Berlin : Conny Wess (Geb. 1938)

Er war mittendrin, aber er blieb nirgends

Mond über Soho: Das ist der verdammte „Fühlst-du- mein-Herzschlagen-Text“. Das ist das „Wenn du wohin gehst, geh ich auch wohin, Jonny!“ Wenn die Liebe anhebt und der Mond noch wächst.

„Vollmond“, nicht über Soho, über Kreuzberg. So hieß die Kneipe in ihren besten Jahren. Davor „Bier- und Weinwirtschaft“, Unterzeile: „Diverse Spirituosen“. Und die hat er auch selbst zu sich genommen. Nicht zu knapp. Wer sein Herz nicht wiederfindet, wird Vagabund. Conny war so einer. Einer, der von früher nicht gern erzählte. Nicht von den Eltern, die sich trennten und den Sohn verrieten. So war keine Heimat mehr, kein Zuhause, und er zog los in die Welt, das Fürchten zu lernen, das Trinken und die Liebe. In Hamburg, in der „Palette“, wo sie alle soffen, die Rock ’n’ Roller und die Poeten, und wo Hubert Fichte das Wort führte, obwohl er besser soff als schrieb. Anders als Eva Demski, die eine Herzensfreundin wurde, in den wilden Tagen in Mainz dann. Conny war mittendrin, aber er blieb nirgends. Wo er auch war, zog es ihn bald fort. In München, in Frankfurt, wo er zuhörte, wenn einer wie Baader das Maul groß aufriss, und sich seinen Teil dachte. Denn die wirkliche Revolution, die geschieht im Kopf, nicht auf der Straße. Da hielt er es lieber mit Thoreau, der auch so ein unruhiges Herz hatte und loszog in die Wälder. Aber in den Wäldern war Conny zu wenig Sonne, er mochte es gern wärmer. Er suchte Inseln, die überschaubar waren und Menschen beherbergten, die er mochte. Kreta zum Beispiel, wo er im Knast saß mit anderen, die von der Junta verfolgt wurden, wo er griechische Lieder sang und auf einem Esel reiten lernte, was zwei Sturköpfe zusammenbrachte.

Er kam nach Berlin, auch so eine Insel, und verliebte sich, was ihm nicht so oft geschah, in Conny, sein Herzensspiegelbild. Er wollte auswandern mit ihr ins Valle Gran Ray, aber sie merkten schneller als andere, dass Aussteiger bei Einheimischen nicht so beliebt sind, wie sie selbst immer glauben. Wenn nicht Gomera, dann Kreuzberg: der „Vollmond“ ging auf in der Oranienstraße. Mit „Conny gut“ und „Conny böse“ hinterm Tresen, sie rechnete, er schwadronierte, sie gab den Gästen das warme Lächeln, er schmiss sie raus und holte sie dann wieder rein zum großen Palaver, La Belle et la Bête. Der Laden lief, denn die beiden boten ein verlässliches Zuhause. Nur die Liebe, die hielt nicht. Conny stieß gern von sich, was er mochte, und treu war er sowieso nicht, nicht solange es Damen gab, die ihn schätzten für das, was er ihnen zahlte. Eine verlässliche Währung des Glücks. Für ihn zumindest. Und der Sprit, der war damals sein Treibstoff für die Verbrüderung mit allen, die er um sich brauchte. Ob er die Menschen wirklich liebte, ist so eine Frage, er mochte sie jedenfalls alle als Zuhörer. Der Bienenkönig, auch „Socke“ genannt, der 30 Bärenjäger-Schnäpse vertrug, ohne umzufallen, mit dem soff er und mit den anderen Wirten der benachbarten Kneipen, dem „Jodelkeller“, dem „Elefanten“, der „Roten Harfe“, und mit den Punks, die später auftauchten, und mit den Ossis, als die Mauer fiel – nur, so viele kamen gar nicht von drüben, obwohl es nur ein paar Schritte waren, von der einen Welt in die andere. Die Geschäfte liefen schlecht. Conny musste sich neu erfinden. Die Kneipe machte zu für ein Jahr, und er ging nach Ägypten, in ein Kloster, überdachte sein Leben und ließ fortan die Finger vom Alkohol und von den Zigaretten. Grade rechtzeitig, bevor der Darmkrebs ihm den Garaus gemacht hätte.

Ansonsten änderte sich nichts in seinem Leben. Oder doch: Eva Demski hatte ihm ein Klavier geschenkt, auf dem wurde nun Blues gespielt. Sein Freund Christian Rannenberg wurde Hauspianist und holte Blues-Musiker aus aller Welt. Zur Begrüßung gab es Apfelkorn, zum Abschied ordentliche Schnäpse.

Die große Liebe hat er nicht mehr gefunden, aber er hat sich über Wasser gehalten, als die Kneipe dann doch schließen musste. Er ging gern in die Pilze, wenn andere sich bückten. Seine Freunde bekochte er, und noch lieber füllte er sie ab, mit gut gemixten Drinks, und natürlich wusste er immer noch alles besser, auf eine so rabaukige Art, dass man ihn einfach in den Arm nehmen musste, obwohl er das ganz und gar nicht mochte. Und wenn er selbst den Blues hatte, was nicht selten war, dann drehte er schon mal das große Ölporträt, das in seiner Wohnung hing, auf den Kopf. Ansonsten hielt er sich grade, auch wenn das Herz schwächelte, die Lunge pfiff. Seine Augen waren zuweilen groß wie die eines Kindes. Er hatte keinen Fernseher, kein Auto und nichts auf dem Konto. Was ihn überhaupt nicht trüb stimmte. Schlimm wurde es erst, als sein Geist vagabundierte. Conny hatte schon immer viel erzählt, aber im letzten Jahr wurden die Geschichten immer fantastischer. Da war die Frau, die ihn verhexte, die Freunde, die ihn verrieten, die Spione, die ihn abhörten. Nur Conny, Conny die Gute, hielt noch zu ihm. Er war auf seiner letzten Insel angekommen. Allein mit sich selbst, alter Seeräuber und Anarchist, der er war, kam er schließlich doch noch zu Hause an:

Don’t care how great you are,
Don’t care what you’re worth,
When it all winds up
You got to go back to mother earth

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