Berlin : Cooler dichten

Der Poetry-Slam-Champion Marc-Uwe Kling hat die Bühnendichter jetzt nach Kreuzberg geholt

G a Bartels

Hinter der Bühne wird schon mal der Preis ausgetrunken, der eigentlich erst später am Abend überreicht werden sollte. „Willste’n Gin Tonic?“, fragt Marc-Uwe Kling. Er ist 24, Student und der amtierende deutsche Meister im Poetry Slam. Aber jetzt erzählt der Moderator und Veranstalter erst mal grinsend, die beiden Pullen Gin und Tonic seien als Gewinn der ersten regelmäßigen Kreuzberger Dichterschlacht vorgesehen. Sie soll künftig immer Dienstagabends im „Kato“ am Schlesischen Tor stattfinden. Und nun? „Och, wir haben noch ’n Korn und ’n Kindel.“ Recht übersichtliches Preisgeld also, das es für das Dichten am Mikro gibt. Im Oktober muss Marc-Uwe Kling seinen Titel vor 1800 Freunden gesprochener Poesie im Admiralspalast verteidigen. Als Lohn winken aber auch dort nur Ruhm und Ehre.

Ob sich mit Poetry Slam Geld verdienen lässt? In Stuttgart oder Mainz schon, meint einer, der gerade reinkommt, in Berlin nicht. „Danke, keinen Gin Tonic – ich trink keinen Alkohol.“ Robert Gaude, 27 und neu in Berlin, sieht aus wie ein Sportstudent und doziert wie ein Philosoph. Er dichtet bundesweit – in 100 deutschen Städten wird inzwischen geslammt. Im „Bastard“ in Prenzlauer Berg hat’s vor zehn Jahren in Berlin angefangen mit dem regelmäßigen Poetry Slam. Dann kam die „Scheinbar“ in Schöneberg als fester Austragungsort hinzu. Nun – längst überfällig – auch Kreuzberg.

Udo Tiffer, in schwarzem Anzug und weißem Hemd der schickste der eintreffenden Poeten, ist da skeptisch. Was Neues in Berlin zu etablieren, sei immer ein Risiko. Der 43-jährige Autor ist der Mann fürs Tiefsinnige und extra aus der Oberlausitz angereist. Ob er von Texten lebt? „Nee, ich lebe trotz Texten.“

Auf der Bühne stehen der Mikroständer, Tisch und Stuhl für den DJ und das war’s. Um 20 Uhr 30 ist die Slammerliste komplett: Zwölf Dichter treten gegeneinander an. Jeder hat fünf Minuten Zeit für seine gelesenen, gesprochenen, gerotzten Wortkaskaden. Und die füllen sie mit selbst geschriebenen Texten, die mal wie Kabarett, Knittelverse oder groovende Rap-Nummern klingen. Einer wirft sich sogar auf den Rücken und liest seinen Text über Papiertaschentücher mit den Füßen nach oben. Das Publikum amüsiert sich. An die 100 Leute sind da und küren die Sieger per Applausometer.

„Coole Location hier in Kreuzberg“, sagt Antonia Menslin. Sie ist Schönebergerin, 20, Studentin und oft beim Poetry Slam. „Das ist immer ein lustiger Abend.“ Aber wenig Frauen seien dabei. Stimmt. Die 31-jährige Iris Niedermeyer, die sich als Gerümpel-Comedian bezeichnet und über Wechseljahre geslammt hat, war die einzige. Wieso so wenig Frauen mitmachen? Antonia zuckt die Schultern. Ihre Freundin Constanze aus Wilmersdorf hat eine Erklärung: „Frauen stellen sich nicht wie Männer hin und finden sich witzig.“ Tilman Birr gewinnt die erste Kreuzberger Dichterschlacht im „Kato“ mit einem Text über die „Blutsauger von der GEZ“. Aus dem Studentenleben eben.

Regelmäßige Poetry Slams: Bastard im Prater: jeden ersten Donnerstag im Monat; Scheinbar: jeden zweiten Montag; Kato: jetzt jeden ersten Dienstag. In Potsdam, im Spartacus, jeden ersten Mittwoch.

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