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Chaos - aber mit Herz. Dieses Archivbild stammt allerdings nicht vom im Text beschriebenen Flüchtlingsheim, die Helfer auf dem Bild sind ganz sicher engagiert und mit Empathie dabei - so wie auch viele andere Menschen im Land.

© dpa

Ehrenamt und Flüchtlinge in Berlin-Zehlendorf: Wir können auch Chaos, wenn wir uns ein Herz nehmen!

Gedanken und Beobachtungen einer Frau, die in den letzten Tagen als Ehrenamtliche spontan versuchte, in einer neuen Flüchtlingsunterkunft in Berlin-Zehlendorf zu helfen.

Jetzt mal nicht nur reden, denke ich. Einfach was tun. Also stehe ich morgens vor einer neuen Notunterkunft in Steglitz-Zehlendorf. Seit wenigen Tagen sind die ersten Flüchtlinge dort. Mit mehreren anderen Freiwilligen stehen wir vor der Tür und fragen: Was ist zu tun?

Ab in die Küche zunächst: Frühstück ausgeben, abgepackt in Plastik. Ein weißes Brötchen, Weißbrot, etwas Butter, Marmelade. Lecker ist anders. Gleichzeitig werde ich vom wenigen Personal des Betreibers immer wieder angewiesen, "denen auch Disziplin" zu vermitteln. Ich zeige also mit ausholenden Gesten: Besteck hier. Teller da. Tassen zur Spüle tragen. Eine Familie trudelt zu spät und verschlafen in den Raum, vom Frühstück ist ausreichend übrig, aber es wurde schon weggeräumt. Der Vater bittet mit Blick auf die Kinder, führt die Hand zum Mund. Aber von hinten werde ich schon wieder aufgefordert, hart zu bleiben. Ich weiß nicht, was ich machen soll, ich denke, was wird das hier, wo sind wir?

Ich schüttele dann artig den Kopf: "Please, come back at 12!"

Die Unterkunft ist neu, die Koordination steckt verständlicherweise noch in den Kinderschuhen. Aber ich frage mich schon nach den ersten Eindrücken: Was würde hier sein, wenn nicht die Freiwilligen hier wären? Vom Personal ist wenig zu sehen, und wenn, dann wird scharf kommandiert, einige mussten diesen Job hier annehmen, sonst hätte das Arbeitsamt Arbeitslosengeld gekürzt, höre ich. Dementsprechend ist die Motivation.

Wir Freiwilligen räumen die Großküche auf, die Spülmaschine ein und aus, wischen, fegen, säubern die Ablagen und Arbeitsflächen. Das Mittagessen wird angeliefert. In Plastik abgepackt. Fisch und gekochte Kartoffeln, es sieht wenig ansprechend aus. Ich stelle mir kurz vor, was damit in der Schulkantine einer durchschnittlichen deutschen Schule passieren würde. Als die Kinder am Vorabend nach Marmelade gefragt hatten, hieß es: "Nein. Sie sollten sich an die deutschen Essgewohnheiten anpassen."

Der Ton ist rau, wenn auch nicht bei allen, viele sind bemüht, Haltung zu bewahren. Man spürt auch, alle sind irgendwie mit der Situation überfordert, leider wird das hier mit Ruppigkeit überspielt. Es gibt kaum Empathie für die Menschen, um die es hier geht. Was hatte ich denn erwartet?

Häufig fällt der Satz „das müssen die lernen“. Müssen sie. Jetzt sofort? Ich weiß es nicht. Ein Kind möchte eine Wasserflasche, eine gepflegte Helferin gibt sie ihm nicht sofort, sondern sagt: „Eine Flasche Wasser“, der kleine Junge schaut sie fragend an. Sie wieder: „Sag eine Flasche Wasser“.

Es ist sehr still in dem Gebäude. Noch. Wenige Gespräche, kein Lachen. Die Männer starren auf ihre Smartphones, im Hof wird geraucht. Nicht einmal die Kinder rennen herum, sie wirken bedrückt, erschöpft, ich denke: Absurd..."Sag eine Flasche Wasser!"

Flüchtlinge mit ihren Kindern in einer der Berliner Notunterkünfte.

