Coronavirus und Ramadan : So erleben Berliner Muslime den Fastenmonat

Die Corona-Beschränkungen betreffen auch den muslimischen Fastenmonat. Wieso der Ramadan für viele Muslime anders ist als sonst.

Hend Taher
Bahadir Güzeldal hat den Ramadan normalerweise mit Freunden und Verwandten verbracht. In diesem Jahr fastet er allein.
Bahadir Güzeldal hat den Ramadan normalerweise mit Freunden und Verwandten verbracht. In diesem Jahr fastet er allein.Foto: Sven Darmer

Vergangenes Jahr um diese Zeit war Ahmed Adel nicht allein. Es war, wie jetzt, Ramadan, der muslimische Fastenmonat. Spätabends war er meistens mit einigen Freunden in der vollen Moschee, um das Fastenbrechen zu feiern.

Obwohl er, bis auf seine Freunde, kaum jemanden kannte, gab ihm das gemeinsame Fastenbrechen ein wenig Heimatgefühle und erinnerte ihn an die besonderen Ramadantage in seiner Heimat Ägypten: an das tägliche Fastenbrechen mit der Familie und den Freunden, die speziellen Rezepte, die abendlichen Ramadan-Fußballspiele auf den Straßen und die langen Nächte bis zur „Suhur Mahlzeit“, der letzten Mahlzeit am Tag, die eine Stunde vor dem Sonnenaufgang stattfindet. „Oh das war das Schönste. Ramadan ist unser langes Fest, mir fehlt seine schöne Atmosphäre sehr“, sagt Adel.

Jetzt steht der 29-Jährige allein in der Küche des Studentenwohnheimes in Tiergarten und kocht. „Shareyareis“, Reis mit Faltennudeln, und Okraschoten in Tomatensoße mit Fleisch.Ramadan hat am 23. April angefangen, aber wegen der Corona-Pandemie dürfen Veranstaltungen, Versammlungen und Ansammlungen nicht stattfinden.

Noch sind die Moscheen geschlossen

Zwar sind ab dem 4. Mai Gottesdienste in Kirchen, Moscheen und Synagogen mit bis zu 50 Teilnehmern wieder erlaubt, wie am Donnerstag bekannt gegeben wurde. Aber noch sind die Moscheen geschlossen, und die allgemeine Kontaktbeschränkung mit dem Mindestabstand machen das gewohnte Fastenbrechen in großem Kreis unmöglich. „Es ist schwer für mich, dass alles gleichzeitig wegfällt“, sagt Adel. „Die Familie, die Freunde aus Ägypten fehlen mir schon. Und jetzt auch die Moschee.“

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Vor drei Jahren kam Ahmed Adel nach Deutschland, um Chemieingenieurwesen im Master zu studieren. Dieses Semester findet nun online statt.

Ahmed wäre gerne zur Ramadanzeit nach Ägypten gefahren, aber wegen den Reiseeinschränkungen in Deutschland und Ägypten kann er das nicht tun. Er und seine in Berlin lebenden muslimischen Freunde bleiben telefonisch in Kontakt.

Gelegentlich wird er jemanden aus seinem engen Kreis zum Fastenbrechen treffen. Viele Freunde, die zur einer Risikogruppe gehören, Kinder haben oder in Kontakt mit Älteren kommen, sieht er gar nicht mehr. „Ich muss da achtsam und vorsichtig mit mir und meiner Umgebung umgehen.“

Das Deutsche Muslimische Zentrum Berlin (DMZ) ist eine deutschsprachige Gemeinde, deren Mitglieder aus unterschiedlichen Nationalitäten kommen. Seit über 20 Jahren setzen sie sich in Berlin für den interreligiösen Dialog ein und engagieren sich sozial.

Gemeinschaftliche Ramadan-Veranstaltungen abgesagt

Iman Andrea Reimann, die Vorstandsvorsitzende der Gemeinde und Leiterin einer muslimischen interkulturellen Kita in Charlottenburg, macht sich Sorgen um die Muslime, die allein sind und sich einsam in Ramadan fühlen – zum Beispiel muslimische Migranten, Geflüchtete, neu Konvertierte und Alleinstehende.

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Denn das Zentrum der Gemeinde ist zur Zeit geschlossen, seine gemeinschaftlichen Ramadan-Veranstaltungen wie das Fastenbrechen und das Beten am Abend sind abgesagt.

