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Die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen in Oranienburg war das erste KZ der SA.
© Kitty Kleist-Heinrich
Tagesspiegel Plus

Bizarrer Streit in Brandenburg: Straße auf KZ-Gelände in Oranienburg nach rechter Aktivistin benannt

In einem neuen Wohngebiet auf einem früheren KZ-Außenlager wird eine Frau geehrt, die ins Rechtsextreme abgedriftet ist.

Es kommt nicht oft vor, dass sich die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten in die Stadtpolitik von Oranienburg (Oberhavel) einmischt. Jene Stadt, in der die Nazis erst das Konzentrationslager Oranienburg, später das Konzentrationslager Sachsenhausen betrieben, wo sie in der Inspektion der Konzentrationslager Zwangsarbeit und Völkermord verwalteten. Nun aber musste es sein.

Denn im Juni 2020 hatten die Oranienburger Stadtverordneten nach langer Debatte eine Entscheidung getroffen, die Kritiker geschichtsvergessen nennen. Das Internationale Sachsenhausen Komitee, Angehörige von KZ-Häftlingen, der internationale Beirat der Gedenkstättenstiftung und der Zentralrat der Juden mischten sich ein.

Gleich in unmittelbarer Nähe des früheren KZ Sachsenhausen entsteht das neue Wohngebiet „Aderluch“. Denn Oranienburg wächst, im Speckgürtel um Berlin wird der Wohnraum knapp. Doch dort, wo Ein-, Zweifamilien- und Reihenhäuser entstehen, war einst das KZ-Außenkommando Zeppelin. Für die Luftschiffbau Zeppelin GmbH Friedrichshafen mussten meist jüngere KZ-Häftlinge aus Osteuropa in Zwangsarbeit Fesselballons fertigen und reparieren. Mit den Ballons sollten Flugzeuge der Alliierten beim Anflug behindert werden.

An die 700 KZ-Häftlinge erinnert die Stadt nicht mit Straßennamen

Acht neue Straßen befinden sich in dem neuen Wohngebiet – und die Stadtverordneten haben die Namen der Straßen bestimmt. Doch an die 700 KZ-Häftlinge die dort im Außenlager gequält wurden, erinnert die Stadt mit keinem Straßennamen. Im Gegenteil.

Acht Frauen aus der Oranienburger Geschichte dienten als Namensgeberinnen. Eine Straße ist nach einem Opfer des Konzentrationslagers Sachsenhausen benannt, die anderen nach drei Sozialdemokratinnen, die nach Einführung des Frauenwahlrechts 1919 die ersten weiblichen Stadtverordneten waren und nach einer früheren Bürgermeisterin der Stadt.

Konfliktbeladenes Gedenken an einem doppelt belasteten Ort

Aber auch nach einer Frau, die nach 1945 im Speziallager interniert war, das die Sowjets auf dem KZ-Gelände eingerichtet hatten. Und die von 1995 bis zu ihrem Tod 2007 Vorsitzende der „Arbeitsgemeinschaft Lager Sachsenhausen 1945-1950“ war. Der Fall zeigt auch, wie konfliktbeladen Gedenken an einem Ort ist, der doppelt belastet ist. 

Es geht um Gisela Gneist. Trotz Appellen aus ganz Europa, die KZ-Geschichte des Ortes nicht zu verschleiern, Konzentrationslager und Speziallager nicht gleichzusetzen, hielt die Stadt an dem Straßennamen fest. Die Gedenkstättenstiftung hat deshalb zu Gneist ein Gutachten beim Institut für Zeitgeschichte München-Berlin (IfZ) in Auftrag gegeben. Am Montag wurde es vorgestellt.

Eine Straßenbenennung nach Gisela Gneist wird den historischen Gegebenheiten vor Ort nicht gerecht.

Axel Drecoll, Stiftungsdirektor

„Personen, nach denen Straßen in einem solchen Gebiet benannt werden, müssen gerade hinsichtlich ihrer Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Diktatur und ihren Verbrechen über jeden Zweifel erhaben sein“, sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll. Das Gutachten zeige, dass Gneist eine „ausgesprochen problematische Haltung zur Aufarbeitung des NS-Regimes“ gehabt habe. „Eine Straßenbenennung nach Gisela Gneist wird den historischen Gegebenheiten vor Ort nicht gerecht und ist aus Sicht der Gedenkstättenstiftung falsch“, sagte Drecoll.

Die Gutachter – Frank Bajohr, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am IfZ, und Hermann Wentker, Chef der Berliner Abteilung – haben Gneists Leben nachgezeichnet. Sie wurde 1930 in Wittenberge geboren, ihr Vater trat vor 1933 in die NSDAP ein, ihre Mutter war bei der NS-Frauenschaft. Bis 1936 wuchs Gneist in Berlin auf, zog nach Plau am See und Wittenberge.

