Die Sehnsucht nach den Megabit

Seite 2 von 2
Breitbandausbau für die Wirtschaft : Langsames Internet bedroht Berlins Unternehmer
Schnelles Internet sucht man in Berlin oft vergebens.
Schnelles Internet sucht man in Berlin oft vergebens.Foto: DPA

Einen Monat nach Start des Breitbandatlas haben ein paar Dutzend Berliner Unternehmen ihren Bedarf gemeldet. Zusammen mit den Brandenburger Firmen sind es über 4000. Auffällig ist, dass in Berlin vor allem hellgrüne Punkte auf der Karte im Netz zu sehen sind: Das bedeutet, hier benötigen Firmen eine Internetgeschwindigkeit von einem Gigabit pro Sekunde. 20 Megabit würden Holger Klempnow schon reichen – noch zumindest. Doch auf die musste er monatelang warten.

Klempnow ist Geschäftsführer der KleRo GmbH für Roboterautomation. Seine 35 Mitarbeiter arbeiten an zwei Standorten: in der Siegfriedstraße in Lichtenberg und in Ludwigsfelde. In der Siegfriedstraße führen seine Leute das gesamte Engineering durch, projektieren Anlagen, konstruieren Roboterlösungen, vor allem für die Fahrzeugindustrie. Zu den großen Kunden zählen auch bei Klempnow die Daimler-Werke weltweit. Die Hauptsoftware der Firma läuft auf dem Server in der Siegfriedstraße, die Mitarbeiter in Ludwigsfelde müssen auf die Daten zurückgreifen, manchmal auch von unterwegs.

Doch das funktioniert nur ab einer gewissen Bandbreite, lange Zeit war das Internet dafür zu langsam. Es kam zu Programmabbrüchen, Mitarbeiter mussten ihr Mobilfunknetz nutzen oder von zu Hause arbeiten. Für den Datenverkehr mit den Kunden griff das Unternehmen auf Cloud-Lösungen zurück, ohne sicher sein zu können, dass die Daten dabei wirklich geschützt waren.

Im Dezember war dann das Kupferkabel verlegt worden, das schnelleres Internet versprach, doch bis der Anschluss freigeschaltet wurde, dauerte es noch ein Vierteljahr. „Da haben die Telekommunikationsfirmen gerade offensichtlich ein Kapazitätsproblem“, sagt Klempnow. Er hält es für wahrscheinlich, dass das Kupferkabel bald nicht mehr ausreicht, um den Bedarf seiner Firma zu decken: „Es kann sein, dass wir nächstes Jahr schon ein Gigabit brauchen“, sagt er.

Es braucht ein „Maßnahmenbündel“

Bei der Berliner IHK sieht man es ganz ähnlich: „50 Megabit pro Sekunde mögen für private Nutzer genügen, um Filme zu streamen oder Apps zu nutzen. Im industriell-gewerblichen Bereich muss das Netz jedoch erheblich schneller werden“, sagt auch IHK-Präsidentin Beatrice Kramm. Sie ist Inhaberin einer Filmproduktionsfirma, die mit großen Datenmengen arbeitet. Das klappe mal gut und mal weniger gut, obwohl ihr Büro in unmittelbarer Nähe zum Ku'damm liegt.

Kriegt Berlin das lahme Internet nicht in den Griff, sieht Kramm die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt gefährdet. „Ich erwarte vom Senat, dass er nach nun gut eineinhalb Jahren Regierungszeit den eigenwirtschaftlichen Breitbandausbau durch die Telekommunikationsanbieter mit einer konsequenten Breitbandpolitik unterstützt“, sagt sie.

Dafür hat die Kammer vier Bausteine formuliert: Zunächst sei ein politisches Glasfaserinfrastrukturziel erforderlich, das nachhaltige und skalierbare Netze sicherstellt. Das schaffe Planungssicherheit bei Unternehmen und Netzbetreibern. Der Senat verweist hier auf den Bund: Die Gewährleistung der Grundversorgung und der sektorspezifischen Regulierung sind Bundesaufgaben.

IHK-Prösidentin, Beatrice Kramm mit Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (M, SPD) und Jan Eder, IHK-Hauptgeschäftsführer.
IHK-Prösidentin, Beatrice Kramm mit Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (M, SPD) und Jan Eder,...Foto: picture alliance / Soeren Stache

Außerdem gilt das Primat des Marktes: Demnach sind Telekommunikationsfirmen wie Telekom und Vodafone für die Ausstattung mit schnellem Internet in Deutschland zuständig. Erst wenn die Unternehmen aus Gründen der Rentabilität auf die Investitionen verzichten, darf der Staat eingreifen und selber bauen. „Wir können nur versuchen, die Rahmenbedingungen zu verbessern und zielen genau darauf mit unserem Maßnahmenbündel zum Breitbandausbau ab“, sagt Fritz. Bis Ende September soll dafür eine Auftragsvergabe realisiert werden. Adressieren soll sich das „Maßnahmenbündel“ schwerpunktmäßig an die Berliner Wirtschaft. Vorfahrt für Unternehmensstandorte fordert auch die IHK.

Noch herrscht Daten-Frust

Außerdem: einen landespolitischen Runden Tisch mit allen für den Ausbau relevanten Akteuren. Dies und mehr sei unter dem Label „Breitband-Dialog-Berlin“ vorgesehen, betont die Wirtschaftsverwaltung. Dieser Gipfel mit der Telekommunikations-Branche, den landeseigenen Betrieben und den Bezirken solle der „strategischen Begleitung und Absicherung der Konzept-Umsetzung ‚Breitbandausbau Berlin 2018-2021' dienen, die Gespräche laufen bereits.“

Für Beratungen und Dienstleistungen rund ums Breitband stünden 280 000 Euro jährlich zur Verfügung, weitere 210000 Euro für den nächsten digitalen Funkstandard 5G. Berlin und Brandenburg haben den Bund aufgefordert, sein Breitbandförderprogramm unter neuen Vorgaben fortzusetzen, und zwar in Richtung Netzinfrastrukturwechsel zur Glasfaser. Auch solle der Bund prüfen, die neuerlich geplante Versteigerung von Frequenzen an Versorgungsverpflichtungen der Netzbetreiber zu knüpfen.

Die vierte Forderung der Kammer: Die Ausbaukosten für Geschäftskunden durch Breitband-Voucher abfedern. „Dies diskutieren und prüfen wir momentan, da es für eine Voucher-Förderung bisher in Deutschland weder auf Bundes- noch auf Landesebene Good- oder Best-Practice-Beispiele gibt“, sagt Fritz.

Mario Ahlberg hat für seine Mitarbeiter in den neuen Büroräumen höhenverstellbare Schreibtische aufstellen lassen. „Das motiviert natürlich. Aber genauso demotiviert es, wenn man wegen des langsamen Internets nur eingeschränkt arbeiten kann“, sagt er. Der Verlust, den seine Firma dadurch macht, sei nur schwer in Euro auszurechnen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!