Christo, Jeanne-Claude und Berlin : Der Stoff, aus dem die Träume sind

Vor 25 Jahren verwandelte Christo mit der Reichstags-Verhüllung nicht nur ein Gebäude, sondern eine ganze Stadt. Sie verdankt ihm mehr als ein Sommermärchen.

Die Verzauberer. Christo und seine Frau Jeanne-Claude haben Berlin mit der Verhüllung des Reichstags verwandelt.
Die Verzauberer. Christo und seine Frau Jeanne-Claude haben Berlin mit der Verhüllung des Reichstags verwandelt.Foto: Peter Endig/dpa

Das kleine Stück Stoff, nur knapp fünf mal fünf Zentimeter groß, sieht schon etwas zerrupft aus, und wenn man es in die Hand nimmt, rieselt silbriger Aluminiumstaub heraus. Ein in diesem Format völlig unspektakulär wirkendes Gewebe, aber welche Geschichte, welche Erinnerung ist damit verbunden!

Denn dieses kleine grobgewebte Quadrat ist aus genau dem Material, mit dem das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude im Sommer 1995 das Berliner Reichstagsgebäude verhüllte und den eher düsteren, noch unsanierten Wallot-Bau zum „Wrapped Reichstag“ verzauberte, dem Mittelpunkt des ersten Berliner Sommermärchens nach dem Wendejahr 1989.

Wie man zu dem kleinen Stück Stoff  gekommen ist? Vergessen. Auch viele andere, die noch über solch ein Souvenir verfügen, Berliner vor allem, aber auch die unzähligen Besucher, die es damals zum Reichstag trieb, werden sich die gleiche Frage stellen. Wenn die Erinnerung nicht täuscht, wurden die Stoffstückchen von unzähligen Helfern am Reichstag verteilt.

Gratis-Proben vom Stoff

Fleddern musste das Kunstwerk niemand. Und kaufen konnte man dieses Andenken ebenfalls nicht, obwohl Christo und Jeanne-Claude mit dem kleinteiligen Versilbern der rund 100.000 Quadratmeter großen Stoffbahnen sich leicht eine goldene Nase hätten verdienen können. Aber das widersprach nun mal ihrem speziellen künstlerischen Konzept.

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Seit Sonntagabend, als die Nachricht vom Tode Christos bekannt wurde, der kurz vor seinem 85. Geburtstag in New York starb, haben die kleinen über die Stadt und vielleicht auch die Welt verteilten, lange unbeachteten Stoffreste eine besondere Bedeutung wiedergewonnen, gerade für Berlin. Denn für diese Stadt war der silbern glänzende Reichstag nicht irgendein weiteres, wenn auch besonders spektakuläres Kunstwerk des berühmten Künstlerpaares aus den USA.

Der Stoff, aus dem der Sommertraum war. Die silbernen Vierecke wurden gratis verteilt.
Der Stoff, aus dem der Sommertraum war. Die silbernen Vierecke wurden gratis verteilt.Foto: Wikimedia

Er stand vielmehr, ohne dass damit vorher unbedingt zu rechnen gewesen wäre, zugleich für eine Verwandlung des Selbstbilds der Stadt und des erst fünf Jahre zuvor wiedervereinten Landes. Und er änderte darüber hinaus, wie später die Fußball-WM 2006, die Sicht der Welt auf das moderne Deutschland, das, wie die spanische Zeitung „El Pais“ schrieb, „nicht mehr ständig mit zusammengebissenen Zähnen durch die Welt geht.“

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Statt der gewohnten, im Ausland offenbar so empfundenen Verbissenheit wurde der Stadt, dem Land und den Völkern der Welt, die wieder einmal, doch nun aus silbern glänzenden Anlass auf diese Stadt schauten, das Schauspiel einer zweiwöchigen Verzauberung der zu Hundertausenden herbeiströmenden Kunstjünger und Schaulustigen geboten. Ein Woodstock der Kunst, und dies ohne Regen, was die Rasenflächen um den Reichstag vorübergehend zum bevorzugten Picknickplatz der Stadt machte.

