• Bis auf Anlieger und Lieferverkehr: Kreuzberg sperrt aus dem Wrangelkiez die Autos aus

Bis auf Anlieger und Lieferverkehr : Kreuzberg sperrt aus dem Wrangelkiez die Autos aus

Die Schilder kommen Ende der Woche: Der Bezirk will große Teile des Kiezes nur noch für Anlieger und Lieferanten befahrbar machen. Das führt auch zu Protest.

Sie führt quer durch den Wrangelkiez: Blick in die Falckensteinstraße mit reichlich Verkehr.
Sie führt quer durch den Wrangelkiez: Blick in die Falckensteinstraße mit reichlich Verkehr.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Die riesigen Bäume werfen mächtige Schatten auf die Gehwege in der Oppelner Straße, zwischen den Stämmen stehen Gaslaternen. Durchaus ein angenehmer Ort, hier im Wrangelkiez in Kreuzberg. Aber da sind auch die Autos in den Parkbuchten, da ist auch der dreiachsige Lkw, aus dem vor einem Supermarkt in der benachbarten Wrangelstraße Obstkisten geladen werden.

Vor einer Arztpraxis in der Oppelner Straße sagt Marie Kouassi, dass diese Mischung aus Idylle und Verkehr ganz okay sei. „Ich persönlich habe kein Auto, aber Autos gehören hier schon dazu. Wenn man den Verkehr reduziert, dann wird die Gegend noch beliebter und noch teurer.“ Sie schiebt ihre Tochter im Kinderwagen, sie wohnt ein paar Meter weiter.

Aber erst mal wird der Verkehr reduziert. Das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg will „die Görlitzer Straße sowie den gesamten Wrangelkiez nur noch für Anlieger*innen“ befahren lassen. Nur noch Anlieger und Lieferanten dürfen dann die engen Straßen benutzen. Die entsprechenden Schilder werden Ende der Woche aufgestellt, sagt ein Pressesprecher des Bezirksamts. Ab dann gelte auch die Verordnung.

Aktueller Grund dafür sind die Bauarbeiten am Schlesischen Tor. Viele Autofahrer nützten jetzt den Wrangelkiez als Streckenalternative.

Doch sollte sich das Ganze bewähren, dann plant das Bezirksamt durchaus, die Einschränkungen nach Ende der Bauarbeiten aufrechtzuerhalten.

Wegen Bauarbeiten nutzen Autofahrer den Kiez als Alternative

Es gibt auch Menschen, die von dieser Maßnahmen sehr wenig halten. Ein Mann mit beeindruckend langem Pferdeschwanz, der aus einer Arztpraxis in der Oppelner Straße kommt, sagt: „Ich sehe in der Maßnahme mehr Nach- als Vorteile.“ Und weiter: „Ich bin kein Anwohner, aber auf das Auto angewiesen, ich muss hier halten.“

Eine Passantin dagegen hält die Verkehrsreduzierung „für eine gute Idee“. Sie steht vor einer Apotheke in der Wrangelstraße, ihr sind hier zu viele Autos unterwegs. „Und es ist ja gut, dass der Lieferverkehr weiterhin fahren darf.“

Auch Karola Steberl unterstützt die Einschränkungen. Für sie ist der Verkehr im Wrangelkiez teilweise „fürchterlich“. Neben ihr stöhnt Ralf Lössdorfer: „Hier kommen ja schon Sattelschlepper zum Ausladen vor die Supermärkte.“ Auch ihm geht der Verkehr sehr auf die Nerven. Er wohnt mitten in dem Gebiet, in dem jetzt der Verkehr reduziert werden soll. Allerdings sind an diesem Vormittag nicht übermäßig viele Autos zu sehen.

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Und es ist auch gar nicht der gesamte Wrangelkiez betroffen. Der Pressesprecher präzisiert: „Görlitzer Straße, Lübbener Straße, Sorauer Straße, Oppelner Straße, Falckensteinstraße, ausgenommen Abschnitt nördlich Schlesische Straße, Cuvrystraße, ausgenommen Abschnitt nördlich Schlesische Straße, Taborstraße und Wrangelstraße nach dem Kreuzungsbereich mit Skalitzer Straße“.

Petition gegen Sperrung: Sorge vor steigenden Mieten im Wrangelkiez

Über Verkehrseinschränkungen in dem Areal wird schon lange diskutiert. Die „Initiative Autofreier Wrangelkiez“ kämpft bereits seit 2017 dafür und stieß bei Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) auf Sympathien.

Eine Gegenbewegung hat allerdings eine Petition ausgearbeitet, die sich gegen eine Sperrung des Kiezes für den Verkehr ausspricht. Die Gegner befürchten steigende Mieten und höhere Immobilienpreise im Kiez. Deren Petition haben bislang mehr als 3000 Menschen unterschrieben.

Auch Henner Schmidt, infrastrukturpolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus, ist gegen eine Reduzierung des Verkehrs. „Die Schließung einzelner Kieze für den Durchgangsverkehr ist keine allgemeine Lösung für die Verkehrsprobleme. Dadurch wird vor allem zusätzlicher Verkehr in die sowieso schon hoch belasteten Durchgangsstraßen gelenkt“, sagt er. Stattdessen solle der öffentliche Nahverkehr flexibler gestaltet werden.

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