Coronavirus breitet sich aus : Berliner Kliniken sagen planbare Operationen ab

Um die steigende Zahl von Covid-19-Patienten behandeln zu können, müssen andere jetzt warten, Ärzte verschieben Eingriffe. Nicht jeder stimmt dem Verfahren zu.

Die Medizinische Klinik am Charité-Campus Virchow ist mit Schutzanzügen für das Pflegepersonal besonders auf die Behandlung von Infektions- und Lungenkrankheiten vorbereitet.
Die Medizinische Klinik am Charité-Campus Virchow ist mit Schutzanzügen für das Pflegepersonal besonders auf die Behandlung von...Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das Coronavirus beginnt erst, sich in Berlin auszubreiten, doch in vielen Krankenhäusern in der Stadt sind die Folgen längst zu spüren. Seit Tagen wird von überfüllten Notaufnahmen, Diebstahl von Desinfektionsmitteln und langen Schlangen vor Testanlaufstellen berichtet.

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Was, wenn die Anzahl der Infizierten sprunghaft steigt? Am Donnerstag hatte die Bundesregierung Krankenhäuser aufgefordert, sich auf den erwartbar steigenden Bedarf an Intensiv- und Beatmungskapazitäten zur Behandlung von Patienten mit schweren Atemwegserkrankungen durch Covid-19 vorzubereiten.

So sollten, „soweit medizinisch vertretbar, grundsätzlich alle planbaren Aufnahmen, Operationen und Eingriffe in allen Krankenhäusern ab Montag auf unbestimmte Zeit verschoben und ausgesetzt werden“. Entstehende Kosten werde die Bundesregierung auffangen. Als verschiebbar Operationen gelten beispielsweise orthopädische Eingriffe an Knie oder Hüfte.

Berliner Kliniken wollen Beschluss umsetzen

Mehrere Berliner Kliniken haben auf Anfrage des Tagesspiegels versichert, dass sie den Beschluss umsetzen werden. Der Helios Konzern, der in Berlin zwei Kliniken betreibt – in Berlin Buch und Zehlendorf –, kündigte an, „dem Maßnahmenpaket der Bundesregierung zu folgen“.

„Eingriffe und Maßnahmen an Patienten werden dann verschoben, wenn nach medizinischer Einschätzung davon auszugehen ist, dass die Erkrankten in den kommenden zwei Monaten ohne diese Versorgung auskommen können“, sagt Andreas Meier-Hellmann, Helios-Geschäftsführer Medizin. Oberste Priorität habe es, sicherzustellen, dass ein Bett, das für die Versorgung von Corona-Patienten gebraucht wird, nicht blockiert ist durch einen anderen Patienten, der nicht zwingend zum jetzigen Zeitpunkt versorgt werden muss.

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Auch im Krankenhaus Havelhöhe in Spandau wolle man für einen planbaren Eingriff bereits einbestellte Patienten wieder absagen, sagt Harald Matthes, Geschäftsführer und Ärztlicher Leiter der Klinik. „Einige dieser Patienten haben schon von sich aus abgesagt.“ Ähnlich reagieren das Sankt Gertrauden Krankenhaus in Wilmersdorf und das St. Joseph Krankenhaus in Tempelhof.

Keine Termine für planbare Operationen

Die neun Vivantes-Kliniken informieren ihre Patienten, dass für planbare Operationen bis auf weiteres keine Termine vereinbart werden können. „Für die kommende Woche bereits geplante, aber nicht dringend medizinisch notwendige Operationen werden gegebenenfalls verschoben“, teilte der Konzern auf Anfrage mit.

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Aber nicht in allen Krankenhäusern Berlins findet der Aufruf der Bundesregierung uneingeschränkt Gehör. In den sechs Berliner Kliniken des Johannesstifts Diakonie (JSD) hatte der Vorstand am Freitagmorgen Aushänge ans Schwarze Brett anbringen lassen: „Trotz Regierungsbeschluss – unsere Krankenhäuser bleiben zunächst im Normalbetrieb.“ An die Mitarbeiter heißt es, dass der Regierungsbeschluss aus medizinischer Sicht nicht begründet sei, da die Infektionszahlen in Berlin noch gering seien.

Elektive Aufnahmen, also Eingriffe und Aufnahmen, die nicht akut sind, sollten nicht abgesagt werden. „Anders als mancher in der Regierung schon länger zu glauben scheint, sind Krankenhäuser kein Freizeitvergnügen, auf das man einfach verzichten kann.“ Und weiter: „Dies ist ein Regierungsbeschluss – kein Gesetz.“

„Cashflow statt Verantwortung“

Klinikintern wird der Beschluss des Vorstands kritisch bewertet: „Cashflow statt Verantwortung“, sagte ein Mitarbeiter aus einem der sechs JSD-Kliniken in Berlin dem Tagesspiegel.

Am späten Nachmittag versicherte die Sprecherin der JSD, Lilian Rimkus, auf Anfrage, dass man dem Beschluss der Bundesregierung folgen werde. „Allerdings gut bedacht, und wir werden unsere Umsetzung täglich anpassen an die Bedarfslage.“ Auch wenn der Beschluss „eine übereilte Formulierung“ sei und „eindeutig zu undifferenziert“. Die Unterscheidung zwischen planbaren dringlichen und nicht dringlichen Eingriffen müsse vorgenommen werden. Würde man den Beschluss wörtlich nehmen, müsse man selbst Krebspatienten abweisen. „Planbar heißt nicht überflüssig“, sagte die Sprecherin.

Die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) betont, dass die Absage von planbaren Behandlungen immer nur dann möglich sei, wenn sie aus medizinischen Gründen im Einzelfall verantwortbar ist. „Das entscheidet der jeweilige behandelnde Arzt“, sagt BKG-Sprecherin Barbara Ogrinz.

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