Lisa Marei Schmidt leitet Brücke-Museum in Dahlem : "Der schönste Beruf der Welt"

Die neue Direktorin des Brücke-Museums geht zurück zu den Anfängen - um von den Wurzeln ausgehend neue Schwerpunkte zu setzen. Schon als Kind gefiel ihr die Farbigkeit der Brücke-Künstler.

Museumsleiterin Lisa Marei Schmidt vor "ihrem" Museum.
Museumsleiterin Lisa Marei Schmidt vor "ihrem" Museum.Foto: Anett Kirchner

Es stehen noch Umzugskartons im Büro von Lisa Marei Schmidt. Die Bibliothek mit Literatur expressionistischer Kunst hat die neue Leiterin des Brücke-Museums in Dahlem von ihrer Vorgängerin übernommen. Manche Bücher sind derart schwer, dass sich darunter die Holzplatten im Regal biegen. Der Teppichboden ist teilweise ausgeblichen und wölbt sich an mehreren Stellen. Demnächst sollen ein neuer Kokos-Teppich gelegt, die Wände weiß gestrichen und Teile des Regals rückgebaut werden - etwa so, wie das Büro in der Entstehungszeit des Hauses aussah. Und genau das hat sich Lisa Marei Schmidt zu Beginn ihrer Arbeit zum Thema gemacht: eine Hommage an die Geschichte des Museums.

"Denn zuerst möchte ich das Haus verstehen lernen", sagt sie. Jedes Museum habe seinen ganz eigenen Rhythmus. Im Oktober vorigen Jahres hat sie die Leitung übernommen und seitdem viele Gespräche geführt; vor allem zugehört. Dabei fiel ihr auf: Die Mitarbeiter identifizieren sich mit dem Haus, verstehen sich als Gastgeber. "Das ist ein Geschenk", findet Lisa Marei Schmidt. Und zum Verstehen gehöre eben auch die Vergangenheit. So recherchierte sie im Archiv und Depot, wälzte historische Briefe, Baupläne, Bücher, Fotos und befasste sich mit der Kunst, die in der Entstehungszeit - Eröffnung des Museums war 1967 - hier gezeigt wurde.

Die erste Ausstellung ist ein Blick zurück

Herausgekommen ist ihre erste Ausstellung als Leiterin und Kuratorin hier im Brücke-Museum. Sie rekonstruiert die erste Sammlungspräsentation des Hauses und soll zugleich Ausgangspunkt neuer Perspektiven auf die Sammlung, das Gebäude und dessen Geschichte sein. Gezeigt werden 39 Gemälde, 72 Grafiken und Zeichnungen, sieben Skulpturen, eine Glasarbeit, Jahresmappen und Postkarten. Eröffnung der neuen Ausstellung mit dem Titel "Ein Künstlermuseum für Berlin: Karl Schmidt-Rottluff, Leopold Reidemeister und Werner Düttmann" wird am 6. Mai, ab 12 Uhr, sein.

Wenn Lisa Marei Schmidt über ihre Arbeit in den ersten Monaten hier spricht, spürt man eine große, innere Freude. Ihre Worte überschlagen sich fast. Mehrmals steht sie auf, holt ein Foto oder einen Zeitungsartikel, der dokumentiert, wie alles begann. Es ist der Dreiklang aus Architektur, Kunst und Natur, der sie an diesem Standort beeindruckt. Denn das Grundstück am Grunewald sei bewusst gewählt worden. Der Blick durch die Fenster in die Natur, dem gegenüber die Werke der Künstler - zusammen schaffe das eine spezielle Atmosphäre. Karl Schmidt-Rottluff, der zur Künstlergruppe "Brücke" gehörte, war einst Initiator des Museums.

Gemeinsam mit Leopold Reidemeister, dem ehemaligen Generaldirektor der Staatlichen Museen (später Leiter des Brücke-Museums) und dem Architekten Werner Düttmann, der auch die Berliner Akademie der Künste verantwortete, errichteten sie hier am Bussardsteig ein "Künstlermuseum".

