Bücher für Jugendliche - geschrieben in Berlin : Salah Naoura macht Kindern Mut

Der Autor und Übersetzer Salah Naoura ist in Friedenau aufgewachsen. In seinen Büchern geraten Kinder in Bedrängnis und finden eigene Lösungen.

Salah Naoura besitzt kein Handy und schreibt immer an dem Schreibtisch, der gerade frei ist. Das Bild an der Wand fotografierte Autorin Katja Ludwig im Oderbruch.
Salah Naoura besitzt kein Handy und schreibt immer an dem Schreibtisch, der gerade frei ist. Das Bild an der Wand fotografierte...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Buch fängt ganz harmlos an und hat ein sehr glückliches Ende, aber dazwischen ist es traurig, rührend, spannend und lustig, im Grunde die perfekte Lektüre für den Schulunterricht der fünften oder sechsten Klasse. Es geht um den fast zwölfjährigen Chris, der ein super Schüler ist und alles und jeden rettet. Er trägt Spinnen aus dem Haus, holt den Kanarienvogel der Lehrerin wieder vom Baum, hilft allen Mitschülern bereitwillig und kennt sich mit erster Hilfe aus. Seine Lehrerin sieht in ihm sogar eine moderne Version von Jesus. „Chris, der größte Retter aller Zeiten“ heißt das Buch.

Es ist von Salah Naoura, einem gebürtigen Berliner, der in Berlin und Stockholm studiert hat, auch wenn der Name eine andere Herkunft nahelegt – er ist der Sohn eines Syrers und einer Deutschen, aufgewachsen in Friedenau.

Im Lauf der Geschichte von Chris kommen viele Themen aufs Tapet, denn Chris ist durchaus in Bedrängnis, wie eigentlich die meisten Figuren in Naouras Büchern, deren Erlebnisse der Autor in leichter und unterhaltsamer Sprache erzählt. Die Familie von Chris lebt in Zehlendorf in einer großen Villa mit Garten, im Erdgeschoss wohnen die Großeltern, der Vater ist Anwalt, alles klingt idyllisch, aber das täuscht. In dem schönen Garten war früher ein Teich, und in diesem Teich ist Chris’ Zwillingsbruder ertrunken, als Chris zweieinhalb war. Die Mutter ist seither depressiv, der Vater hat anscheinend eine Affäre und die Großmutter redet nur in barschem Ton mit dem Großvater.

Dann taucht ein neuer Mitschüler auf, der ganz blass ist und sich seltsam verhält. Alle nennen ihn den Vampir. Wie sich zeigt, ist auch er in Schwierigkeiten. Doch wie sich dann im Lauf einer spannenden und ergreifenden Geschichte alles bis zu einem Happy End fügt, das nah am Kitsch ist, das ist die spezielle Erzählkunst des Autors. „Für die Kinder möchte ich ein Happy End, gerade für diese Altersgruppe“, sagt der Autor. „Und manches ist dann eben schöner, als es in der Wirklichkeit je sein kann.“ Für Eltern, die vorlesen, bietet das Buch jede Menge Ansatzpunkte zum Gespräch – warum rettet Chris wohl alles? Fühlt er sich schuldig am Tod des Bruders? Warum verbietet ihm die Mutter die Teilnahme am Schwimmunterricht? Es ist viel drin in diesen wenigen Seiten.

Problematische Vaterfiguren

Naoura lebt in Schöneberg und arbeitet in einem Schreibbüro in Prenzlauer Berg. Sieben Schriftsteller teilen sich hier sechs Schreibtische in drei Zimmern, alles ist funktional und schlicht eingerichtet. Eigene Kinder hat der 55-Jährige nicht. „Aber vier Neffen und einen Patensohn“, sagt er. Tatsächlich sei dieser Patensohn gestorben, bei einem Verkehrsunfall, was in seiner Tragik die ganze Familie erschüttert habe. Dieses Erleben sei in die Erzählung eingeflossen, so wie überhaupt viel Autobiografisches in seinen Geschichten stecke. Zum Beispiel problematische Vaterfiguren.