In unmittelbarer Nähe des früheren KZ Sachsenhausen entsteht das neue Wohngebiet „Aderluch“.
In unmittelbarer Nähe des früheren KZ Sachsenhausen entsteht das neue Wohngebiet „Aderluch“.
© Patrick Pleul/dpa

Mit zwölf Jahren wurde sie Jungmädelführerin beim BDM. Nach dem Krieg schloss sie sich in Wittenberge einer Gruppe an, die eine „Deutsche Nationaldemokratische Partei“ gründen wollte, ein ehemaliger SS-Offiziersanwärter war dabei.

Sie flogen Ende 1945 auf, kamen in Haft und wurden von einem sowjetischen Militärtribunal wegen „konterrevolutionärer Tätigkeit“ angeklagt, Gneist wurde zu zehn Jahren Lagerhaft verurteilt. Ab September 1946 war sie im sowjetischen Speziallager Nr. 7 unter unmenschlichen Zuständen inhaftiert, in Baracken des früheren Konzentrationslagers. 1950 wurde sie entlassen, das Lager aufgelöst. Sie siedelte über Berlin nach Hamburg über.

Nach der Wiedervereinigung radikalisierte sich Gneist

Politisch aktiv wurde sie dann nach der Wiedervereinigung, setzte sich für die Erinnerung an die Opfer der Sowjetlager ein – und sie radikalisierte sich: Es war die Zeit des Umbruchs für die Gedenkstätten, der schlichte DDR-Antifaschismus musste differenzierter Betrachtung weichen. Speziallager der Sowjets, über die jahrzehntelang geschwiegen wurde, mussten einbezogen werden.

Es waren nötige Kontroversen – unter einer Maxime: Die Taten der Nazis dürfen nicht relativiert werden. „Allerdings spielte Gisela Gneist dabei eine mehr als problematische Rolle“, sagte Bajohr. Historiker und Gedenkstättenleiter sei sie polemisch angegangen, teils mit antisemitischen Untertönen und Diffamierungen. Und sie habe „keine Berührungsängste“ zum Rechtsextremismus gezeigt.

2005 unterzeichnete Gneist einen geschichtsrevisionistischen Aufruf zum 60. Jahrestag des Kriegsendes des rechtsextremen Publizisten Götz Kubitscheck. Und Gneist habe sich gegen die bundesdeutsche Erinnerungskultur gestellt und sich jeder differenzierten Diskussion um ehemalige NS-Täter in den Reihen der Speziallager-Häftlinge verweigert, habe sich eingeigelt – „oftmals in enger Verbindung mit verschiedenen Personen am rechten und rechtsextremen Rand“.

Zudem glitt Gneist ins Verschwörungstheoretische und Antisemitische ab, unterstellte Positionen von Historikern, „von Interessen diktiert“, eine gesponserte „Loyalitätserklärung“ zu sein. Dem früheren Gedenkstättenleiter Günter Morsch warf sie vor, „keine Gelegenheit auslassen, um sich gegenüber dem Zentralrat der Juden und den jüdischen Opferverbänden ins rechte Licht zu setzen, um sich deren Wohlwollen zu erkaufen“.

Letztlich ist jedoch das demokratische Votum der Stadtverordneten von allen Beteiligten zu respektieren.

Oranienburgs Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) und Dirk Blettermann (SPD), Vorsitzender der Stadtverordnetenversammlung

Bürgermeister Alexander Laesicke (parteilos) erklärte am Montag, er habe alle Stadtverordnete gebeten, „eine Meinung abzugeben, ob der damalige Beschluss noch einmal“ diskutiert werden solle. Der Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung, Dirk Blettermann (SPD), sagte, sie hätten es „sich mit dem Beschluss um die Benennung damals nicht leichtgemacht“. Jetzt sei zu prüfen, ob der Beschluss neu zu bewerten sei. Beide sprachen etwas vom respektvollen Austausch, der nötig sei, und sagten: „Letztlich ist jedoch das demokratische Votum der Stadtverordneten von allen Beteiligten zu respektieren.“

Das Internationale Sachsenhausen Komitee forderte Stadtverordnete nun auf, Straßenbenennung nach Gisela Gneist zu korrigieren. Der Beschluss sei „für die ehemaligen Häftlinge des Konzentrationslagers Sachsenhausen und ihre Nachkommen ein Affront, der jede Empathie und Sensibilität vermissen ließ“. Die Benennung der Straße nach Gneist sei nicht tragbar. 

„Wer jede Anerkennung wissenschaftlich belegter Tatsachen über die Geschichte der Speziallager verweigert, wer die Opfer des Nationalsozialismus beleidigt und auch Kontakte ins rechte und rechtsextreme Spektrum nicht scheut, kann und darf nicht auf diese Weise geehrt werden“, erklärte das Komitee. Wer für sich - wie die Stadt Oranienburg - „eine differenzierte Erinnerungskultur reklamiert, die keine Relativierung der Geschichte des Nationalsozialismus zulässt, kann keine Ehrung Gisela Gneists durch eine Straßenbenennung befürworten“.

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