Sie sieht in dem Haus ein großes Potenzial

Heute ist es das einzige Museum in Berlin, das noch eine nachgeordnete Einrichtung der Senatsverwaltung für Kultur und Europa ist. Schritt für Schritt soll es jetzt mitsamt Inneneinrichtung zu seinen Ursprüngen rückgebaut werden. Lisa Marei Schmidt sieht in dem Haus großes Potenzial, das noch nicht ausgeschöpft sei. Genau das reize sie an ihrer neuen Position hier als Museumsleiterin.

Sie wurde 1978 geboren und ist in einem Vorort von Köln aufgewachsen. Das Interesse für Kunst wurde durch ihre Eltern geweckt, die zwar selbst keine Künstler sind, aber in der Kölner Kunstszene viel unterwegs waren. Die Eltern umgaben sich auch zu Hause mit zeitgenössischer Kunst, über die in der Familie oft diskutiert wurde. Schon als Kind sei ihr die Künstlergruppe "Brücke" aufgefallen und im Gedächtnis haften geblieben. "Mir gefiel die Farbigkeit und die Komposition der Gemälde", erinnert sie sich.

Der Eingang des Brücke-Museums am Bussardsteig in Dahlem.
Der Eingang des Brücke-Museums am Bussardsteig in Dahlem.Foto: Anett Kirchner

Lisa Marei Schmidt studierte zunächst Germanistik im Hauptfach und Kunstgeschichte im Nebenfach, bis sie ein Praktikum in der kuratorischen Abteilung am Institute of Contemporary Art (ICA) in Boston machte. "Dort merkte ich, dass Kurator der schönste Beruf der Welt ist", schwärmt sie. Was ihn dazu mache? Die Mischung aus wissenschaftlicher Arbeit, Austausch mit Künstlern und Organisation. "Ich lerne immer Neues hinzu, treffe Menschen mit interessanten Biografien und werde dafür auch noch bezahlt", sagt sie und lacht.

Fortan studierte Lisa Marei Schmidt also Kunstgeschichte im Hauptfach, in Marburg, Amsterdam und der Humboldt-Universität Berlin. Später machte sie eine Ausbildung zur Kuratorin am Royal College of Art in London. Ab 2009 war sie wissenschaftliche Volontärin an der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, seit 2012 Kuratorin im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart Berlin.

"Ich mag kleinere Häuser"

Dort betreute sie zum Teil Ausstellungen auf einer Fläche von 7000 Quadratmetern, jetzt im Brücke-Museum sind es 450 Quadratmeter. "Ich mag kleinere Häuser, in denen ich alle Teilbereiche überblicken kann", erklärt Schmidt. Zudem arbeite sie gern mit geschlossenen Sammlungen, wie es hier der Fall sei. Denn sie bildeten einen guten Rahmen für neue Ideen. Sie hat die Leitung des Brücke-Museums von Magdalena Möller übernommen, die fast 30 Jahre hier die Chefin war. Deren Arbeit habe sich insbesondere auf die Bereiche Wissenschaft und Publikation konzentriert. "Dieser Schwerpunkt erlaubt mir heute, andere Schwerpunkte zu setzen", beschreibt es Lisa Marei Schmidt.

Ein Schwerpunkt für sie wird sein, mit den Menschen in Steglitz-Zehlendorf ins Gespräch zu kommen. Denn das Brücke-Museum sei auch ein Stück Heimatgeschichte. So hat sie zum Beispiel Sigrid Kaus zu einem öffentlichen Gespräch eingeladen. Sie ist die Witwe des Künstlers Max Kaus, der in Lichterfelde-West lebte und mit Erich Heckel, dem Mitbegründer der Brücke-Gruppe, befreundet war. Und es sind Kooperationen mit dem benachbarten Kunsthaus Dahlem und der Freien Universität (FU) Berlin geplant.

Doch bei all den Plänen und Ideen für die kommende Zeit soll eines nie aus den Augen verloren werden: der Standort. Denn schon Karl Schmidt-Rottluff schrieb im September 1967, zehn Tage nach der Eröffnung des Museums an den Architekten Werner Düttmann in einem Brief: "…Ihr Bau hat durchgehend gute Verhältnisse und rechtes Maß […] und die Landschaft ist geradezu beglückend einbezogen. Es müsste jeder Besucher für eine Weile dort froh werden..."




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