Die Postkarte von Michael S. Cullen

Und selbst wer dem sich im wechselnden Licht scheinbar ständig ändernden Kunstwerk reserviert gegenüber blieb – aber wer blieb das schon? –, musste doch dem enormen Beharrungsvermögen des Künstlerpaares seinen Respekt zollen. Rund 20 Jahre lag es zurück, dass der Historiker Michael S. Cullen Christo durch eine Postkarte auf den Reichstag als mögliches Objekt seiner und Jeannes-Claudes Kunst hinwies.

Ideengeber. Kaum einer kennt sich mit den Reichstag so gut aus, wie Michael S. Cullen.
Ideengeber. Kaum einer kennt sich mit den Reichstag so gut aus, wie Michael S. Cullen.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Dreimal wurde das Projekt offiziell abgelehnt, bis zuletzt gab es viele Kritiker, allen voran Bundeskanzler Helmut Kohl, der noch auf dem Höhepunkt des Andrangs mit dem Kunstwerk haderte und frei bekannte: „Ich habe den verhüllten Reichstag nicht besichtigt und ich habe nicht die Absicht, es zu tun.“

Wolfgang Schäuble hatte große Bedenken

Immerhin entstand während dieser zwei tollen Wochen doch das Gerücht, Kohl habe den Piloten seiner Kanzlermaschine bei einem Flug angewiesen, das Silberschloss kurz zu überfliegen. Auch andere Spitzenpolitiker wie der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble befürchteten Schaden für dieses steinerne Symbol der deutschen Geschichte, konnte sich nicht vorstellen, dass diese Geschichte genau durch die Silberhülle eine Tendenz zum Lockeren, Beschwingten bekommen sollte, weg vom Pickelhauben-Deutschland der Vergangenheit

Bei der finalen Bundestagssitzung zum Reichstag am 25. Februar 1994 wurde dann sogar namentliche Abstimmung festgelegt, offenbar ein letzter Versuch, die Freunde des Projekt einzuschüchtern. Er misslang gründlich: 292 Abgeordnete waren dafür, 223 dagegen, bei neun Enthaltungen.

Vier Kilo Aluminium reichten für die Hülle

Waren schon die zurückliegenden beiden Jahrzehnte Beweis genug für Christo und Jeanne-Claudes Energie und Überzeugungstalent, so wurden die Monate bis zur Eröffnung des „Wrapped Reichstag“ ein Musterbeispiel für kluge und effiziente Planung und Ausführung. Für die Herstellung des Stoffes – 100 000 Quadratmeter, in einer Vakuumkammer bedampft mit nur vier Kilogramm Aluminium – wurde eine Firma in Brandenburg betraut. Gewebt, beschichtet und vernäht kam er rechtzeitig in Berlin an und wurde von 90 Industriekletterern und 120 Montagearbeitern an den Fassaden des Reichstags angebracht, wie geplant zum 24. Juni 1995.

Mit Unterschrift. Christo und Jeanne-Claude signierten einen Tagesspiegel-Sonderdruck.
Mit Unterschrift. Christo und Jeanne-Claude signierten einen Tagesspiegel-Sonderdruck.Foto: Thilo Rückeis

Es war ein Erfolg sondergleichen: Kurz vor Beginn der Kunstaktion hatte eine bundesweite Umfrage noch 70 Prozent Ablehnung ergeben, davon war binnen kurzem keine Rede mehr, und der WDR suchte für ein Streitgespräch vergebens nach einem Verhüllungsgegner. Staunend standen die Menschen vor dem silbern flirrenden Kunstwerk, das seine architektonische Schwere vollständig verloren hatte und die bleierne Schwere der deutschen Geschichte gleich mit.

