• Corona-Infektionen in Berlin steigen: „Gesundheitsämter haben Angst, es personell nicht zu schaffen“

Corona-Infektionen in Berlin steigen : „Gesundheitsämter haben Angst, es personell nicht zu schaffen“

Gesundheitssenatorin Kalayci erklärt die steigenden Infektionen in Berlin und äußert eine Idee, warum die Corona-App bei den Gesundheitsämtern unbeliebt ist.

Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin in Berlin, setzt sich zu Beginn der Bundesratssitzung ihre Schutzmaske auf.
Dilek Kalayci (SPD), Gesundheitssenatorin in Berlin, setzt sich zu Beginn der Bundesratssitzung ihre Schutzmaske auf.Foto: Wolfgang Kumm/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Frau Kalayci, die Infektionszahlen in Berlin sind gestiegen – in Neukölln gibt es ganze Häuser, deren Bewohner unter Quarantäne stehen. Hat es eigentlich auch Infektionen nach der Schlauchboot-Feier vor zwei Wochen gegeben? Und erwarten Sie größere Ausbrüche in anderen Kiezen?
Dilek Kalayci: Unser Erfolg war es, die Neuinfektionen in Berlin auf ein sehr niedriges Niveau zu senken. Mit der Schlauchboot-Feier scheinen wir Glück gehabt zu haben. Jetzt steigen die Neuinfektionen nach vielen Wochen wieder. Dann werden solche Ansammlungen von Menschen auch zu einem größeren Problem. Wenige Menschen können viele andere auf einmal anstecken. Wir erleben zurzeit bundesweit viele Ausbrüche – wie beispielsweise in einer Fleischfabrik in Gütersloh.

Dort merken wir, dass es auch um Arbeitsschutz und Wohnverhältnisse geht. Die Pandemie zeigt den Zusammenhang zwischen der sozialen Situation und der Anfälligkeit für übertragbare Krankheiten deutlich. Das Virus ist immer eine Bedrohung, wo zu viele Menschen zu eng und ohne Vorsichtsmaßnahmen zusammen sind. Der konsequenten Kontaktnachverfolgung seitens der bezirklichen Gesundheitsämter und der zügigen Isolierung der betroffenen Personen kommen eine hohe Bedeutung zu.

Die Maskenpflicht in Bus und Bahnen sollen bußgeldbewehrt sein und kontrolliert werden – hat die Stadt das Personal, um das durchzusetzen? Und wie hoch soll das Bußgeld sein?
Der Senat berät Dienstag. Die Mund-Nasen-Bedeckung als Pflicht ist enorm wichtig und es ist ein Problem, dass sich viele nicht daran halten. Das führt dazu, dass beispielsweise chronisch kranke Menschen nicht geschützt sind, wenn sie Bus und Bahn fahren. Daher müsste die Maskenpflicht konsequenterweise bußgeldbewehrt sein. Die Frage, wer kontrolliert, ist zweitrangig. Wichtig ist der politische Wille zur Durchsetzung.

Nach Einführung der Corona-Warn-App durch die Bundesregierung erhielten die Gesundheitsämter massenhaft Anfragen. Die Leute kämen mit der App nicht klar, teilen auch Berliner Amtsärzte mit, deshalb fragen sie bei den ohnehin überlasteten Ämtern nach. Was tun?
Die App ist eine sinnvolle Ergänzung zur Kontaktnachverfolgung der Gesundheitsämter. Im Prinzip unterstützt die App die Arbeit der Gesundheitsämter, weil bisher unentdeckte und potenziell infizierte Menschen hinzukommen. Wahrscheinlich beklagen sie diese sinnvolle Ergänzung, weil einige Gesundheitsämter Angst davor haben, es personell nicht zu schaffen.

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Deshalb haben wir alles daran gesetzt, damit die Stellen in den Gesundheitsämtern attraktiver bezahlt und zügig besetzt werden. Wir haben zusätzlich 60 Stellen und 7,5 Millionen Euro zur Verfügung gestellt für Honorarkräfte. Auch unserer Bitte, die Gesundheitsämter mit 60 Soldaten zu verstärken, wurde von der Bundeswehr entsprochen. Nun müssen alle erforderlichen Stellen eingerichtet und besetzt werden.

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