In normalen Jahren gehörte dazu auch die Beobachtung des Monds auf dem Teufelsberg, um den genauen Zeitpunkt des Ramadanbeginns zu bestimmen. Einen Teil der üblichen Ramadan-Seminare, zum Beispiel Rezitationskurse und Vorträge zur islamischen Bedeutung des Monats, bietet das DMZ online an. Die Zuckerfestfeier fällt dieses Jahr aus.

Die Gemeinde empfiehlt: positiv bleiben

Die Gemeinde versuche mit ihren Mitgliedern in Kontakt zu bleiben, sagt Reimann. „Wir haben Datteln, mit denen man normalerweise abends sein Fasten bricht, und Kekse an nahe wohnende Mitglieder verteilt, und wir kontaktieren die Alleinstehenden öfter.“

Datteln werden beim Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan gereicht.
Datteln werden beim Fastenbrechen im Fastenmonat Ramadan gereicht.Foto: Paul Zinken / dpa

Die Gemeinde empfiehlt den Muslimen, innerlich positiv zu bleiben, flexibel zu sein und etwas Besonderes aus dieser Zeit zu machen. „Jeder Einzelne kann sich mit der Familie, seinem engen Umkreis und mit sich selbst stärker verbinden, das ist ja eigentlich das Ziel des Ramadan“, sagt die zum Islam konvertierte Reimann.

Man könne die Zeit nutzen, indem man etwas Entspannendes tut, zum Beispiel ein gutes Buch lesen oder eine Stunde Sport treiben. „Ich vermisse das gemeinsame Fastenbrechen sehr. Aber ich bin viel entspannter und verbringe mehr Zeit mit meinem Mann und meinen zwei Töchtern. Das ist sehr wertvoll.“

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Bahadir Güzeldal richtet sich abends in seinem Zimmer auf dem bunten Gebetsteppich nach Mekka aus und betet. Ein besonderes Ramadangebet, das er sonst nicht so oft vollzieht. „Ich versuche mehr Rituale zu machen, aber das klappt nicht immer“, sagt Güzeldal, ein Berliner, der Islamwissenschaft studiert.

„Ich vermisse die Zeiten sehr“

Normalerweise hat Güzeldal, der neben dem Studium als Postzusteller tätig ist, im Ramadan immer weniger gearbeitet als in den anderen Monaten und hat die Fastenzeit in Berlin mit Verwandten und Freunden verbracht.

Tagsüber spazierten sie in der Natur, spielten Spiele und kauften ein. „Wenn man zusammen fastet, unterstützt man sich gegenseitig und die Zeit vergeht schnell.“ Nach dem Fastenbrechen ging er in die Moschee, trank mit dem einen oder anderen Bekannten Tee, und manchmal reihte er sich Schulter an Schulter in die Gebetsreihe ein.

Eine Stunde vor dem Sonnenaufgang stand er manchmal auf und zelebrierte die „Suhur Mahlzeit“ mit seiner Mutter. „Das waren so wunderschöne Zeiten. Die vermisse ich sehr.“

Ramadan dieses Jahr einzigartig

In diesem Ramadan fastet er allein. Zu Hause fastet sein Vater nicht, seine Schwester arbeitet unter der Woche, und seine Mutter ist wegen des Reiseverbots in der Türkei zurückgeblieben.

Zum Glück lädt ihn seine Schwester, die im gleichen Haus wohnt, täglich zum Essen ein. Von der Moscheegemeinschaft, der er angehört, wurde er angerufen. „Sie haben sich entschuldigt, dass sie mir kein Ramadanpaket mit Datteln, Schokolade und Blumen in den Briefkasten werfen konnten“, erzählt er.

Für Bahadir Güzeldal ist Ramadan dieses Jahr einzigartig, ein ruhiges Ramadan. Er hat von seiner Arbeit Urlaub genommen, damit er diese einmalige Chance nutzen könne, seinem Körper eine Pause und seiner Seele mehr Aufmerksamkeit zu geben.

