Naturschutz im Südwesten: BUND vor Ort : 1,5 Millionen neue Nachbarn

Die Bezirksgruppe Südwest des BUND ist mit 800 Mitgliedern die größte in Berlin. Die Umweltschützer kümmern sich um den Gewässerschutz, um den Erhalt von Wald und seinen Bewohnern, sie zeichnen naturnahe Gärten aus - und sie klären über Wiesen-Waldameisen auf.

Evelyn Kersten, Sprecherin des BUND-Südwest, nennt die Ameisen "ihre Mädels".
Evelyn Kersten, Sprecherin des BUND-Südwest, nennt die Ameisen "ihre Mädels".Foto: Anett Kirchner

Wenn Evelyn Kersten liebevoll von "ihren Mädels" spricht, meint sie die etwa 1,5 Millionen Wiesen-Waldameisen, die in ihrem Garten leben. Das Nest des Ameisenvolkes besteht aus Erde, Zweigen, Blättern, Holz, Kiefernnadeln und einem weitläufigen Geflecht unterirdischer Gänge. Evelyn Kersten hat Äste für das Nest gesammelt, "damit meine Mädels hier ihren Bau erweitern und nicht in die Gärten der Nachbarn wandern". Die Wiesen-Waldameise ist selten, daher streng geschützt. Damit dieser Staat erhalten bleibt, kümmert sich die Bezirksgruppe Südwest vom Landesverband Berlin des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) darum. Evelyn Kersten ist die Sprecherin.

Etwa 15 ehrenamtliche Naturschützer gehören aktuell zum aktiven Kern des BUND-Südwest - Tendenz steigend. Mit rund 800 Mitgliedern ist es die größte Gruppe vor Ort im Landesverband Berlin, der insgesamt circa 8.200 Mitglieder hat. Es gibt jeweils einen Experten für Gewässerschutz, für Bäume und Gehölze, für Bienen, für Tierschutz sowie für Wildpflanzen. Die Ortsgruppe Südwest betreut zahlreiche Projekte in Steglitz-Zehlendorf und über die Bezirksgrenzen hinaus. Während die üblicherweise von Menschen angeregt werden, haben sich die Wiesen-Waldameisen in gewisser Weise selbst für ihr Projekt beworben.

Ein Staat zieht um

Denn einige Grundstücke entfernt vom Haus von Evelyn Kersten am Königsweg in Kohlhasenbrück (Wannsee) hatte der BUND-Südwest früher einen eigenen Referenzgarten. Dort wurde gezeigt, wie naturnahes Gärtnern funktioniert. Weil das Grundstück verkauft wurde, musste der Garten aufgegeben werden. "Einige wertvolle Pflanzen und alte Gehölze holte ich zu mir in meinen Garten", erinnert sich die 60-Jährige. Wenig später habe sich eine Ameisenstraße vom ehemaligen Referenzgarten zu ihrem Grundstück gebildet. Die Tiere trugen ihren gesamten Staat in ihren Garten und "nach zwei Tagen war der Umzug vollzogen".

Wiesen-Waldameisen-Nest im Garten von Evelyn Kersten.
Wiesen-Waldameisen-Nest im Garten von Evelyn Kersten.Foto: Anett Kirchner

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass in dem alten Holz, das Evelyn Kersten zuvor geholt hatte, die Königinnen der Ameisen wohnten. So erklärte sich der aufwendige Umzug. Inzwischen ist sie zur Expertin für die Wiesen-Waldameisen geworden. Sie bietet Führungen zu dem Nest an, erklärt, wie wertvoll die Tiere für das Ökosystem sind; etwa für die Gefiederpflege der Vögel. Denn bisweilen "baden" Vögel regelrecht in Ameisenhügeln. Durch das Sekret, das die Tiere absondern, fallen die Lästlinge aus dem Gefieder. Zudem brauchen Ameisen circa 10.000 Insekten täglich, um ihren Staat zu ernähren. Damit leisten sie einen Beitrag zur natürlichen Schädlingsbekämpfung im Garten.

Aufklärung ist wichtiger Bestandteil der Arbeit

"Das habe ich auch meinen Nachbarn erzählt, die anfangs von den Ameisen nicht begeistert waren", schildert Evelyn Kersten. Aufklärung jeglicher Art sei ohnehin wesentlicher Bestandteil der Arbeit des BUND-Südwest. "Wir wollen, dass Kooperationen entstehen; zum Beispiel zwischen Bürgern und Bezirksamt." Sie beobachte, dass sich in den letzten Jahren immer mehr Bürgerinitiativen bildeten, etwa wegen geplanter Baumaßnahmen, Baumfällungen oder anderer Eingriffe in die Natur. Hier sei es wichtig, zu vermitteln, die Emotionen in gewisser Weise zu lenken, damit beide Seiten Verständnis füreinander entwickelten. "Das erspart Konflikte und Frust bei den Bürgern", habe sie gelernt.

Die Naturschützerin sammelt regelmäßig Zweige, damit die Ameisen ihr Nest erweitern können.
Die Naturschützerin sammelt regelmäßig Zweige, damit die Ameisen ihr Nest erweitern können.Foto: Anett Kichner

Dabei hilft Evelyn Kersten ihre jahrelange Erfahrung als Bezirksverordnete der SPD-Fraktion in Steglitz-Zehlendorf. Sie weiß, wie die Ausschüsse arbeiten, wie und wann man am besten Anfragen formuliert, wohin die Bürger mit ihren Sorgen gehen können. "Das läuft wunderbar", schwärmt sie. "Ich spreche mit allen Seiten, den Bürgern, den Firmen, den Bezirkspolitikern und den Mitarbeitern im Amt." Das Ziel sei immer, den "Goldenen Königsweg" (lacht) zu finden.

Gefällte Bäume als Schichtholzhecke nutzen

Als aktuelles Beispiel nennt sie die gelungene Kooperation mit der Deutschen Bahn in Bezug auf die Sturmschäden im letzten Jahr. Hierfür seien entlang der Gleise massiv Bäume gefällt worden. Daraufhin habe der BUND-Südwest Kontakt zur Abteilung Vegetation der Deutschen Bahn hergestellt und empfohlen: anstatt die Gehölze abzutransportieren und zu schreddern, sie als Schichtholzhecke vor Ort zu belassen. Darin könnten Vögel brüten und sich Kleintiere verstecken. "Das hat die Bahn prima gemacht, es spart zudem Kosten und zugleich die Proteste der Anwohner", sagt Kersten.

Ein weiteres, mittlerweile berlinweit etabliertes Projekt der BUND-Gruppe ist die Auszeichnung "Naturnaher Garten". Dabei werden private Gärten, Balkone, Grünanlagen von Mietshäusern oder Firmen sowie Kleingärten prämiert. Ein wichtiges Kriterium ist die Kreislaufwirtschaft. Abfälle sollen im Garten bleiben; etwa als Kompost. Ganz wesentlich ist zudem, dass auf Pflanzengift verzichtet wird. Die Gewinner des Wettbewerbes bekommen jeweils eine Plakette, die sie am Eingang ihres Gartens anbringen können. Das soll zur Nachahmung anregen, frei nach dem Motto: "Das will ich auch haben!" Und die Erfahrung zeige: Es funktioniert.

Die Mitglieder des BUND-Südwest treffen sich an jedem zweiten Freitag im Monat um 18 Uhr im Restaurant Loretta am Wannsee. Weitere Infos gibt es hier: bund-berlin.de




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