"Mit 40 dachte ich: Willst du ewig hier stehen?"

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Clubszene in West-Berlin : Das Leben nach dem Nachtleben
Ganz heutig. Todora Osikowski im April 2014 zu Besuch in Berlin - inzwischen wohnt sie in Zürich.
Ganz heutig. Todora Osikowski im April 2014 zu Besuch in Berlin - inzwischen wohnt sie in Zürich.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Todora Osikowski ist zu Besuch in ihrem alten Leben. Mit hellbeigen Wildlederschuhen steht sie im tiefen Sand, von dem sie versichert, dass sie ihn nicht hat ausschütten lassen. Hier in dem Ecklokal am Winterfeldtplatz, das sie früher einmal betrieb.

Todora Osikowski trinkt ein Glas Rosé im Slumberland. Eine Kneipe, die schon ewig zu existieren scheint. Doch auch das Slumberland hatte einen Vormieter, und das war der Dschungel, jenes legendäre Tanzlokal, das, nachdem es in die Nürnberger Straße umgezogen war, von David Bowie besucht und im vergangenen Jahr sogar besungen wurde: "Sitting in the Dschungel / On Nurnberger Strasse / A man lost in time near KaDeWe." Berlin und sein Nachtleben ist zur Attraktion für Menschen aus der ganzen Welt geworden, Bowie und sein Freund Iggy Pop, die Ende der 70er mehrere Jahre hier lebten, waren sozusagen Pioniere.

Jeden ersten Mittwoch im Monat findet im Slumberland ein "Veteranen-Treff" der alten Dschungel-Gänger statt. So nennt es eine regelmäßige Teilnehmerin. Eine Gruppe ergrauter Herren lehnt an der Bar, Todora Osikowski steht etwas abseits, die Arme vor der Brust verschränkt. Sie hat den Dschungel vor vierzig Jahren gegründet. Jetzt wohnt sie in Zürich. Eine elegante, zierliche Frau mit dunkelbraunem Pagenkopf und kariertem Burberry-Schal.
Sie wirkt scheu, es scheint, dass Ehemaligen-Abende nicht ihre Sache sind. Doch sie spricht sehr offen: Sie sei heilfroh, dass der Dschungel pleitegegangen sei, auch wenn sie das ihr ganzes Geld gekostet habe. "Sonst wäre ich nie weggekommen aus Berlin. Die Vorstellung, dass ich noch immer jeden Tag denselben Weg von meiner Wohnung in die Nürnberger Straße laufen würde, finde ich beklemmend." Im Slumberland verabschiedet sie sich zu einer Zeit, zu der der Dschungel erst aufmachte: um zehn.

Urlaub mit Rio Reiser
Der Dschungel, der später an der Nürnberger Straße im denkmalgeschützten Tauentzien-Palast residierte, galt den meisten natürlich nicht als beklemmender, sondern als verheißungsvoller Ort. Die Band Ideal besang den Club bereits 1980: "Mal sehn, was im Dschungel läuft / Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene / Ich fühl mich gut, ich steh auf Berlin". Für die von besonders strengen Türstehern Auserwählten entfaltete sich dort eine Gegenwelt zum Alltag. Ehemalige Gäste, die in einer Zeitschrift über den Dschungel befragt wurden, beschrieben ihn als "anderen Stern" oder "als Welt, die größer war".

David Bowie in Berlin
David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt. Courtesy: EYE·D Agentur für Fotografie. Das Bild war Teil der großen Bowie Ausstellung im Martin-Gropius-Bau.Weitere Bilder anzeigen
1 von 28Foto: Jim Rakete
11.01.2016 08:23David Bowie (8. Januar 1947 - 10. Januar 2016). Hier ein Bild von 1976 in Berlin. Foto von Archival Pigment Print auf Baryt....

Andererseits wird die Welt für diejenigen, die lange im Nachtleben arbeiten, klein. Todora Osikowski verbrachte fast zwanzig Jahre im Dschungel, also auf ungefähr zweihundert Quadratmetern. Osikowski weiß die Größe nicht mehr genau. Ein Wirt lebt in seinem Laden, Todora Osikowski stand meistens neben der Tür. "Diese Hand hier", sagt sie, "wen sie nicht schon alles begrüßt hat! Julian Schnabel, Versace. Doch davon bleibt nicht viel."

Für ein weiteres Treffen hat sie das am Winterfeldtplatz gelegene Café Miss Honeypenny vorgeschlagen. Auf dem Markt kauft sie ein, wenn sie in Berlin ist. Sie hat sich an die große Schaufensterscheibe gesetzt - mit Blick auf das Slumberland. Eine Freundin von ihr, erzählt sie, habe Anfang der 70er Jahre eine kurze Affäre mit dem damaligen Wirt der Eckkneipe gegenüber gehabt. Ein gelernter Kellner mit Halbwelt-Kontakten, der die beiden jungen Frauen eines Tages fragte: "Wollt ihr den Laden haben?" Die Freundin meinte: "Komm, lass uns zugreifen."

Ihre Freundin stieg nach zwei Jahren aus, vier Männer stiegen ein. Der Dschungel war ein Kollektiv. Seine Teilhaber verstanden sich als Linke. Todora Osikowski war eng mit Rio Reiser befreundet, dessen Band Ton Steine Scherben den Soundtrack zu den Protesten der Zeit geliefert hatte. Als Studentin war sie sogar einmal mit Reiser und dessen Eltern nach Kopenhagen gefahren. Reiser sang: "Ich will nicht werden, was mein Alter ist." Die Eltern Reiser, sagt Osikowski, seien "eigentlich ganz süß" gewesen.

