Ein Anschlag in der Nacht

Seite 2 von 4
BND-Neubau in Berlin : Die Spione von nebenan
Pepe Egger
Kunst am Bau: Metallpalme vor der BND-Fassade am Pankepark.
Kunst am Bau: Metallpalme vor der BND-Fassade am Pankepark.Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Meldedienstliche Verschlusssache, Nachrichtenauswertung 8. Juni: Farbbeutelanschlag auf den BND

In der Nacht auf den 8. Juni werfen Unbekannte mehrere Farbbeutel an die Fassade des BND-Neubaus. Am 8. Juni folgt ein Bekennerschreiben mit der Überschrift „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ Die unbekannten Beutelschleuderer schreiben: „Eine der hässlichsten Fratzen der deutschen Außenpolitik ist seit jeher der Bundesnachrichtendienst (BND). Während die Bundeswehr mittlerweile laut die Werbetrommel für den Krieg rührt, agiert der BND dagegen verdeckt durch eine Politik der Angst und Kontrolle, in der alle Menschen potenziell zu Feinden erklärt werden. Auch wenn unsere Farbklekse (sic) das massenhafte Überwachen und Bespitzeln nicht beenden können, setzen sie ein buntes Zeichen auf die grauen Fassaden der angsteinflößenden Architektur des BND in der Chausseestraße.“

Fortsetzung Observation 24. Juni, 14.50 Uhr, Standort Chausseestraße Ecke Schwartzkopffstraße

Bauhelme statt Schlapphüte. Direkt gegenüber vom BND baut Stararchitekt Daniel Libeskind ein Eckwohnhaus, einen „Saphir“. Es ist ein aufgeschnittener, zerbrochener Bau, dessen scharfe Kanten und schiefe Zacken ihn wie einen geschliffenen Stein aussehen lassen. 70 Wohnungen sollen es werden, vom Penthouse zum „Small Apartment“, vier Stockwerke Rohbau stehen schon.

Die computergenerierten Visualisierungen der Titanfliesenfassade verheißen ein Gleißen und Schimmern, das im Marketingmaterial als „Funkeln eines Edelsteins“ umschrieben wird, rar und kostbar, sprich: teuer.

Dabei hat der Architekt das eigentlich gar nicht so gemeint. Für Libeskind, den Architekten des Jüdischen Museums, der hier sein erstes Wohnhaus in Deutschland baut, ging es erst einmal ums Licht. Und darum, Wohnraum zu schaffen, „worin die Menschen am Morgen mit Freude aufwachen, wohin sie am Abend mit Freude zurückkehren“. Darum, ein Haus zu bauen, das „das Viertel mit Leben erfüllt“.

Wofür er nicht nur Begeisterung erntet. Unter den zukünftigen Nachbarn des „Sapphire“ erzählt man sich, Libeskind habe bei der Besichtigung des Baugrunds gesagt: „Dann werden wir hier mal ’ne anständige Straße draus machen.“ So, als wohnte hier noch niemand, als gäbe es hier noch nichts.

Wahrscheinlich hat Libeskind das gar nicht so gesagt, erstens. Und zweitens hätte er natürlich Recht damit, dass links und rechts der Chausseestraße bis vor Kurzem noch sehr viel Leere und Lücke war. Dass die Bombentreffer des Zweiten Weltkriegs hier Ruinen hinterließen, dass große Teile der Fabriken und Wohnhäuser der Oranienburger Vorstadt in Trümmern lagen und auch zu Ost-Berliner Zeiten nicht wiederaufgebaut wurden.

Und dass erst heute, 70 Jahre nach Kriegsende, die Bombenruinen beseitigt, die Brachen bebaut werden.

Grundstück mit großer Berlin-Historie
Die Endlos-Baustelle. Kann sich noch jemand erinnern an eine Zeit ohne Absperrungen und Staub? Lange her. Im Januar 2019 ist endgültig Eröffnung der BND-Zentrale.Weitere Bilder anzeigen
1 von 41Foto: Doris Spiekermann-Klaas
08.02.2019 08:40Die Endlos-Baustelle. Kann sich noch jemand erinnern an eine Zeit ohne Absperrungen und Staub? Lange her. Im Januar 2019 ist...

Aber liegt nicht am Ende das Wesen Berlins in den Narben der Geschichte, den Spuren der Verwüstung? Und verschwindet nicht auch ein Stück Berlin, wenn jetzt Neubauten die letzten Bombenlücken füllen?

Für Daniel Libeskind ist das Nostalgie. „Bauen muss man, auch dort, wo zerstört wurde. Aber bauen mit Gedächtnis, Erinnerung, mit einem Bewusstsein der Vergangenheit.“

Und was heißt es für ihn, unmittelbar neben dem BND zu bauen, in Sichtweite eines Geheimdienstes? „Man kann sich seine Nachbarn nicht aussuchen“, sagt Libeskind. Es klingt politisch, ist aber eher ästhetisch gemeint. Für ihn sei die BND-Zentrale in erster Linie „ein großes, ein wirklich großes Gebäude“, so der Architekt. „Aber du musst die Ecke, wo du bist, zu deinem Vorteil ausnutzen.“ Mach was draus, mach das Beste draus! Jetzt klingt der Architekt vor allem pragmatisch.

