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Corona-Überlastung der Berliner Gesundheitsämter : Untersuchung der Erstklässler ausgesetzt

Berlins Gesundheitsämter sind wegen der Coronakrise überfordert. Die Einschulungsuntersuchungen bleiben vorerst auf der Strecke.

Schulreif oder nicht? Diese Frage kann zurzeit nicht in Berlin beantwortet werden: Die Gesundheitsämtern haben anderes zu tun.
Schulreif oder nicht? Diese Frage kann zurzeit nicht in Berlin beantwortet werden: Die Gesundheitsämtern haben anderes zu tun.Foto: Arno Burgi/dpa

Zu dick? Zu dünn? Schlechte Zähne? Oder vielleicht nicht schulreif, weil die Aufnahmefähigkeit fehlt, Motorik oder Sprachvermögen? Das sind die Fragen, die von den Kinderärzten der Gesundheitsämter beantwortet werden müssen, bevor ein Kind schulpflichtig ist.

Dieses Jahr müssten rund 30.000 Fünf- bis Sechsjährige untersucht werden. Bei einigen ist dies bereits geschehen, aber inzwischen haben etliche Bezirke ihre Einschulungsuntersuchungen ausgesetzt, weil alle Kapazitäten der Gesundheitsämter für die Bewältigung der Coronavirus-Pandemie benötigt werden.

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Bereits am 10. März hatte das Gesundheitsamt Mitte alle Grundschulen darüber informiert, dass ein großer Teil der geplanten Einschuluntersuchungstermine „zunächst bis Ostern“, abgesagt werden müsse. Auch Friedrichshain-Kreuzberg und Marzahn-Hellersdorf hatten früh zu dieser Maßnahme gegriffen.

"Verschoben auf Mitte Mai"

Aus Neukölln, Pankow, Tempelhof-Schöneberg, Treptow-Köpenick, Reinickendorf, Spandau und Lichtenberg kamen bei einem Tagesspiegel-Rundruf am Dienstag vergleichbare Signale.

„Die erste Runde fand statt, alle planmäßig später liegenden Termine wurden auf Mitte Mai verschoben“, erläuterte am Dienstag auch Gordon Lemm (SPD), Bildungsstadtrat von Marzahn-Hellersdorf.

Detlef Wagner (CDU), der Gesundheitsstadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf, konnte am Mittwoch noch keinen genauen Zeitpunkt der Wiederaufnahme "dieser wichtigen Untersuchung" nennen. Das Bezirksamt sei aber "gemeinsam auf allen Ebenen der Verwaltung dabei zu prüfen, welche Wege beschritten werden können, um eine Einschulung des jetzigen Jahrgangs ohne Probleme zu gewährleisten", sicherte Wagner zu..

Nur ein Bezirk machte noch keine Angabe

Während elf Schulämter also entweder selbst wussten, wie es mit den Einschulungsuntersuchungen weitergeht, oder diese Information aus den Gesundheitsämtern beibrachten, blieb Steglitz-Zehlendorf die Antwort bislang schuldig.

Das Schuljahr ist schwerer planbar

Die Bezirke stehen infolge der fehlenden Schulreifefeststellungen somit vor dem Problem, dass sie das kommende Schuljahr schwerer planen können: Da die Kapazitäten der Schulen extrem knapp sind, müssen die Schulämter genau wissen, wie viele Kinder eingeschult werden, um entsprechend Schulcontainer bestellen zu können. Das ist vorerst nicht möglich.

Die rechtzeitige Förderung der Kinder verbleibt

Eine weitere schwerwiegende Folge der fehlenden Untersuchungen ist, dass die Kinder in der verbleibenden Zeit bis zur Einschulung nicht gefördert werden können: Normalerweise müssen sie sogar 1,5 Jahre vor der Einschulung untersucht werden, damit Zeit bleibt, sie noch ein Jahr verpflichtend in der Kita auf die Schule vorzubereiten.

Diese Vorschulpflicht wurde zwar mangels Kitaplätzen und mangels konsequenter Verfolgung in den Bezirken in den vergangenen Jahren nicht richtig umgesetzt. In diesem Jahr aber wissen die Bezirke mangels Einschulungsuntersuchungen nicht einmal, welche Kinder Bedarf hätten.

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