Irgendwann wird jemand eine Akte am Kneipentresen vergessen

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BND-Neubau in Berlin : Die Spione von nebenan
Pepe Egger
Protest: Eine Gruppe von Demonstranten trifft sich jeden Samstag vor dem BND-Bau.
Protest: Eine Gruppe von Demonstranten trifft sich jeden Samstag vor dem BND-Bau.Foto: Pepe Egger

Aber Frank Hackethal, Wirt im „Hackethals“ und Anwohner in der Pflugstraße, ein paar hundert Meter von alldem entfernt, mag nicht gegen etwas sein, an dem er nichts ändern kann. Sein ganzes Leben hat er hier im Kiez gewohnt, in der Wöhlert-, in der Pflugstraße, Sportprüfung auf der Zickenwiese. Seit fünfzehn Jahren führt er das Hackethals in der Pflugstraße („Wir kochen selbst – Kommen Sie trotzdem!“).

Jetzt wird sein Kiez durchgewirbelt, bis zur Unkenntlichkeit verändert. Verschwindet da nicht irgendwas, wenn jetzt alle Brachen ... ?

„Im Gegenteil!“, sagt Hackethal. „Zu DDR-Zeiten waren alle Fassaden gleich, an jedem Haus der gleiche graue Putz, alle Ruinen blieben liegen. Jetzt wird Berlin wieder so, wie es früher einmal war.“

Fortsetzung Quellenbefragung: Fischer, Hans-Joachim, 23. Juni, 17.10 Uhr, Standort Chausseestraße, Ecke Schwartzkopffstraße

Herr Fischer, Hans-Joachim, Major der Volkspolizei im Ruhestand, der nach dem 17. Juni 1953 Polizist wurde oder eigentlich deswegen, ist die Ruhe selbst. Dabei sitzt er im Auge des Wirbelsturms, der seine Straße erfasst hat.

„Berlin wird nun tatsächlich Europastadt“, stellt er fest. Und rechnet eigentlich damit, dass seine Genossenschaft irgendwann mit weggeweht wird. „Wenn diese Entwicklung so weitergeht wie bisher, dann nehme ich an, dass unsere Häuser auch nicht bleiben können. Die könnten ja die Genossenschaft dann einfach wegexperimentieren. Oder aber man freut sich darüber, dass wenigstens noch ein Haus hier stehen geblieben ist, das einen grünen Vorgarten hat.“

Vielleicht ist jetzt der Augenblick gekommen, zu fragen, ob nicht vielleicht hier im Haus noch ein BND-Gegenspieler von damals wohnt? Ein Ostspion, einer von Markus Wolfs Männern vielleicht, Hauptverwaltung Aufklärung, dem Auslandsnachrichtendienst des MfS?

„Da gab’s mal einen, der war bei der Stasi. Der ist erst Mitte der 1960er eingezogen. Da wussten wir, dass er bei der Staatssicherheit war, und zwar im Abwehrdienst. Aber der ist tot. Sonst kenne ich keinen weiter hier, der diese Richtung hätte.“

Quellenbefragung Z (Name geschwärzt), 25. Juni, Chausseestraße 56, Blick auf Nordbebauung BND

Treffpunkt Café Jadore, der Nachfolger des „Top Secret Café am BND“. Letzterem, einem von mehreren kommerziellen Frühstarts hier in der Gegend, hat die mehrjährige Verspätung des BND-Umzugs den Garaus gemacht.

Quelle Z, 36, kommt pünktlich. Kurz gestutztes Haar, Karohemd, Selbstgedrehte.

Z hatte „früher viel mit dem BND zu tun“, arbeitet jetzt „im Sicherheitssektor“.

Wie ein Präsentierteller liege die neue BND-Zentrale mitten im Wohnviertel, sagt Z. Gut möglich, dass gegnerische Dienste versuchen werden, alle Gesichter der Ein- und Ausgehenden abzufilmen, digital zu erfassen.

Z geht davon aus, dass „der Dienst“ deshalb und sowieso alle Wohnungen mit Sicht auf den BND durchleuchten müsse, zur eigenen Sicherheit.

Es ändern sich die Assoziationen, wenn einer „viel mit dem BDN zu tun“ hatte. Z überlegt, ob und wie und wann die BND-Zentrale selbst zum Anschlagsziel werden könnte, malt sich Flugbahnen von Panzerabwehrgranaten aus, Autobombenszenarien. Ein vorbeifahrender Schäferhund im Lastenfahrrad sieht in seinen Augen „wie ein Kabuler Sprengstoffhund“ aus.

Aber: Das größte Sicherheitsrisiko sei immer noch der unzufriedene BNDler selbst. Der übergangene, unterschätzte, gemobbte Geheimdienstler, der Spion, der innerlich gekündigt hat. Denn auch beim BND menschele es.

„Und es wird sicher auch mal vorkommen“, sagt Z, „dass einer nach dem achten Weizen seinen Laptop oder eine Aktentasche mit geheimen Unterlagen in der Kneipe oder der U-Bahn liegen lässt.“

Fortsetzung Observation, 25. Juni, 18.40 Uhr, Ida-von-Arnim-Straße

Ein Wagen der Carsharing-Firma DriveNow parkt in der abgeriegelten Ida-von-Arnim-Straße, BND-Nordbebauung, hinter Schranke und bemannter Sicherheitsbarriere. Jeder Benutzer kann den Wagen online buchen. Abholen können ihn nur BND-Mitarbeiter und Bauarbeiter mit Zugangsberechtigung.

