60 Jahre werden sie noch suchen. So ist der Stand der Dinge

Seite 2 von 3
Bomben in Oranienburg : Die ewige Suche

Das Bombensuchen in Oranienburg begann schon während des Krieges. Stadtweit und mal mehr, mal weniger systematisch wurden seitdem Straßen und Hausfundamente aufgebohrt, Sonden in die Erde gelassen und Luftbilder begutachtet. Seit 2008 fußt das alles auf dem Cottbuser Gutachten, das mit Kosten von 420 Millionen Euro bis zum letzten aufgespürten und entschärften Blindgänger rechnet. Drei Millionen pro Jahr gibt das Land Brandenburg dafür aus, die Stadt stellt in den nächsten 20 Jahren insgesamt 70 Millionen Euro bereit, dreieinhalb Millionen pro Jahr also. Zusammengenommen macht das sieben Millionen jährlich, man wird also nach dem gegenwärtigem Stand der Dinge in 60 Jahren fertig sein. Der Bund gibt nichts.

Laesicke sagt: „Der Bund. Wenn Deutschland sich an Kriegen beteiligen will, dann ist das immer eine große nationale Aufgabe. Reden im Parlament, feierliche Politiker, bebende Stimmen. Und ist so ein Scheißkrieg dann zu Ende, dann ist es auf einmal keine nationale Aufgabe mehr. Dann ist plötzlich der Grundstückseigentümer verantwortlich. Der, der eine Kita bauen will.“ Laesicke selbst also.

Die Gesetze sind so. Die Bundesrepublik Deutschland hat sich vor Jahrzehnten selbst Regeln gegeben, nach denen sie nur zuständig ist für die so genannte „reichseigene Munition“, von der es allerdings in Oranienburg so gut wie keine gibt. „Die Lage hier bei uns stößt bei denen auf keine Aufmerksamkeit“, sagt Laesicke. „Der Bund behandelt das wie irgendeine Ölspur auf ’ner Straße. Jeder herrenlose Koffer, auf Bahnhöfen, in dem sich dann später Unterwäsche findet, das findet Aufmerksamkeit.“

Hier wiegt also einer auf. Hier vergleicht einer. Die virulente Terrorismusgefahr mit vergessenen Weltkriegsbedrohungen. Vergessene Weltkriege mit bundesrepublikanischen Kriegen in Afghanistan oder Serbien. So etwas ist sehr selten in Deutschland, man setzt solche Dinge hier öffentlich und üblicherweise nicht miteinander ins Verhältnis. Politiker tun dies schon gar nicht. Politiker, außer Laesicke, der zusammen mit den 40 000 Einwohnern seiner Stadt auf geschätzten 50 Tonnen Sprengstoff sitzt, legen nach seiner Wahrnehmung viel lieber die Hände in den Schoß.

Aber macht er es im Grunde nicht zumindest ähnlich?

Bombensprengung in Oranienburg
Gutes Ende: Schwarzer Rauch lag über Oranienburg, als der Sprengmeister auch die zweite Weltkriegsbombe unschädlich gemacht hatte. Zuvor war eine weiterer Blindgänger entschärft worden. Die Sprengung hatte sich verzögert, weil Leichtsinnige mit einem Auto in den abgesperrten Kreis durchgebrochen waren.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: dapd
30.08.2012 23:14Gutes Ende: Schwarzer Rauch lag über Oranienburg, als der Sprengmeister auch die zweite Weltkriegsbombe unschädlich gemacht hatte....

Die dreieinhalb Millionen, die er dem Haushalt Oranienburgs jedes Jahr für die Bombensuche abpresst, reichen ja augenscheinlich nicht, um in einigermaßen absehbarer Zeit damit fertig zu sein.

Nähme er sämtliche Erträge, die Oranienburg aus der Grundsteuer, Gewerbesteuer, Hundesteuer, Zweitwohnungsteuer, aus Bußgeldern und Landesüberweisungen und so weiter zufließen, wäre Laesicke vielleicht schon in sechs statt 60 Jahren mit der Bombensuche fertig. 70 Millionen Euro hat Oranienburg im vergangenen Jahr eingenommen.

Das hätte jedoch den Nebeneffekt, dass Laesicke seine Stadt zumindest für diese sechs Jahre zusperren könnte. Sie würde nicht mehr funktionieren ohne das Geld. Und so setzen er und Oranienburgs Haushaltspolitiker sich jedes Jahr aufs Neue hin und wiegen schon wieder etwas gegeneinander auf: Scheißkrieg gegen öffentliches Leben. Geld für Blindgängerentschärfung gegen Kitazuschüsse.

Diese Beratungen sind kein Vergnügen. Sie sind, was die Last der Menschen betrifft, die an ihnen teilnehmen, monströs.

Laesicke erzählt von einer Idee. Vor zwei, drei Jahren ist er mit ihr in Berlin vorstellig geworden, bei einem Staatssekretär. Sie ging so: Wie wäre es denn, wenn Deutschland, dieses Waffenherstellerparadies, dieser Waffenexportgigant, gewissermaßen als Kompensation dafür ein Waffenzerstörungszentrum würde? „Ein Standort mit Kriegslastenforschungskompetenz“, sagt Laesicke, „die man dann auch wieder exportieren könnte?“ Mit einmaliger Anschubfinanzierung und Oranienburg als Probegebiet?

Laesicke hat dann nichts mehr aus Berlin gehört.

So ähnlich verhielt es sich auch jahrelang in anderen Fällen. Laesicke berichtet von Petitionen an den Brandenburger Landtag, welche dann wiederum Bundesratsinitiativen zur Folge hatten, in denen eine stärkere finanzielle Beteiligung des Bundes an der Bombensuche gefordert wurde. Erst der letzte Vorstoß dieser Art war erfolgreich, was wahrscheinlich wiederum daran lag, dass in den Jahren 2010, 2011 und 2012 auch woanders Bomben gefunden worden waren. Alle drei erregten Aufsehen. Die eine lag im niedersächsischen Göttingen, bei ihrer Entschärfung starben drei Menschen. Die andere lag in Koblenz, im Rhein. Sie war fast zwei Tonnen schwer. Im Sommer 2012 ging dann eine Bombensprengung in München spektakulär schief. Fensterscheiben zerbrachen, es brannte.

Seite 2 von 3 Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!