CO₂-Emissionen : Berlins Neubauten schaden dem Klima - noch

Bis 2050 soll Berlin klimaneutral sein. Doch noch werden Gebäude gebaut, die das Klima belasten. Auch von landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften.

Berliner Luft: Sie könnte sauberer sein.
Berliner Luft: Sie könnte sauberer sein.Foto: Shutterstock / STLJB

Wenn Berlin bis 2050 tatsächlich klimaneutral werden soll, wie es die Politik sich vorgenommen hat, muss das Land an den Gebäudesektor ran. Denn neben Strom- und Wärmeerzeugung sowie Verkehr werden ein Großteil der Kohlendioxidemissionen in Berlin durch das Heizen verursacht.

Um die Pariser Klimaziele zu erreichen, müssen die bestehenden Gebäude also energetisch saniert werden – und das in einem schnelleren Tempo als bisher. Außerdem müssten Neubauten klimaneutral sein. Ein Gebäude gilt dann als klimaneutral, wenn die CO₂-Emissionen für seinen Betrieb null betragen. Ist das nicht der Fall, verschlechtern alle neuen Häuser in der Stadt erstmal die Klimabilanz Berlins.

Doch derzeit werden in der Hauptstadt immer noch Gebäude gebaut, die in ihrem späteren Betrieb zu Lasten des Klimas gehen – auch von landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften. Das zeigt die Antwort der Umweltverwaltung auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Andreas Otto. Der wollte am Beispiel der Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) vom Senat wissen, welche Vereinbarungen dieser mit den landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften geschlossen habe, um deren Immobilienbestand klimaneutral zu machen.

1,27 CO₂ Tonnen pro Wohnung

Die Antwort von Staatssekretär Ingmar Streese: Bislang gebe es keine Vereinbarungen zur Klimaneutralität. Zwar seien "Zielgrößen im Sinne eines ’CO₂-Deckels’ formuliert" worden. Aber "weitergehende Verpflichtungen gab es bisher nicht". Allerdings seien im Rahmen der künftigen Klimaschutzvereinbarung nach 2020 zwischen dem Land und dem Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) "Festlegungen mit dem Ziel der Klimaneutralität" vorgesehen. Zum BBU gehören auch die sechs landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften.

2010 hat der Gebäudebestand der WBM insgesamt 34.318 Tonnen CO₂ emittiert. Das sind 1,27 Tonnen pro Wohnung. Laut Vereinbarung mit dem Senat sollen es 2020 nur noch 1,22 Tonnen pro Wohnung sein. Die CO₂-Emissionen der BBU-Mitgliedsunternehmen insgesamt liegen derzeit bei 1,55 Tonnen CO₂ pro Wohnung oder rund 25 Kilogramm CO₂ je Quadratmeter Wohnfläche.

Grüne fordern mehr Vorgaben für Wohnungsbaugesellschaften

Otto fragte den Senat außerdem, ab wann dieser erreichen wolle, dass Neubauvorhaben ausschließlich klimaneutral im Betrieb seien. Streese antwortet ausweichend: Die geltenden gesetzlichen Regelungen für die Energieeffizienz von Gebäuden gingen vom Wirtschaftlichkeitsgrundsatz aus. Und er verweist auf den Bund, der gerade das Gebäudeenergiegesetz (GEG) erarbeitet. Auch die bisher vorgelegten Referentenentwürfe folgten diesen Vorgaben der Wirtschaftlichkeit.

Außerdem, so Streese, sei eine gesetzliche Definition der Klimaneutralität in diesem Zusammenhang bisher noch nicht erfolgt. Zwar erfüllten sämtliche Neubauprojekte der WBM die gesetzlichen Standards, mitunter würden auch die KfW-55-Standards erfüllt. Das bedeutet, das Haus benötigt 45 Prozent weniger Primärenergie im Jahr als ein vergleichbarer Neubau.

Doch das geht Otto, der baupolitischer Sprecher seine Fraktion ist, nicht weit genug: „Um die Klimaziele zu erreichen, müssen alle Neubauten Passivhäuser sein oder wenigstens den KfW-40-Standard erreichen“, fordert er. Dafür müssten die Vorgaben für die Wohnungsbaugesellschaften verschärft und die Finanzierung gesichert werden.

Zusammenbruch der Industrie half der Klimabilanz

Die WBM habe das Thema erkannt, schreibt Streese. Die Wohnungsbaugesellschaft erarbeite derzeit „im Rahmen einer Klimastrategie eine interne Definition des Begriffs ’Klimaneutralität’, um einen anwendungsbezogenen Nutzen zu generieren“.
In Berlin sanken die Emissionen insgesamt seit 1990 um fast 37 Prozent auf 16,9 Millionen Tonnen Kohlendioxid (CO₂) im Jahr 2016. Neuere Zahlen sind nicht verfügbar, die Datenerhebung hinkt der Realität hinterher.

Der Zusammenbruch der Industrie half der Klimabilanz Berlins, zuletzt drehte sich der Trend aber um. 2016 stiegen die Emissionen wieder leicht an, wofür vor allem der zunehmende Verkehr verantwortlich war. Aber auch die CO₂-Emissionen der BBU-Mitgliedsunternehmen stiegen im Vergleich zu 2014 um ein Prozent.

Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) will den Klimanotstand anerkennen. Ende November möchte sie dazu im Senat erste Vorschläge einbringen.

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