DAK-Studie zur Kinder- und Jugendgesundheit : Wieso sind Berlins Kinder öfter krank?

Junge Menschen in der Hauptstadt sind einer Studie zufolge „etwas kränker“ als in anderen Städten. Eine Suche nach den Ursachen - und zwei gute Nachrichten.

Genau untersucht. Eine Kinderärztin bei der Arbeit.
Genau untersucht. Eine Kinderärztin bei der Arbeit.Foto: Patrick Pleul, dpa

Macht Berlin krank? Diese Frage könnte man sich nach Veröffentlichung der Berlin-Auswertung des Kinder- und Jugendreports der DAK stellen, die jüngst veröffentlicht wurde. Die Kinder und Jugendlichen in der Hauptstadt sind demzufolge „etwas kränker“ als die in anderen deutschen Großstädten. Woran das liegt? Eine genauere Betrachtung ergibt ein differenziertes Bild.

Rund 580.000 Minderjährige leben in der Hauptstadt, bei steigender Geburtenrate. Jetzt wurden die Berliner Daten gezielt mit denen aus anderen Großstädten mit mehr als 500.000 Einwohnern verglichen. Faktoren wie das Aufwachsen auf dem Land, wo etwa Allergien etwas seltener vorkommen, dafür die (fach)ärztliche Versorgung teilweise schlechter ist, spielen beim Vergleich also keine Rolle.

Psychische Probleme

In Berlin wurden im Abrechnungsjahr 2016 knapp zehn Prozent als in anderen Großstädten mehr Heranwachsende wegen eines psychischen Problems behandelt, das die Gefahr beinhaltete, chronisch zu werden. Bei unterschiedlichen Ängsten im Zusammenhang mit dem Schulbesuch ist die Differenz besonders groß: Während bundesweit 24 von 1000 Kindern unter derartigen Ängsten zu leiden hatten, waren das in Berlin 44 Schülerinnen und Schüler. Allerdings ist es auch möglich, dass diese Zahlen zum Teil mit einer erhöhten Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema zu tun haben.

Chronische körperliche Erkrankungen

Was die chronischen körperlichen Erkrankungen betrifft, liegt Berlin um etwas mehr als einen Prozentpunkt über dem Bundesdurchschnitt. Das Bild ist allerdings heterogen, besonders bei den allergischen Erkrankungen: Bei Berliner Kindern wird deutlich häufiger die Diagnose Neurodermitis gestellt, dafür deutlich seltener die Diagnose Heuschnupfen, etwas seltener die Diagnose allergisches Asthma. Krankhaftes Übergewicht (Adipositas) ist in Berlin etwas häufiger als im Durchschnitt, 35 statt bundesweit 33 von 1000 Heranwachsenden sind deutlich zu dick.

Karies

Karies, ein weiteres Gesundheitsproblem, das mit dem sozioökonomischen Status der Kinder in Zusammenhang steht, ist deutlich häufiger. Insgesamt, so betonen die Autoren der Studie, sind Bildungsunterschiede zwischen den Eltern für den Gesundheitszustand des Nachwuchses weit wichtiger als Einkommensunterschiede.

Migräne

Dass die Migräne-Diagnosen in Berlin 13 Prozent über dem Großstadt-Durchschnitt liegen, könnte man mit dem besonderen Stress in der Hauptstadt in Verbindung bringen. Damit ist allerdings nicht zu erklären, warum im Jahr 2016 in Berlin 22 Prozent weniger Kinder mit einer Kurz- oder Weitsichtigkeit behandelt wurden. Diese Augenprobleme sind zum großen Teil genetisch bedingt und dürften in anderen Städten nicht häufiger auftreten. Das macht deutlich: Beim DAK-Report handelt es sich um eine Analyse der Daten zu ärztlichen Diagnosen und Behandlungen, nicht um zuverlässige Aussagen zu tatsächlich bestehenden Unterschieden in der Erkrankungshäufigkeit.

Infektionskrankheiten

Schwierig ist es auch, die Daten zu kindlichen Infektionskrankheiten zu deuten. Sie sind im ganzen Land der häufigste Grund für Arztbesuche: 57 Prozent aller Kinder kamen wegen Atemwegsinfekten zum Arzt, in Berlin waren es mit 59,4 Prozent nur geringfügig mehr Kinder mit Husten, Schnupfen und Fieber. Zwar gab es in Berlin 18 Prozent weniger Fälle von „Akuter Bronchitis“, dafür standen auf den Abrechnungen 22 Prozent mehr Fälle von „Grippalen Infekten“.

Diese akuten Virusinfekte genau zu differenzieren, dürfte im Einzelfall schwierig sein, vor allem angesichts gut gefüllter Wartezimmer in der „Grippe“-Saison. Zumal die Eltern die Krankschreibung für ihre Kinder schnell brauchen, um wegen der kindlichen Erkrankung bei der Arbeit fehlen zu können, was 23 Prozent von ihnen mindestens einmal im Jahr tun.

Schwierige Datenlage

Kleinkinder, die in Berlin besonders häufig schon mit ein bis zwei Jahren in die Kita gehen, sind bekanntermaßen besonders häufig krank. Dass in Berlin deutlich mehr „unspezifische Viruserkrankungen“ diagnostiziert wurden als im Bundesgebiet, passt in dieses Bild. „Eine Assoziation erhöhter Viruserkrankungen mit dem Grad der Urbanisierung erscheint naheliegend, kann auf Basis der verfügbaren Daten jedoch nicht sicher bestimmt werden“, mahnen die Autoren zur Vorsicht bei der Interpretation der Daten.

Arztbesuche

Neun von zehn Kindern und Jugendlichen kommen (zusätzlich zu den Vorsorgeterminen) wenigstens einmal im Jahr zum Arzt, in Berlin wie im übrigen Bundesgebiet. Dabei sind verständlicherweise die Babys mit 99 Prozent besonders stark vertreten, und während die Häufigkeit der Arztbesuche im Grundschulalter abnimmt, steigt sie bei den Jugendlichen wieder erkennbar an, die zunehmend Fachärzte konsultieren.

Zwei Dinge fallen diesbezüglich im DAK-Report für die Hauptstadt auf. Möglicherweise sind es zwei gute Nachrichten: Berliner Kinder kommen seltener ins Krankenhaus - was darauf schließen lässt, dass die ambulante Versorgung besonders effizient ist. Und für sie fallen 30 Prozent weniger Arzneimittelausgaben an.

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