„Vom ,Sapphire‘ aus wird man eine ganz neue Sicht auf die BND-Zentrale haben, die sehr interessant aussehen wird. Und wenn sich die Gegend entwickelt und mit mehr Leben erfüllt, wird die BND-Zentrale in den Hintergrund rücken. Jetzt ist sie bloß im Vordergrund, weil sie so neu ist.“ Vielleicht wird Libeskind recht behalten. Eines Tages wird man dann sagen: das Sapphire-Viertel. Und nicht: der Kiez der Spione.

Fortsetzung Observation, 23. Juni, 14 Uhr, Standort Chausseestraße, Ecke Schwartzkopffstraße

Der BND kommt nach Hause. Nach Ost-Berlin.

Bis 1990 lag die Chausseestraße, wo der BND nun einzieht, in der DDR, sie gehörte für den BRD-Auslandsnachrichtendienst zum Ausland, war Arbeitsfeld, Spionageziel.

Heute gibt es nicht mehr viele, die schon „zu Ost-Zeiten“ im Viertel wohnten. Einen noch, vielleicht, in jedem Haus. So wie Herrn Ewald aus der Wöhlertstraße, der mit dem Langhaardackel. Herr Ewald, der zu Ost-Zeiten Raupenfahrer war, der, inzwischen über 80, die Barthaare vereinzelt und verloren am Kinn, einen Audi fährt, genauso alt wie das wiedervereinigte Deutschland, aber deutlich jünger aussehend, „weil da die Karosserie verzinkt ist, da rostet nichts“. Herr Ewald, der sonst an wenig und wenigen ein gutes Haar lässt. Bei ihm haben „die da oben, auf Deutsch gesagt, alle verschissen“.

Herr Ewald ist die Nachhut eines Ost-Berlins, das es bald nicht mehr geben wird. Er ist einer der Letzten, die hier friedlich, still und leise verdrängt werden, bis sie irgendwann auf einmal weg sein werden, verschwunden.

Der BND ist Herrn Ewald von Grund auf egal. Und als er schließt, zieht er ein Fazit, das nicht nur für dieses Gespräch gilt, sondern vielleicht auch für all die vergangenen Jahre. „Aber wat soll’s.“

Fortsetzung Observation, 23. Juni, 14.30 Uhr, Standort Chausseestraße, Ecke Schwartzkopffstraße

Was bleibt? Ein Stück DDR gibt es noch, das lebt hier weiter, unbeschadet, überschattet zwar, aber aufs Bleiben eingerichtet. Von Herrn Ewalds Haus einmal die Pflugstraße runter, dann rechts rein, direkt vis-à-vis vom Haupteingang des BND steht es, neben Libeskinds „Sapphire“: ein Block Genossenschaftswohnungen, vierstöckig, mit Geranien auf den blau-weißen Balkonen, für Ost-Berliner Polizisten gebaut.

Früher war 300 Meter von hier Richtung Wedding die Sektorengrenze, später die Mauer, Grenzübergang Chausseestraße.

Keiner wohnte in der Genossenschaft, der nicht bei der Polizei oder bei der Feuerwehr war, staatstreue Bürger der Deutschen Demokratischen Republik.

So wie Herr Fischer, Hans-Joachim, der 1953 Polizist wurde, ja, 1953, nach dem 17. Juni, oder eigentlich deswegen.

Heute sagt man ja „Volksaufstand“ dazu, hat Herr Fischer nichts dagegen.

Er aber sah damals, „wie alles kaputtgeschlagen zu werden drohte, was man gerade erst aufgebaut hatte“, in Stalinstadt, heute Eisenhüttenstadt.

Und als Fischer am 17. Juni, als FDJler, der er war, angesprochen wird, „ob er mithelfen würde, Ruhe zu schaffen“, da hilft er, drei Tage lang, im Krad-Wagen-Einsatz, mit Flüstertüte und vorgeschriebenem Text.

Dabei will er eigentlich Tischler werden, hat seine Lehre gerade abgeschlossen. Erst beim dritten Anwerbeversuch gibt er nach und wird doch Polizist, die Republik braucht Polizisten, „wegen der Sektorengrenze und für die ganzen Posten“.

Und weil Polizisten auch wo wohnen müssen, baut man ihnen 1956 die Genossenschaft an der Ecke Schwartzkopff-/Chausseestraße.

Fischer bleibt Polizist, auch als er wegen seiner in den Westen gegangenen Eltern und Geschwister Schwierigkeiten bekommt, er bringt es bis zum Polizeioffizier, trotz Westverwandtschaft. Zur Wende, nach 36 Jahren Polizei, ist er Major und lässt sich just zum Tag der Einheit in den Vorruhestand versetzen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!