„Meine Eltern haben sich getrennt, da waren wir schon erwachsen“, sagt Naoura. Gescheitert sei die Ehe der Eltern letztlich an kulturellen Differenzen. „In der Kindheit waren die Schwierigkeiten permanent da, ich bin da praktisch zum Beobachter geworden“, so der Autor. Sein Vater sei ein schwieriger Charakter, der Kontakt mit ihm bis heute nicht gut, und die Mutter sei schon „sehr deutsch“. Geschwiegen hätten beide viel. „Mein Vater hat gar nicht über sich und seine Familiengeschichte geredet, meine Mutter auch nicht, wir Kinder wussten eigentlich nicht, was unsere Eltern so dachten.“

Der schweigsame Finne aus „Matti und Sami“, dem bisher bestverkauften Buch dieses Autors, für das er mit dem Peter-Härtling-Preis ausgezeichnet wurde, habe Ähnlichkeiten mit seinem Vater. Naouras Vater war Banker, so ähnlich wie der Vater von Anton aus „Dilip und der Urknall“, der erst unglaublich viel Geld verdient, ein luxuriöses Haus und ein teures Auto kauft, dann aber seinen Job verliert und jeden Morgen trotzdem so tut, als ob er ins Büro ginge, bis Anton und sein Adoptivbruder Dilip ihn zufällig am Tag in der Stadt im Café sitzen sehen.

In diesem Buch spielen die Werte eine Rolle, nach denen man im Leben strebt, und auch dieses Buch bietet tollen Gesprächsstoff, denn jeder der Brüder entzieht sich auf seine Weise dem Leistungsprinzip, das der Vater zunächst verkörpert. „Das Schreiben ist mir am Anfang nicht so leichtgefallen, ich war ja zunächst Übersetzer“, sagt Naoura. Neben rund 20 Romanen und Sachbüchern stammen Übersetzungen der Kinderbücher des Autorenduos Axel Scheffler und Julia Donaldson („Der Grüffelo“) von ihm.

Der Autor hat kein Handy

Seit er allein lebe, laufe es besser mit dem Schreiben. Naoura spricht schnell und lebhaft. Beim Schreiben lenkt ihn nichts ab – er besitzt nämlich kein Handy. „Ich brauche keins“, sagt er. „Ich bin organisiert, komme pünktlich, man kann mich per Mail erreichen. Ich telefoniere zu Hause vom Festnetz. Sonst nicht.“

Wenn er nicht schreibt, fährt Salah Naoura Fahrrad, geht ins Kino, liest oder spielt Gitarre, und einen Monat im Jahr verkrümelt er sich in eine Art Einsiedelei in Portugal, um neue Ideen zu entwickeln.

Und wie kam das Schwedische in sein Leben? „Tja, das ist mir selbst ein Rätsel“, sagt er. „Ich bin mit 14 eines Tages aufgewacht und dachte: Ich möchte Schwedisch lernen.“ Er habe schon in der Schule damit angefangen und es dann auch studiert, in Berlin und Stockholm.

„In meinen Geschichten sind Kinder dadurch in Bedrängnis, weil ihre Eltern es sind“, sagt Naoura. Die Eltern stehen unter Druck, geben ihn an die Kinder weiter, was machen die Kinder in dieser Situation? „Ich will Kindern Mut machen, ihre eigenen Wege und Lösungen zu finden für das, was sie selbst betrifft.“ In den Büchern gelingt es Kindern oft, Situationen herbeizuführen, die am Ende für alle gut sind.

Kinder werden in Naouras Büchern ernst genommen und nicht für dumm verkauft. Auch wenn manches überzeichnet sein mag, unrealistisch oder gar kitschig – die Lektüre lohnt. Und dazu birgt sie reichlich Ansätze, um mit Kindern über Themen zu reden.

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