„Ich möchte mich mit mir mehr beschäftigen, mich reflektieren und meine Pflichten als Muslim erfüllen, in dem ich mehr Rituale pflege.“ Als unangenehm empfindet er die Atmosphäre des Notzustands in Berlin. „Man geht raus und fühlt sich nicht mehr so wohl wie gewohnt. Es ist nicht das Berlin, wie man es im Sommer kennt.“

Aus Syrien nach Deutschland geflüchtet

Omeima Nigma sitzt am Esstisch mit ihren vier erwachsenen Kindern, ihrem Mann, ihrem Schwager und ihren zwei Enkelkindern. Heute hat ihre Tochter etwas Neues gekocht, einen Kartoffelauflauf mit Hähnchenfleisch, Pilzen und Béchamelsoße. Das Rezept hat sie online gefunden.

Dazu gibt es die typischen Ramadan-Beilagen: Suppe, Salat, Nachtisch und Saft. „An normalen Tagen machen wir nicht so einen Aufwand, aber an Ramadan kocht man gerne etwas Besonderes“, sagt sie.

Die 54-jährige Hausfrau ist vor fünf Jahren mit ihrem älteren Sohn aus Syrien nach Deutschland geflüchtet. Sechs Monate später konnte sie ihren Mann, ihre zwei Töchter und ihren jüngeren Sohn über die Familienzusammenführung nachholen. Seitdem leben sie in Berlin. Ihre Tochter hat geheiratet, ihr älterer Sohn ist ausgezogen.

Ramadan war die Zeit des großen Familientreffens

In Syrien lebte Omeima Nigma mit ihrer palästinensischen Großfamilie am Rand der Hauptstadt Damaskus im Al-Jarmuk-Viertel, das sich aus einem ehemaligen palästinensischen Flüchtlingslager entwickelt hat. Dort war Ramadan für Omeima eine Zeit des großen Familientreffens.

Die Schwestern, die Brüder, die Cousine und ihre Kinder, die Neffen, die Tochter des Schwagers und der Sohn von diesem oder jenem kamen zum Fastenbrechen zweimal die Woche zusammen. Abwechselnd hieß einer von ihnen bis zu dreißig Menschen in seiner Wohnung willkommen.

Am Ende des Monats saßen die Frauen der Familie zusammen und backten große Mengen von „Kahk“, der traditionelle Keks des Zuckerfests. „Das war das Schönste an Ramadan. Ich vermisse alles in Syrien sehr, ich vermisse mein altes Leben. In Deutschland hat alles keinen Geschmack.“

Durch die Flucht in mehrere Länder zerstreut

Seit der Flucht ist die Familie in verschiedenen europäischen Ländern verstreut. Trotzdem fand bisher an Ramadan ein Familientreffen statt, allerdings viel kleiner und in verschiedenen Ländern und Städten. Aus Dresden, Stuttgart oder Schweden kamen die Verwandten meistens nach Berlin, wo Omeima und sieben ihrer Geschwister wohnen.

In der Wohnung von Omeima kochten sie zusammen, redeten auf Syrisch, die Kinder spielten miteinander. Einige Minuten vor dem Fastenbrechen herrschte Ruhe. Gemeinsam warteten sie auf diesen Moment, in dem das Rufgebet losging, mit dem der Fastentag beendet wurde.

Alle gratulierten sich. Wassergläser und Teller wurden herumgereicht, alle setzte sich zusammen um den Tisch. Ein bisschen wie früher in Syrien. „An diesen Treffen habe ich große Freude. Ohne sie ist Ramadan nicht schön.“

„Mir fällt es schwer, dass ich sie nicht sehen kann“

Das gibt es alles dieses Jahr nicht, man bleibt telefonisch in Kontakt. Aber es gibt etwas anderes. Wenn es keine Familienbesuche im Ramadan gab, verbrachte Omeima den Fastentag allein zu Hause. Ihr Mann ging arbeiten, ihre Tochter war in der Universität und ihr Sohn in der Schule.

Diesen Ramadan sind alle den ganzen Tag zu Hause. Ihr Mann, ein Innenarchitekt, hat im Moment keine Arbeit. Ihre Kinder studieren online. Sie machen den Haushalt und die Essensvorbereitungen zusammen. Und sie reden mehr miteinander.

Abends, nach dem Fastenbrechen, gucken sie wie üblich eine Serie. „Es ist schön, dass wir zusammen sind, uns näher kommen und diese schwere Zeit zusammen durchmachen.“

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Besonderes vermisst Omeima ihre verheiratete Tochter mit den zwei Enkeln, sie kommen manchmal zum Fastenbrechen. „Mir fällt es schwer, dass ich sie nicht so oft sehen kann wie früher“, sagt sie.

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