Flugkapitäne wichen vom Kurs ab

Für die Berliner und ihre Gäste wurde es geradezu zum Pflichtprogramm, den Reichstag wiederholt, zu unterschiedlichen Tageszeiten zu besuchen. Flugkapitäne erbaten bei der Bodenkontrolle die Erlaubnis, vom vorgeschriebenen Kurs abzuweichen, um den Passagieren dieses beispiellose, nie wiederkehrende Schauspiel bieten zu können. Sogar die Geschäfte durften abends und sogar am Wochenende länger öffnen, damals war das noch eine große Nummer. Die vielen Besucher – etwa fünf Millionen sollen es gewesen sein – sollten schließlich auch ihr Geld in der Stadt lassen können, denn der Besuch bei dem Werk von Christo und Jeanne-Claude war gratis.

Ab und zu bekam man die beiden sogar zu sehen, einmal sogar stundenlang: Denn am 28. Juni hatte der Tagespiegel seine Leser eingeladen, sich einen Sonderdruck zum „Wrapped Reichstag“ von Christo und Jeanne-Claude persönlich signieren zu lassen, vor dem verhüllten Reichstag. Morgens um 5 Uhr sollte die für 60 Minuten vereinbarte Signierstunde beginnen, man wollte mit diesem frühen Termin das befürchtete Chaos vermeiden, hatte die Popularität des Künstlerpaares, die Begeisterung über ihr Werk aber glatt unterschätzt.

Die Riesenschlange für den Tagesspiegel-Sonderdruck

Viele Kunstjünger hatten sogar in Schlafsäcken vor dem Reichstag übernachtet, um sich die begehrten Unterschriften ja nicht entgehen zu lassen. Zuletzt wand sich die Schlange der Wartenden mehr als anderthalbmal um den Reichstag herum. Rund 15.000 Menschen waren gekommen und aus der einen kurzen Signierstunde wurde die längste, die Berlin je erlebt hat: 360 Minuten lang gaben Christo und Jeanne-Claude unermüdlich ein Autogramm nach dem anderen. Menschen, die eines ergattert hatten, sprangen vor Freude in die Luft, manche hatten Tränen in den Augen, und immer wieder gab es Applaus für die beiden Künstler. Einer kleinen Schülerin, die extra die Schule geschwänzt hatte, gab Christo sogar einen Entschuldigungszettel mit: „Anna kommt zu spät in die Schule. Sie hat mich am Reichstag besucht.

Rückkehr nach Berlin

Nach seinem legendären Reichstagsprojekt war Christo - Jeanne-Claude starb am 18. November 2009 – noch mehrfach in Berlin, so im Februar 2017, als er während der Filmfestspiele im Programmteil „Berlinale Talents“ auftrat – und beim Taschen-Verlag in der Charlottenburger Schlüterstraße seine dort erschienenen Bücher signierte. Zuletzt war im März ein Berlin-Besuch samt Signierstunde im PalaisPopulaire der Deutschen Bank im Prinzessinnenpalais Unter den Linden geplant, im Rahmen der Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude – Projects 1963 – 2020“.

(Die Ausstellung „Christo and Jeanne-Claude“ im PalaisPopulaire, Unter den Linden 5, ist bis zum 17. August zu sehen, täglich 11 – 18 Uhr, außer dienstags; donnerstags bis 21 Uhr; Zeitfenstertickets).

Die Werkschau, zusammengestellt aus der Sammlung des Ehepaars Ingrid und Thomas Jochheim, konnte jedoch aufgrund der Corona-Krise zunächst nicht eröffnet werden. Christo sagte seinen Besuch ab.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Mittlerweile ist die Ausstellung mit den dem Virus geschuldeten Einschränkungen zu sehen, doch mischt sich nun zu der Begeisterung über die Arbeit des Künstlerpaars und der Erinnerung an den „Wrapped Reichstag“ die Trauer über den Tod des Mannes, der gemeinsam mit Jeanne-Claude der Stadt und dem Land ein noch heute nachschwingendes Sommermärchen schenkte.

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