#coolmomsdontjudge : Wie Berlinerinnen gegen Mütter-Bashing protestieren

Ob im Netz oder auf dem Spielplatz: Mütter kritisieren oft andere Mütter und deren Erziehungsstil. Eine Gruppe von Bloggerinnen und Unternehmerinnen ruft zu mehr Toleranz auf.

Kinder springen auf einer Hüpfburg.
Kinder springen auf einer Hüpfburg.Foto: dpa/Ralf Hirschberger

Vor einiger Zeit postete die Elternbloggerin Janina Wesphal auf ihrem Blog „Oh-wunderbar“ ein Foto mit den Entenfüßen ihres Sohnes. Das Kind hatte, mit Absicht, die Schuhe verkehrt herum angezogen. Was sie selbst als lustig empfand, bereute sie wenig später. 120 Kommentare ploppten kurz darauf in ihrem Postfach auf. Darin wurde sie dafür gerügt, dass sie ihrem Kind die Schuhe nicht richtig herum angezogen hatte.

Als Mutterbloggerin sollte man sich ein dickes Fell zulegen, doch auch jede andere Frau merkt schnell, dass, sobald sie ein Kind hat, sich plötzlich Fremde und Bekannte ungefragt in die eigene Lebensgestaltung einmischen, mit Kritik oder wohlgemeinten Ratschlägen. Da ist die ältere Frau, die man auf der Straße trifft, die meint, das Baby müsse auch im Hochsommer eine Mütze tragen, oder die Bekannte, die sich darüber empört, weshalb das anderthalbjährige Kind „schon“ im eigenen Bettchen schlafen soll. Andersherum geht es natürlich auch: Würde man dem Kind die Mütze auch im Sommer aufsetzen oder das Kind noch bis zum zweiten Lebensjahr im Elternbett schlafen lassen, fänden sich genug andere Kommentatoren, die wiederum genau das zu kritisieren hätten.

Die beiden Gründerinnen des Berliner Babynahrungsherstellers „Löwenzahn Organics“ Liz Sauer Williamson und Carmen Lazos Wilmking – beide selbst Mütter – redeten mit Freundinnen und Bekannten viel über dieses Phänomen, das bei Twitter auch als #momshaming bezeichnet wird. Sauer Williamson ist gebürtige Australierin, Lazos Wilmking Mexikanerin.

„Wir alle hatten das Gefühl, dass wir auf Spielplätzen oder anderswo kritisch beäugt wurden und uns für den Umgang mit unseren Kindern rechtfertigen mussten“, erzählen sie. Da sie wissen wollten, ob dahinter mehr als nur ein persönliches Gefühl der Mütter aus ihrem Umfeld steckt, gaben sie (auch um ihre Produkte zu vermarkten) eine repräsentative Forsa-Umfrage in Auftrag. Befragt wurden 1010 Mütter mit Kindern im Alter von bis zu vier Jahren.

In Prenzlauer Berg diskutierten Bloggerinnen, Unternehmerinnen und Autorinnen über Mütter-Bashing.
In Prenzlauer Berg diskutierten Bloggerinnen, Unternehmerinnen und Autorinnen über Mütter-Bashing.Foto: Lea Klein/Löwenzahn Organics/Promo

77 Prozent wurden in ihrer Rolle als Mutter kritisiert

Das Ergebnis fiel für sie dann doch „sehr überraschend" und „deutlich schlimmer als erwartet" aus, wie die beiden Gründerinnen auf einer Veranstaltung in Berlin erzählen: Heraus kam nämlich, dass 77 Prozent der Befragten mindestens einmal für den Umgang mit ihrem Kind kritisiert worden waren. Wiederum 72 Prozent davon fühlten sich deshalb schon mal als schlechte Mutter. Zusammengenommen bedeutet das, dass 55 Prozent der Befragten sich wegen der Kritik durch andere in ihrer Mutterrolle unwohl fühlten. Gleichzeitig wünschten sich 86 Prozent mehr Toleranz und Unterstützung von Müttern untereinander.

Liz Sauer Williamson und Carmen Lazos Wilmking wünschten sich dies auch und starteten deshalb die Kampagne #coolmomsdontjudge, um über das permanente Mütter-Bashing im Netz und anderswo aufmerksam zu machen – und um alle Beteiligten dafür zu sensibilisieren.

Zu der Kampagne gehört auch ein Web-Film, in dem verschiedene Frauen von ihren persönlichen Erfahrungen berichten. Eine von ihnen ist Camilla Rando, Herausgeberin des Magazins „Mummy Mag“. Sie vergleicht in dem Film die Rolle einer Mutter mit der des Trainers einer Fußballnationalmannschaft: „In dem Moment, in dem du Mutter wirst, habe ich das Gefühl, dass alle mitreden können“, sagt sie in dem etwa vierminütigen Spot.

Diesen Satz wiederholte sie auch kürzlich bei einer Diskussionsveranstaltung über das Thema Mom-Shaming in Prenzlauer Berg. Viele weitere der Gesichter aus dem Web-Film sind hier ebenfalls zu sehen. Eingeladen haben die Initiatoren der Kampagne, die beiden Löwenzahn-Organics-Gründerinnen Liz Sauer Williamson und Carmen Lazos Wilmking. „Wir möchten die Frauen darin bestärken, ihre Entscheidungen alleine zu fällen und ein besseres Selbstwertgefühl im Umgang mit ihren Kindern zu entwickeln“, sagt Carmen Lazos Wilmking zum Anlass der Veranstaltung.

Böse Kommentare und Blicke

Das Treffen findet im Wunderhaus statt, einer Art Privatklub für Familien, in dem es grüne Smoothies und Latte macchiato in Einmachgläsern zu trinken gibt. Der Raum ist gut gefüllt. Viele Zuhörerinnen sind gekommen, alle etwa zwischen 30 und 45, adrett gekleidet und hübsch geschminkt. Manche haben auch ihre Kleinkinder mitgebracht, die sie auf dem Schoß festhalten oder in Tragehilfen um den Bauch geschnallt haben.

Vor ihnen sitzen acht Frauen, darunter Bloggerinnen, Gründerinnen, eine Buchautorin, eine Hebamme, eine Stillberaterin und Carmen Lazos Wilmking von Löwenzahn Organics. Alles Mütter, alle gut aussehend, stilvoll gekleidet und sicher in ihrer Ausdrucksweise. Was sie über sich erzählen, ist sehr persönlich und passt nicht ganz zu dem Bild der so selbstbewusst erscheinenden Frauen. Ungewohnt offen erzählen sie davon, wie sehr bös gemeinte Kommentare, Blicke und abfällig gemeinte Bemerkungen anderer Mütter sie in der Vergangenheit verletzt hätten – bei Twitter, Facebook, auf dem Spielplatz oder im Familienkreis.

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