Fortsetzung Observation, 11. Juli, Standort Edward-Joseph-Snowden-Platz

Der BND ist noch nicht wirklich da, aber einen Edward-Snowden-Platz gibt es schon.

Jeden Samstag demonstriert hier ein Grüppchen Unentwegter, Gegner der „Überwachung aller Kommunikation“, der „illegalen Praktiken“ des BND, den sie „an die Kette legen“ wollen.

Sie wissen, dass sie recht haben, dass sie für die vielen sprechen. Und dass sich von den vielen fast keiner zu ihnen gesellen wird.

Wie die gefühlte Überwachung im Kleinen hinterlässt auch das Bewusstsein der Überwachung im Großen, Globalen eine abstrakte Versehrtheit, eine Ahnung von Machtlosigkeit.

Genug immerhin, um jeden Samstag für ein paar Stunden einen Platz nach dem Geheimdienstrenegaten Edward Snowden zu benennen, einen richtigen kleinen Platz mit Baum und Häuserwand und blau-weißem Straßenschild, Liebesgrüße aus Moskau, an der Südseite des BND.

Die Unentwegten sind auf Dauer eingerichtet, jeden Samstag wollen sie sich hier treffen, auf absehbare Zeit, darauf vertrauend, dass der BND auch in Zukunft nicht aus den Schlagzeilen herauskommen wird.

BND muss Selektorenliste nicht an Presse herausgeben +++ Beeinflusst BND-Mann für Russen NSA-Ausschuss? +++ BND-Chef Schindler: „Gut, dass wir mit NSA kooperieren“ +++ Welches Spiel treibt der BND? +++ BND-Spion stahl brisantere Dokumente als bislang bekannt +++ Kontaktpflege des BND: Vier Maß für die Herren Agenten! +++ Solidaritätswelle mit netzpolitik.org: Noch immer laufen BND-Schlapphüte frei herum.

Fortsetzung Observation, 17. Juli, 19.20 Uhr, Standort Chausseestraße 54

Im Hostel 54 sind alle Zimmer restlos belegt, 365 Tage im Jahr. Gäste aus aller Herren Länder wohnen hier, aus allen Schichten, Junge, Alte, Familien mit Kindern. Es sind Asylbewerber, zur Vollpension, mit Kostenübernahme vom Amt: Das Hostel ist zum Flüchtlingsheim umfunktioniert worden.

Der Herr am Empfang trägt Anzug und Krawatte, wie früher, Touristeninformationen zu Berlin und seinen Sehenswürdigkeiten liegen aus. Doch der Rezeptionist verteilt jetzt vor allem Post von Gerichten und Ämtern, Asylbescheide, Vorladungen, Ablehnungen. Trinkgeld bekommt er keines mehr.

Draußen spielen die Kinder, so wie Kinder früher überall spielten: auf der Straße, mit Vorgefundenem, mit anderer Leute Fahrrad, unbeaufsichtigt, laut, bis jemand sie verscheucht.

Heute ist der erste Tag des Eid al-Fitr, des Fastenbrechens am Ende des Ramadan.

Da schüttelt fast jeder Asylbewerber-Hotelgast dem Herrn am Empfang die Hand, man tauscht Glückwünsche auf Arabisch aus, dreimal, viermal geht das hin und her, bis es am Ende in einem Murmeln verklingt.

Ein Syrer, Elektriker von Beruf, überlegt, ob man ihn hier in Deutschland bei der Feuerwehr nehmen würde. Sein Cousin ist doch auch schon bei der Polizei.

Geheimdienste kennt er aus Syrien zur Genüge, alles Schreckliche haben sie den Leuten dort angetan. Den BND vor der Tür, direkt gegenüber, findet er weniger bedrohlich. Wirklich wichtig, wirklich mächtig, sagt er, sei doch der Inlandsgeheimdienst. Nicht der fürs Ausland.

Ende Operativer Vorgang, 18. Juli, 18.05 Uhr, Standort Chausseestraße

An allen Ecken des noch leeren BND-Gehäuses, an der Umzäunung, zur Straße hin in regelmäßigen Abständen, hängen Bündel von Überwachungskameras, aufgefächert, jeden Winkel filmend.

Dahinter werden irgendwann, bald, auf Schirme starrende Sicherheitsmänner sitzen, schlecht bezahlte, Tag und Nacht werden sie Ausschau halten, zu unser aller Sicherheit. Dabei dürfen die Kameras laut Gesetz nur den unmittelbaren Außenbereich des Gebäudes im Blick haben, nicht ins Viertel hinausschauen, nicht verfolgen, was hier sonst noch passiert.

So werden sie nicht sehen, wie hier alles noch im Fluss ist, im Entstehen, sie werden nicht mitbekommen, wie sich die Häuser bald mit Leben füllen werden.

Die Bedeutung der Architektur, den Sinn der Stadt, sagt Daniel Libeskind, schaffen erst jene, die darin wohnen, darin leben, sie beleben.

So wie Herr Ewald, der mit dem Langhaardackel. So wie Herr Fischer, der sich, inzwischen 80-jährig und „immer noch ein politischer Mensch“, doch am BND nicht stört.

So wie Frau Czerny und ihr Spion am Balkon, der zurückspioniert, den BND im Auge behält.

So wie all die, die einmal hier wohnen werden, deren Kiez es sein wird, Kosmopoliten, Asylbewerber, Manager, Familien. Geheime, Heimliche und Unheimliche, Überwacher und Überwachte. Dazwischen Agenten. Und solche, die Agentenromane bloß lesen.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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