• Bomben auf die Reichshauptstadt Berlin: Filmregisseur Leo Penn: "Ich habe euch bombardiert"

Der Angriff kostete 335 Menschen in Berlin das Leben

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Bomben auf die Reichshauptstadt Berlin : Filmregisseur Leo Penn: "Ich habe euch bombardiert"
Mit Bombenschmuck. Stefan Diepenbrock erhielt von Regisseur Leo Penn dessen Fliegerjacke. Im Hintergrund die Ruine des Anhalter Bahnhofs, der beim Angriff am 29. April 1944 ebenfalls getroffen wurde.
Mit Bombenschmuck. Stefan Diepenbrock erhielt von Regisseur Leo Penn dessen Fliegerjacke. Im Hintergrund die Ruine des Anhalter...Foto: Thilo Rückeis

Sie kamen in drei Wellen. Kurz nach 9 Uhr waren die B-17 und B-24 der 8. Luftflotte an der englischen Südostküste gestartet, anfangs mit Begleitschutz, insgesamt 679 Maschinen, von denen 580 über Berlin ankamen, beladen mit rund 700 Tonnen Spreng- und ebenso vielen Brandbomben. Die Bomberpulks nahmen ihren Weg über Hannover und Celle, dann weiter zum Dümmersee im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, drehten ab nach Südosten Richtung Reichshauptstadt, wiederholt von Flak und Jägern attackiert. Um 10.41 Uhr wurde in Berlin „Luftgefahr“ gemeldet, eine halbe Stunde später der Fliegeralarm ausgelöst. Erst kamen zwei Wellen mit „Fliegenden Festungen“, dann die „Liberator“-Bomber, darunter auch „McNamara’s Band“, 755th Squadron, 458th Bombardement Group, 8th Air Force, mit Leo Penn als Bombenschütze.

Der Angriff sollte sich auf den Bahnhof Friedrichstraße als einen der „Schlüsselpunkte des innerstädtischen Personenverkehrs“ konzentrieren, wie es im Angriffsbefehl hieß. Allerdings war Berlin teilweise von Wolken verdeckt: Der Bahnhof Friedrichstraße wurde knapp verfehlt. Dafür traf es andere. „Der Angriff der einen Welle begann im Bezirk Mitte südlich der Straße Unter den Linden, berührte den Südostteil des Bezirks Tiergarten und folgte dann der Wannseebahn“, hieß es im Bericht der Hauptluftschutzstelle. Danach waren Kreuzberg, Neukölln, wieder Tiergarten und Tempelhof dran, zuletzt die Umgebung des Bahnhofs Grunewald.

Bomben auf Berlin
McNamara’s Band. Wenige Wochen vor dem Angriff auf Berlin am 29. April 1944 entstand diese Aufnahme der Crew vor ihrer B-24. First Lieutenant Leo Penn ist der zweite von links, obere Reihe. In derselben Reihe ganz Rechts steht der Pilot First Lieutenant Myron C. McNamara.Weitere Bilder anzeigen
1 von 12Foto: Dave Krakow / www.458bg.com
26.04.2014 17:12McNamara’s Band. Wenige Wochen vor dem Angriff auf Berlin am 29. April 1944 entstand diese Aufnahme der Crew vor ihrer B-24. First...

Als „bemerkenswerte Schadensstellen“ wurden für Kreuzberg unter anderem der „Haupteingang Anhalter Bahnhof, Anhalter Personen- und Güterbahnhof“ genannt – der Ort, an dem Leo Penn 43 Jahre später in Tränen ausbrechen sollte. Insgesamt fanden bei dem knapp einstündigen Angriff 335 Menschen den Tod, davon 34 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene. 510 (28) wurden verwundet, 13 760 obdachlos oder evakuiert, 65 blieben vermisst. Die Amerikaner verloren 26 B-17, 38 B-24 und 14 Jäger, weitere Maschinen gingen bei der Landung zu Bruch.

