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Corona-Risiko in der JVA : Warum es kaum Infektionen in Berlins Haftanstalten gibt

Nur zwei Gefangene wurden bislang positiv getestet. Das liegt vermutlich auch an den strengen Regeln, die aufgestellt wurden - keine leichte Zeit für Insassen.

Viele Menschen an einem Ort - darum gelten Gefängnisse wie die JVA Tegel eigentlich als Risiko-Orte.
Viele Menschen an einem Ort - darum gelten Gefängnisse wie die JVA Tegel eigentlich als Risiko-Orte.Foto: Paul Zinken/dpa

Die Berliner Gefängnisse und ihre Insassen sind bislang gut durch die Corona-Pandemie gekommen – zumindest was die körperliche Gesundheit betrifft. Zahlen der Justizverwaltung, die dem Tagesspiegel exklusiv vorliegen, zeigen, dass seit Ausbruch der Pandemie lediglich zwei Gefangene in den Haftanstalten der Hauptstadt positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

99 wurden insgesamt getestet. Insgesamt sitzen in Berlin zurzeit rund 3000 Gefangene ein, was einer Belegungsquote von nur 66 Prozent entspricht. Ein historischer Tiefstand.

Anke Stein leitet die Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit. Während der Pandemie ein besonderer Risiko-Ort. Nach Moabit kommen Untersuchungshäftlinge, die Fluktuation ist hier groß – und deshalb auch die Gefahr, das Virus hinter die Gefängnismauern zu schleppen. Seit dem 13. März wurden deshalb keine Besucher mehr eingelassen. Stein sagt: „Das Coronavirus hat im Vollzug fast alles geändert.“

Frühzeitig wurden Piktogramme aufgehängt, die die Abstandsregeln erklären, Informationsflyer in allen notwendigen Sprachen wurde verteilt, Neuankömmlinge wurde präventiv isoliert, Risikogruppen – sehr alten Gefangenen und solchen mit Vorerkrankungen – wurden besondere Isolationsräume angeboten. Mehr als neun Wochen mussten die Gefangenen im Männervollzug ohne jeglichen Besuch auskommen.

Die Gefangenengewerkschaft hatte noch im April gewarnt: Die Pandemie werde eine extreme psychische Belastung darstellen. Stein sagt: „Wenn wir irgendetwas können im Justizvollzug, dann ist das Krise.“

Kein Gruppensport, keine Besuche, essen in der Zelle

In der JVA Moabit ist Alltag, was für andere Behörden eine Ausnahmesituation darstellen würde. „Jeder hier bei uns wusste, was von ihm abhängt – auch die Gefangenen“, sagt Stein. Es hätte zumindest keine Zunahme von Beschwerden gegeben, teilt die Justizverwaltung mit.

Es waren harte Wochen für die Gefangenen. Kaum Gruppensport, keine Besuche – das Essen wurde in der Zelle gegessen. „Die Kunst in einem Gefängnis ist es, zu geben und nicht nur zu nehmen“, sagt Stein.

Deshalb wurden neue Sportgruppen eingerichtet, Zirkeltraining, Laufgruppen, so was. Als Ersatz für die fehlenden Besuche wurden die Telefonkontingente erhöht, es wurde technische Ausrüstung für Videobesuche beschafft. „Auch Gefangene haben ein soziales Umfeld – wenn wir das nicht abschneiden, gibt es auch keinen Lagerkoller“, sagt Stein.

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Weil die Gerichte weniger arbeiteten und generell weniger Straftaten in den Wochen des Shutdowns verübt wurden, sank auch die Zahl der Insassen in Moabit und in allen anderen Berliner Haftanstalten enorm. Verurteilte Straftäter mit kürzeren Gefängnisstrafen müssen ihre Haft zum Beispiel erst im Juli antreten.

Normalerweise sitzen in der JVA mehr als 700 Untersuchungshäftlinge ein, aktuell sind es rund 500. „Da wir weniger Gefangene hatten, konnten wir unser Personal gezielter einsetzen. Auch das sichert den Frieden“, sagt die JVA-Leiterin.

Sogar leichte Besserung beim Krankenstand des Personals

Besonders stolz ist Stein, dass auch die Gesundheitsquote ihrer Bediensteten gestiegen ist. Sie ist traditionell eher schlecht im Vollzug, während der Pandemie aber sogar leicht gestiegen, auf fast 90 Prozent. So ähnlich sieht es in den anderen Berliner Gefängnissen aus. Stein vermutet: „Es ist doch immer so, wenn Du wirklich gebraucht wirst, gehst Du eher arbeiten.“

Gleichzeitig hätten die Kontaktbeschränkungen auch die Ausbreitung anderer Infektionskrankheiten wie der Grippe oder Magen-Darm-Viren gebremst. Mit dem Coronavirus hatte sich lediglich ein Justizbeamter angesteckt – außerhalb der Anstalt.

Auch die Gefängnisse machen sich locker

Das Infektionsgeschehen ist in Berlin nicht gestoppt, in den vergangenen Tagen stieg die Zahl der positiv Getesteten wieder. Trotzdem dürfen die Gefangenen im Männervollzug seit der vergangenen Woche wieder Besuch empfangen. Ohne Berührungen, mit eingeschränkten Zeiten und hinter Plexiglasscheiben – aber immerhin.

„Wir sind alle froh, dass das wieder losgeht“, sagt Anke Stein. „Gefängnisse ganz ohne Besuche von außen sind schrecklich.“ Die Ansteckungsgefahr wird jetzt größer werden, je mehr Gefangene wieder hinter die schützenden Mauern kommen, je häufiger Besuch im Gefängnis ist, je geringer die Vorsicht wird. Dafür entwickele man momentan eine Teststrategie, sagt Stein, die in Zukunft auch systematische Proben ermöglichen soll.

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