Reich ist mit dem Dschungel keiner geworden

Todora Osikowski ist Berlinerin, in Schöneberg geboren. Ihr Stiefvater besaß einen Rennstall auf der Trabrennbahn Mariendorf. Dort traf sich, was sich eine Generation zuvor als Prominenz verstand.
Rio Reiser legte im Dschungel auf, der Zeichner Marc Brandenburg stand an der Tür. Auch im Dschungel kam Berlins Prominenz zusammen, nur dass Szene-Größen in den 80ern etwa Ratten-Jenny hießen. Tatsächlich

Der alte Dschungel. Todora Osikowski Mitte der 70er Jahre in dem Lokal am Winterfeldtplatz, vor dem Umzug in die Nürnberger Straße.
Der alte Dschungel. Todora Osikowski Mitte der 70er Jahre in dem Lokal am Winterfeldtplatz, vor dem Umzug in die Nürnberger...Foto: Esther Colton, BPK

besuchte Ratten-Jenny mit lebender Ratte regelmäßig den Dschungel, was Todora Osikowski nicht besonders gefiel. Sie schätzte bereits damals gutes Design. Blickfang im Dschungel war eine vom Scharoun-Schüler Chen Kuen Lee konzipierte Metalltreppe, die die begehrtesten Plätze bot. Lee starb vor ungefähr zehn Jahren verarmt in einer Sozialwohnung in einem Hochhaus im Märkischen Viertel, das er selbst gebaut hatte.

Reich ist mit dem Dschungel keiner geworden, auch wenn Trauben von Menschen vor seiner Tür Einlass begehrten. "Unsere Kellner hatten alle ein dickes Portemonnaie", sagt Osikowski. Und auf den internen Weihnachtsfeiern sei der Champagnerkeller leer getrunken worden. Aber sie bedauert ihre Großzügigkeit nicht: "Ach was. Unser Personal war klasse. Und mehr als essen kannste nicht."

Im Miss Honeypenny ist eine ehemalige Dschungel-Kellnerin hinzugekommen, sie ist mit Todora Osikowski befreundet. Eine schlanke Frau mit feuerroten Haaren und Jeansjacke, die länger in Indien war und sich mit Berlins neuerem Nachtleben entsprechend schlecht auskennt. Wie es im Berghain sei, sagt sie, würde sie schon interessieren. "Ich fand’s dort wunderbar", sagt Osikowski, die vor Jahren mal dort war. Das lange Warten in der Schlange erscheine ihr mühselig, erwidert die Freundin, vor allem wenn man am Ende womöglich gar nicht reinkomme. "Vielleicht sind wir denen zu alt." Beide Frauen lachen "Haben wir damals eigentlich Ältere in den Dschungel reingelassen?", fragt die Freundin. "Doch", antwortet Osikowski, "Mario Adorf ist immer reingekommen."

Heute sagen Gäste: "Hier habe ich meine Jugend verbracht"
Altern wie Adorf. Das ist ein seltenes Privileg. Todora Osikowski und ihre Freundin wirken alterslos mit ihren mädchenhaften Stimmen und Staturen. Doch echtes Nachtleben reizt sie nicht mehr. Sie erinnere sich an einen Abend im Dschungel, sagt Osikowski, um ihren vierzigsten Geburtstag herum muss das gewesen sein, da habe sie bereits gedacht: Willst du ewig hier stehen? "Die Aussicht fand ich grenzwertig."

Am 31. Mai 1993 musste der Dschungel schließen. Berlins Nachtleben war in die Ost-Bezirke gezogen. Die Teilhaber stiegen aus, Osikowski baute das Lokal zum Restaurant um. Aber auch dieses erlöste die mittlerweile immense Miete an der Nürnberger Straße nicht mehr. "Oft kamen Gäste rein und sagten: ,Hier habe ich meine Jugend verbracht.‘", sagt sie. "Wo die als Kids was durch die Nase gezogen haben, essen sie jetzt Schnitzel. Ich dachte: Nee! Das ist Nostalgie."

Es wirkt sympathisch, wie Osikowski den Dschungel nicht größer, sondern eher kleinredet. Die Rückkehr ins Tagleben sei ihr leicht gefallen, sagt sie. Dabei hatte sie zunächst einen Frühaufsteher-Job: Sie war Frühstücksdirektorin im Hotel "Brandenburger Hof". Später ging sie der Arbeit wegen in die Schweiz. Dort baute sie eine Dependance einer deutschen Casting-Agentur auf.

Das Einzige, was sie aus dem Dschungel noch besitzt, ist eine Tropenholz-Tischplatte in Rautenform und eine Kiste mit Fotos. Doch die Kiste öffnet sie nicht mehr. "Wenn ich darin krame, falle ich in die Vergangenheit hinein, das ist mir nicht angenehm. Ich lebe jetzt."

Todora Osikowski ist heute Rentnerin, 66. Morgen fährt sie zurück in die Schweiz. Zürich sei geselliger als Berlin, sagt sie, deshalb bleibt sie dort. "Ich bin in Zürich in einen fantastischen Freundeskreis eingebettet." Man lade sich gegenseitig zum Essen ein, verabrede sich auf einen Drink - am frühen Abend, "passend zum Lebensalter".

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