Ob die Bomberjacke dabei war, ob sie überhaupt echt ist? Schwer zu sagen. „It’s yours“ – mit diesem knappen Satz hatte Penn, der noch ein zweites Mal über Berlin gewesen sein will, sie Diepenbrock überreicht, als dieser ihn später in Malibu besuchte. „Air Force Jacket US-Army Style“ steht innen auf einem Aufnäher. Diepenbrock ist sich durchaus bewusst, dass Penn als Mann vom Film kein Problem gehabt hätte, solch eine „echte“ Jacke zu besorgen. Auch der Name „McNamara’s Band“ wirft Fragen auf: Er scheint auf Bing Crosbys gleichnamigen Song anzuspielen, doch der wurde erst nach dem Krieg veröffentlicht und bezieht sich seinerseits auf eine populäre Musikgruppe irischer Einwanderer im frühen 20. Jahrhundert, die sich ebenfalls so nannte.

Es sind Fragen, die Leo Penn, der 1998 an Lungenkrebs starb, nicht mehr beantworten kann. Der Bombenkrieg – auf Berlin folgten für „McNamara’s Band“ noch 24 Einsätze – muss für ihn höchst traumatisch gewesen sein. „Ungefähr zehn Jahre lang hatte er böse Flashbacks und litt unter Schlaflosigkeit“, schildert Sean Penn in der autorisierten Biografie von Richard T. Kelly. Immerhin wurde sein Vater gegen Ende des Krieges zur Air Force Motion Picture Unit versetzt, war an der Produktion von Lehrfilmen beteiligt und fand so ersten Kontakt zum Film. Er begann eine Karriere als Schauspieler, Autor, Produzent und vor allem Regisseur, während der McCarthy-Zeit vorübergehend unterbrochen: Auch er stand als angeblicher Kommunist auf der Schwarzen Liste. Später war er an vielen erfolgreichen Serien beteiligt, von „Raumschiff Enterprise“ und „Auf der Flucht“ über „Rauchende Colts“ und „Bonanza“ bis zu „Columbo“, „Starsky & Hutch“, „Magnum“ und eben dem Spielfilm „Judgment in Berlin“. Dessen Dreharbeiten begannen am 15. Juli 1987.

Penn, für den Deutschland – so empfand es sein Regieassistent – noch immer ein bisschen das „Land der Täter“, das „Land des Bösen“ war, gelang es offenbar doch noch rechtzeitig, mit seinen Albträumen offensiv umzugehen, wie es seine Witwe Eileen Ryan Penn berichtet: „Vor Beginn der Dreharbeiten hat er die gesamte Crew versammelt – es waren an die hundert Leute – und gesagt: ,Also, ich möchte euch allen nur sagen, dass ich Jude bin. Und als ich das letzte Mal hier war, war ich dort oben’ – er deutete auf den Himmel – ,und habe euch bombardiert.’ Aber er ging sehr freundlich mit den jungen Deutschen um, die bei dem Film mitarbeiteten, und sie verliebten sich in ihn.“

Die wieder hochgekommenen Erinnerungen haben Penn nicht mehr losgelassen. Nach dessen Tod erhielt Diepenbrock das Fragment eines Drehbuchs, an dem Penn gearbeitet hatte. Im Mittelpunkt der zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin- und herspringenden Handlung stehen Mitglieder einer „Liberator“-Crew, die sich nach ihrem Piloten „Alexander’s Ragtime Band“ nannte. Die Hauptfigur hatte Penn sich selbst nachempfunden: Bill Price, Veteran und Autor, der in einer Szene erzählt, dass er vor Jahren in Berlin einen Film gedreht und damals im Zoo-Palast deutsche Dokumentarfilme über den Krieg gesehen habe. Auch Aufnahmen, die während eines Luftangriffs auf die Stadt entstanden waren, wurden gezeigt, mit all den furchtbaren Details, zerfetzte Körper, schreiende Kinder – Price wurde schockartig bewusst: Er war dabei gewesen, als Bombenschütze der ersten Maschine.

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