Dauernd muss er abwägen. Und nie ist es wirklich gut

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Bomben in Oranienburg : Die ewige Suche

Die Gefahr war wieder sichtbar geworden, und zwar flächendeckend. Der Bundesrat stimmte der Gesetzesinitiative zu, nun muss der Bundestag darüber beraten. Die Bundesregierung ist gegen ein neues Gesetz.

Laesicke ist SPD-Mitglied. Er erinnert sich noch gut an die Zeit um die Jahrtausendwende, als der Bundestag schon einmal einen solchen Bundesratsgesetzentwurf abgelehnt hatte. Es war ein rot-grün-dominiertes Parlament damals. Es saßen Genossen von Laesicke darin, die Jahre zuvor bei ähnlichen Gelegenheiten die schwarz-gelbe Kohl-Regierung für deren Nichtstun lautstark kritisiert hatten. Der Zeitpunkt für Laesickes Erschütterung war gekommen, denn sie taten nun selbst ebenfalls nichts.

Vielleicht war er bis dahin einfach zu naiv gewesen. Vielleicht sind es aber auch die anderen. Vielleicht hätten sie sich einfach einmal die spezielle Funktionsweise der Oranienburger Blindgänger, ihren Teufelsmechanismus, erklären lassen sollen.

Man kann das am besten tun, indem man von Oranienburg 70 Kilometer nach Süden fährt. Dorthin, wohin die andere Hälfte jener 1300 Bombenflugzeuge am 15. März 1945 unterwegs gewesen war, jene Hälfte, die nicht Oranienburg bombardierte sondern das im Wald von Wünsdorf gelegene Oberkommando der Wehrmacht. Nach dem Krieg zog die Rote Armee dort ein, und nach der Roten Armee kamen brandenburgische Behörden. Und der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Landespolizei. Was Zufall war. Geräumt wird hier schon lange nicht mehr.

Bei Horst Reinhardt klingelt das Telefon. Er geht ran, hört zu, sagt „sehr schön“ und legt wieder auf. Oranienburg war dran, einer von Reinhardts Kollegen dort, er hat Reinhardt jene Nachricht von dem Stahlträger unterm S-Bahnhof überbracht, die die Stadtverwaltung kurz darauf der Öffentlichkeit zur Kenntnis geben wird.

Reinhardt, Jahrgang 1951, ist technischer Leiter beim Kampfmittelbeseitigungsdienst und damit Chef von 50 Munitionsentschärfern, die nahezu jeden Tag im Land Brandenburg unterwegs sind. Er selbst hat in seinem Leben mehr als 150 Bomben unschädlich gemacht, davon 60 mit chemischen Langzeitzündern. Ein paar davon liegen in zwei Vitrinen, die an Reinhardts Bürowand stehen.

Das Prinzip: Die Bombe fällt aus dem Flugzeug, an ihrem Ende befindet sich ein kleines Windrad. Das Windrad dreht sich beim Fallen, drückt über einen Gewindemechanismus einen Bolzen in eine Glasampulle. In der Ampulle ist Aceton, das Aceton läuft aus und weicht ein aus Zelluloid bestehendes Plättchen auf, das wiederum einen unter Federspannung stehenden Schlagbolzen hält. Solange, bis das Zelluloid nach zwei, sechs, zwölf Stunden – je nach Zündereinstellung – durchgeweicht ist. Dann explodiert die Bombe.

Dieser Zündmechanismus indes hat bei den Oranienburger Blindgängern meist versagt. Das Aceton floss nicht aufs Zelluloid, sondern sonst wohin. Aber: Zelluloid wird auch von alleine brüchig. Es dauert nur etwas länger. Wer das bröckelige, mittlerweile fast 70 Jahre alte Zeug einmal sehen will, muss sich nur über Reinhardts Vitrinen beugen.

Reinhardt ist ein bedächtig sprechender Mann. Das muss der Beruf mit sich gebracht haben. Wenn er von seiner Arbeit berichtet, dann nur unter Weglassung der Heldentaten. Er erwähnt stattdessen seine Skrupel. Sie kämen ihm, sagt er, in Situationen, wo ein Blindgänger nicht mehr entschärft, sondern nur noch an Ort und Stelle gesprengt werden kann, weil alles andere zu gefährlich ist. „Das ist dann manchmal die Entscheidung: das eigene Leben gegen das Haus der anderen“, sagt er. „Ist nicht immer ein gutes Gefühl.“

Er gleicht damit ein wenig Laesicke, dem Bürgermeister, der ja auch dauernd abwägen muss. Dauernd abwägen, auch in eigentlich eindeutigen Situationen, und nie ist es gut.

Über die Oranienburger Bomben sagt Reinhardt: „Das geht so nicht mehr lange gut, das wird immer gefährlicher.“ Er sagt auch das mit einer ziemlichen Ruhe. Er hat sich an diesen Satz gewöhnt. Er sagt ihn seit Jahren.

Erschienen auf der Reportage-Seite.

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