© dpa

Unten in der Kleiderkammer herrscht das vollkommene Chaos in Tüten. Berlin hat gespendet. Und gespendet. Und gespendet. Immer wieder kommen Menschen und bringen Tüten mit Kleidung. Wohin damit? Zwei große Räume sind schon voll. In der aus mehreren kleinen Räumen bestehenden Kleiderkammer lässt sich kaum ein Fuß auf den Boden setzen. Es gibt sehr viel gute Kleidung, genau richtig. Aber eben auch: Unmengen an Sommerkleidchen. Miniröcken. Leichten Tops. Sandalen. Kinderkleidung ohne Ende, dünne Jäckchen, kurze Hosen. Vieles fällt in die Kategorie: Zu schade für die BSR. Aber für Flüchtlinge ist das doch noch gut, oder!

"Nein", heißt es barsch. "Die hatten schon!"

Die Flüchtlinge stehen jetzt an zur Kleiderausgabe. Auch hier: Keine Empathie vom Personal! Dafür klare Ansagen. "Stand in line. Don´t push." Am Anfang darf keiner rein, wir reichen die Kleidung raus. Schätzen die Größe ab, manchmal übersetzt jemand für uns. "Die wollen doch alle nur Nike und Adidas", heißt es. Man erklärt mir, ich solle mich nicht aufhalten. „Die“ sollen nehmen, was wir ihnen geben. Die Schlange wird länger. Manche Flüchtlinge wollen noch ein T-Shirt oder eine andere Hose, die erste passte nicht. Oder vielleicht noch eine Jeans? Nein, heißt es barsch. Die hatten doch schon! Hier braucht offenbar niemand Hilfe. Die Menschen hier haben ihre Heimat verlassen, um ein paar Markenschuhe zu schnorren?

Ein Mädchen, vielleicht vier Jahre alt, braucht Schuhe. Sie ist sehr zart, sehr still, ich winke sie rein. Das erste Paar passt, grau, ein bisschen gefüttert, für den kalten Herbst. Ihr Blick schweift durch den Raum und bleibt an etwas hängen. Mädchenschuhe, mit rosa Glitzer. Niemand beobachtet mich, ich fürchte mich schon vor dem nächsten Kommandoton, vor dem "ditt is hier nich wünsch dir was“.  Ich zeige auf die Schuhe, für einen winzigen Moment leuchten ihre Augen. Hoffentlich passen sie. Ja, wie für sie gemacht. Was noch? "Pyjama", sagt sie leise. Im Regal ist etwas in ihrer Größe, auf dem Shirt prangt Hello Kitty. Sie drückt es fest an sich, als sie geht. Mein Herz hüpft.

Was wissen wir denn von diesen Menschen hier? Die Frauen müssen sich ausgerechnet dort, wo auch alle anderen vorbeimüssen, ihre Unterwäsche in einer großen Kiste zusammensuchen. Als plötzlich ein Junge einen Ball von Herthas BSC in der Hand hält, der offensichtlich vom Verein verschenkt worden ist, brüllt eine: "Wer hat denn hier Bälle ausgegeben!" Der Junge gibt seinen Schatz aber nicht mehr her.

Wir wollen helfen und erleichtern unser Gewissen. Das ist menschlich und wichtig und gut, und vieles an materieller Hilfe wird so dringend auch benötigt. Aber eben nicht alles. Aber zumindest hier und heute an diesem Ort fehlt es an Wärme, ohne sie aber werden die Menschen sich hier nicht integrieren wollen. Wärme und Aufgeschlossenheit schließen Konsequenz und notwendige Härte nicht aus. Beides gehört, je nach Situation, zusammen.

Mein Fazit hört sich vielleicht böser an als es gemeint ist: Wir wollen mit deutscher Fürsorge bewirken, dass die Flüchtlinge jetzt und sofort funktionieren - nach unseren Maßstäben funktionieren. Wir hätten dann ein besseres, sicheres Gefühl, dass der Satz der Kanzlerin, "wir schaffen das", auch stimmen könnte.

Aber eigentlich sollte uns die aktuelle Situation vor allem etwas anderes lehren: Wir können sogar Chaos, wenn wir uns ein Herz nehmen!

Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Zehlendorf. Der Text erscheint auf dem Tagesspiegel-Zehlendorf, dem digitalen Stadtteil- und Debattenportal der Zeitung. Schreiben Sie uns gern an zehlendorf@tagesspiegel.de oder folgen uns auf Twitter.

Maresa Münchow

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