma Leopold. Aus dieser Ehe stammen zwei Kinder.

Wanderjahre zu den Zentren des optischen Gerätebaus

Sechs Jahre vor seiner Hochzeit ging Barnack auf die Walz, wie dies damals im Handwerk noch üblich war. Diese Wanderjahre führten ihn in die führenden Zentren des optischen Gerätebaus. Zuerst nach Bozen, Dresden, Glashütte, Wien und dann nach Jena, wo er eine Anstellung als Feinmechaniker und Justierer bei den Optischen Werken Carl Zeiss erhielt. Dort hatte er ersten Kontakt zu Kameras und Kinematographen sowie zu Emil Mechau, der ihn Jahre später zur Firma Leitz nach Wetzlar holte.

Ab 1910 experimentierte Barnack ganz privat mit einer selbstgebauten Kamera. Sein Ziel war es, eine kleine und transportable Kamera zu bauen, denn er war es leid, mit den damals schweren Plattenkameras mit dem Filmformat 18x24 cm unterwegs zu sein. Da Barnack mit großer Leidenschaft auch filmte und der beiderseitig perforierte 35 mm-Perutz-Kinofilm damals ein teures Aufnahmematerial war, entschloss er sich eine fotografische Kamera für Filmtests zu bauen. Er entwickelte dann zwei Jahre später für sein Kameramodell das aus zwei Kinobildern bestehende Bildformat und das heute noch übliche Kleinbild-Film-Format 24 x 36 Millimeter. Barnack setzte auch seine Idee um, das Negativformat zu verkleinern und erst nachträglich die Fotos zu vergrößern.

Wechsel nach Wetzlar

Nach einjähriger Tätigkeit als Konstrukteur bei der Firma Zeiss in Dresden wechselte Barnack 1911 als Mechanikermeister zum Mikroskop-Hersteller Ernst Leitz nach Wetzlar. Ein Jahr später übernahm er bereits die Leitung der Versuchsabteilung für Kinokameras.

Aktuell für 2,4 Millionen Euro auf einer Auktion in Wien verkauft. Eine der ersten Kameras aus der 0-Serie der handgefertigten Leica-Modelle.
Aktuell für 2,4 Millionen Euro auf einer Auktion in Wien verkauft. Eine der ersten Kameras aus der 0-Serie der handgefertigten...Foto: Sammlung Umstätter

Im Jahr 1913 konstruierte Barnack seine weltberühmte "Ur-Leica". Bereits 1914 stellte Leitz eine erste kleine Serie von handgefertigten zehn Leicas her. Diese Kamera mit einem Leichtmetallgehäuse steht am Anfang der modernen Kleinbildkameras. Im gleichen Jahr kam es auch zur Patentanmeldung. Diese Ur-Leica verfügte bereits über verschiedene Belichtungszeiten des Verschlusses und über eine Koppelung zwischen Filmtransport und Schlitzverschluss. Im Gegensatz zu den damals herkömmlichen Kameras, wo Transport und Verschluss nicht getrennt funktionierten, konnte der von der Leica verwendete Film 36 Bilder in Folge belichten. Um für die notwendige Vergrößerung der Kleinbild-Negative auch eine gute Abbildungsschärfe zu erhalten, entwickelte sein Arbeitskollege Max Berek ein Objektiv mit einem großen Auflösungsvermögen, das mit seiner Brennweite von 50 Millimetern und der relativen Öffnung der Blende von 1:3,5 zum Standardobjektiv der Leica wurde. 1930 kam die Leica mit auswechselbaren Objektiven (Tele-/Weitwinkel) auf dem Markt.

In der NS-Zeit musste mit einer Leica gearbeitet werden

Ab 1914 fotografierte Barnack mit dem von ihm entwickelten Prototypen. Mit dem ersten Leica-Modell entstand 1920 die erste Fotoreportage der Welt mit einer Kleinbildkamera, die mit eindrucksvollen Bildern ein Hochwasser in Wetzlar dokumentierte. Der erste Weltkrieg verhinderte jedoch den Durchbruch des neuen Kameratyps. Erst 1925 begann der Vertriebsbeginn der Leica bei Leitz nach der Präsentation auf der Leipziger Frühjahrsmesse. 1927 wurden tausend Kameras produziert, vier Jahre später bereits 50.000 und wiederum zwei Jahre danach rund 100.000 Stück. In der NS-Zeit profitierte die Firma von Goebbels Gleichschaltungsanweisung, dass alle deutschen Berufsfotografen nur die Leica benutzen sollten. Bis heute wurden über sieben Millionen Leicas verkauft.

Das Barnackufer in Lichterfelde.
Das Barnackufer in Lichterfelde.Foto: Peter Hahn

Barnack, Musik- und Naturliebhaber, erfuhr zeitlebens wegen seines Könnens und seiner bescheidenen Art eine hohe Wertschätzung durch den Firmeninhaber Ernst Leitz. Über die Jahre hinweg entwickelte sich zwischen ihnen ein besonderes Vertrauensverhältnis. Leider litt Barnack an Asthma. Wegen seiner Lungen- und Bronchialprobleme musste er etliche Kuren machen, er wurde dabei immer von seiner Firma unterstützt. Am 19. Januar 1936 verstarb er während eines Kuraufenthaltes in Bad Nauheim an den Folgen einer Lungenentzündung. Beigesetzt wurde er in Wetzlar.

1961: Nach Barnack wird eine Straße benannt

Seine hohe Bedeutung für die technische Weiterentwicklung der Fotografie ist unbestritten. Viele sehen in ihm den eigentlichen Wegbereiter der modernen Kleinbildfotografie. Posthum erhielt er 1969 daher von der "American Society of Magazine Photographers" eine Auszeichnung. Am 10. Juni 1961 benannte das Land Berlin eine Straße in Lichterfelde in Barnackufer um. Zudem wird seit seinem 100. Geburtstag im Jahr 1979 alljährlich der nach ihm benannte Award der Firma Leica ausgelobt (www.leica-oskar-barnack-award.com).

Für den "Leica Oskar Barnack Award" haben sich 2017 laut Leica rund 2.700 Fotografen aus insgesamt 104 Staaten beworben. Mit einem Preisgeld von circa 80.000 Euro gehört der Award zu den hochdotiertesten Fotowettbewerben der Fotobranche. Im letzten Jahr wurden die Gewinner in der "Neuen Schule für Fotografie Berlin" in der Brunnenstraße 188 von der Leica Camera AG präsentiert. Eine Reise wert ist der Besuch des architektonisch interessanten neuen Firmensitzes in Wetzlar. Dort wird in den großen Ausstellungsräumen das Thema Fotografie und explizit die Geschichte der Leica mit vielen Originalen sehr anschaulich dargestellt.

Der Fotograf Peter Hahn lebt in Steglitz. Sein Gastbeitrag wird auch in der kommenden Ausgabe des Lichterfelder Kiez-Magazins "Ferdinandmarkt" (www.ferdinandmarkt.com), das zweimal im Jahr für Lankwitz und Lichterfelde-Ost erscheint, abgedruckt werden.




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