Berlin : Birk Hauf (Geb. 1965)

Er sah viele im stillen und im lauten Ringen mit dem Tod

Was tun, wenn der Vater im Sterben liegt und keine Patientenverfügung vorliegt? Der Sohn will Maximaltherapie, alles, was das Leben verlängert, die Tochter schwört, der Vater hätte das nicht gewollt, niemals. Was tun als Arzt, als Pfleger? Birk erlebte solche Konflikte oft. Der Patient ist selten das Problem, die Angehörigen wollen das Unmögliche, vermuten Fehlverhalten, wissen dank Dr. Google alles besser. Da hilft es, sie daran zu erinnern, dass es nicht um sie, sondern um den Patienten geht. Was hätte er gewollt, jetzt, da er im Sterben liegt? Es muss nicht alles getan werden, was technisch möglich ist.

„Haben Sie nicht eine Pille für mich?“, wurde Birk zuweilen von Todkranken gefragt, aber diese letzte Pille, die hatte er nicht. Er half den Menschen, so schmerzfrei wie möglich zu sterben, er redete mit ihnen, er begleitete sie und er spendete Trost. Vor 20 Jahren war das in Berlin nicht so einfach, einen Ort dafür zu finden. „Es muss was passieren in der Palliativmedizin“, dachten sich damals Pfleger und Ärzte, die Sterbenden brauchen eine bessere Betreuung, zu Hause und in entsprechenden Einrichtungen. Birk schloss sich mit Kollegen in einem Arbeitskreis zusammen. Sie fanden Gehör in der Politik. Inzwischen gibt es viele ambulante Pflegedienste und mehr als ein Dutzend Hospize in Berlin, in denen Sterbenden der Abschied erleichtert wird.

Bei seinem ersten Toten, da musste seine Frau ihn noch begleiten, nicht mit hoch in die Wohnung sollte sie kommen, aber im Auto sollte sie warten. Es war ja sein Patient, der da gestorben war, und wenn es auch keinen Angehörigen gab, der Abschied nehmen wollte, so sollte der Tote doch in Würde aufgebettet sein. Gewaschen und in ordentlichen Kleidern. Der Kopf so gerichtet, dass ein letzter Blick auf ihn nicht zu sehr schmerzte. Birk sah dann viele Patienten im stillen und im lauten Ringen mit dem Tod, und immer versuchte er, ihnen dabei zu helfen, in Würde aus dem Leben zu gehen. Er hat das nie als Arbeit empfunden. Vielleicht, weil er sich schon von Kindesbeinen an zunächst um andere und dann erst um sich selbst gekümmert hat.

Die Mutter, gelernte Erzieherin, war Bürgermeisterin in Zilly, einem kleinen Ort im Harz. Wer da ein Problem hatte, der klingelte einfach bei ihr. Der Vater war Bauer in der Produktionsgenossenschaft und zog sich abends gern mit einem Buch in seine Ecke zurück. Oma und Opa wohnten auch im Haus und natürlich der Bruder, der Lange, welcher Birk, den Dicken, immer ein wenig hänselte. Was dem die Laune nicht trüben konnte, weil er schon früh zu Oma ins Erdgeschoss zog, nachdem Opa nicht mehr war. Oma umsorgte Birk, und Birk umsorgte Oma, die an Krücken ging und immer mal wieder Hilfe brauchte. Birk umsorgte Bruder, Vater, Mutter und alle, die ins Haus kamen. „Feiert ihr mal schön“, sagte er den Eltern, „ich kümmer’ mich schon drum, dass jeder kriegt, was er will.“

Der kleine Bruder diente bei der Freiwilligen Feuerwehr, Birk war Rettungsschwimmer, aber noch viel lieber wäre er Mediziner geworden, doch dafür reichten die Noten nicht. Der Vater starb früh an Krebs, was hart für Birk war, weil er fortan fürchtete, auch früh gehen zu müssen. Also drückte er ein wenig aufs Tempo. Er lernte Maschinenanlagentechniker, fand einen Job und suchte sich eine Frau, was nicht allzu schwer war, denn er war der Traum aller Schwiegermütter. „Den behalte mal!“, meinte die Mutter zu ihrer Tochter, die ihr Birk gerade erst vorgestellt hatte. Er war einfach ein Netter. Er war höflich zu den Frauen, die Aufmerksamkeit hatte er von seiner Oma, er hielt die Tür auf, ohne Aufhebens darum zu machen. Und im Haushalt packte er ohne Nörgeln an, das hatte er von seiner Mutter.

1989 heirateten sie, 1990 wurden beide darüber unterrichtet, dass sie demnächst ihre Arbeitsplätze verlieren würden. Für Birk war es ein Glück, er fand endlich seinen Traumjob und arbeitete zunächst als Haushaltspfleger und dann als examinierter Krankenpfleger im ambulanten Pflegedienst. Manchmal war er sieben Tage die Woche, 24 Stunden in Bereitschaft. Er fühlte sich gebraucht. „Wenn es meinen Patienten gut geht, dann geht es mir auch gut.“

Und außerhalb der Arbeitszeit hat er gern mal für Opa den Rasen gemäht und Omas Gardinen zum Waschen mit nach Hause gebracht. Für ihn gehörten sie alle irgendwie zur Familie. Ein bisschen Verwöhnen tut jedem gut. Vor allem natürlich der eigenen Tochter. Die Mutter musste erziehen, er war der Schmusepapa.

Alles lief gut. Geld für die nötigsten Anschaffungen war da. Im Urlaub ging es aufs Geratewohl an die Ostsee oder heim in den Harz. Einmal im Monat einen schönen Abend im Lokal, und ansonsten hielt der Hund auf Trab. Dass die Ehe dennoch nicht hielt, lag auch daran, dass in so einem harten Job der Partner oft mehr ertragen muss, als der Liebe guttut.

Birk hatte den Arbeitgeber gewechselt, war viel unterwegs in Sachen Palliativmedizin, war gesuchter Experte für die Technik, die den Sterbenden hilft, war ein gefragter Vortragender und ein immer wieder gebrauchter Kollege in den Hospiz-Arbeitskreisen. Und auch wenn es da zum Auftakt immer die „Befindlichkeitsrunde“ gab, in der jeder ehrlich sagen sollte, wie es ihm geht, was gut-, und was schiefläuft bei der Arbeit, blieb bei ihm zuweilen das Gefühl, hinter den eigenen Erwartungen zurückzubleiben. Aber er half weiter, wo immer er konnte. Als die Nachbarin ihm anvertraute, dass es bald zu Ende gehen würde mit ihrem Mann und er so gern auf den Gartenteich sehen würde, da fragte Birk: „Und? Was spricht dagegen?“ – „Na, das Bett müsste ins andere Zimmer gestellt werden!“ – „Was ist das Problem?“ – „Alles müsste umgeräumt werden.“ Birk hat es geregelt. Der Mann konnte in seinen letzten Stunden auf den Teich blicken, das war Glückseligkeit ohne Morphium.

Birk hat immer alles geregelt. Vielleicht auch aus der Angst heraus, eines Tages nicht mehr gebraucht zu werden. Das war anstrengend. Irgendwann war er müde, müder vielleicht, als er es sich selbst eingestehen wollte, und da hat er sich aufs Sofa gelegt und ist nicht mehr aufgewacht.

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