• Das Buch, das so viele Kinder prägte: Dieser Berliner Künstler hat „Die unendliche Geschichte“ illustriert

Das Buch, das so viele Kinder prägte : Dieser Berliner Künstler hat „Die unendliche Geschichte“ illustriert

Vor 40 Jahren ist Michael Endes „Unendliche Geschichte“ erschienen. Darin geht es um die Suche nach sich selbst - und irgendwie um Berlin und seine Clubkultur.

Der Künstler Sebastian Meschenmoser in seinem Atelier
Der Künstler Sebastian Meschenmoser in seinem AtelierFoto: Anna Wasilewski

Die Gruppe, die sich hier zusammengefunden hat, ist selbst für Berlin ganz schön verrückt: Ein grünes Monster sitzt in einer Badewanne, vor ihm ein zerzauster Vogel mit einer dicken, runden Brille; auf der Treppe hockt ein Zwerg neben einer riesigen weißen Schlange, dazwischen allerhand Kobolde, Geister und sonstige Gestalten, die ihre Aufmerksamkeit einem Zebra-Zentauren in ihrer Mitte schenken.

Das große fantastische Gemälde, auf dem sich diese Szene abspielt, zeigt Figuren aus Michael Endes berühmtem Kinder- und Jugendroman „Die unendliche Geschichte“, in dem ein Junge, Bastian Balthasar Bux, in die Welt eines Buches hineingezogen wird. Diese Fantasiewelt wird von einer unheimlichen Macht bedroht und Bastian begibt sich auf eine Reise, um sie zu retten.

40 Jahre ist es nun her, dass Endes Roman veröffentlicht wurde. Dazu erscheint eine neue Ausgabe mit Illustrationen des Berliner Künstlers Sebastian Meschenmoser. Die 50 großformatigen Ölbilder und 138 Zeichnungen, die er dafür angefertigt hat, sind gerade zum Teil im Jugend-Literaturhaus Lesart in Mitte zu sehen.

Michael Ende lehnte die Verfilmung ab

Über ein Jahr hat Meschenmoser an den Bildern gearbeitet. Über den Auftrag habe er sich sehr gefreut. „Wann bekommt man schon mal so eine Gelegenheit?“ Gleichzeitig habe ihn der Gedanke an die riesige Aufgabe, die vor ihm lag, zunächst geängstigt. Wo beginnen? Welche Szenen sind die wichtigsten, wie verteilt man sie im Buch? Wie sehen die Figuren aus?

Außerdem hatte der Künstler zu Beginn Sorge, dass ihn die 1984 erschienene Verfilmung der „Unendlichen Geschichte“ zu sehr beeinflussen könnte. Michael Ende selbst lehnte den kitschig anmutenden Film ab. Er ließ seinen Namen aus dem Abspann streichen und versuchte sogar, rechtlich dagegen vorzugehen, dass der Streifen den Titel der Buchvorlage tragen darf – erfolglos.

Das Große Rätseltor aus Michael Endes Roman "Die unendliche Geschichte"
Das Große Rätseltor aus Michael Endes Roman "Die unendliche Geschichte"Illustration: Sebastian Meschenmoser

Die Bilder von Meschenmoser hingegen hätten dem 1995 verstorbenen Ende sicher gefallen. Der Künstler ließ einerseits seiner Kreativität freien Lauf, malte etwa in der Fantasyliteratur bekannte Fabelwesen, wie den Fußläufer, der auch in Endes Erzählungen auftaucht, nach eigenen Vorstellungen.

Recherchereise zu den Erben Endes nach Italien

Den Glücksdrachen Fuchur, der in der Verfilmung eher einem niedlichen Schoßhund gleicht als einem mythischen Wesen, hat Menschenmoser mehr wie einen Drachen aussehen lassen, mit felligem weißem Kopf zwar, aber auch mit glänzend geschupptem Körper und roten Augen. Bei vielen Darstellungen orientierte sich der Künstler aber auch an realen Vorbildern.

Dazu unternahm er eine Recherchereise nach Italien zu Endes Erben in die Nähe von Rom, wo der Autor einige Zeit lebte. Roman Hocke, langjähriger Freund und Lektor Endes, führte ihn zu den Orten, die als Inspiration für die „Unendliche Geschichte“ gedient hatten.

Den Glücksdrachen Fuchur wollte Meschenmoser weniger wie einen Schoßhund aussehen lassen.
Den Glücksdrachen Fuchur wollte Meschenmoser weniger wie einen Schoßhund aussehen lassen.Illustration: Sebastian Meschenmoser

Da ist der Nemisee bei Genzano di Roma, ein Kratersee, an dem Julius Cäsar eine Villa hatte und auf dessen Grund große Schiffswracks aus der Zeit des Kaisers Caligula gefunden wurden, der den See offenbar als Innovationszentrum für seine Marine-Flotte benutzte. Er taucht als Spiegelsee in der „Unendlichen Geschichte“ auf, genau wie ein Hügel dahinter – im Buch taucht der als uralte Schildkröte Morla auf.

Außerdem ließ Ende sich von einem Ungeheuer-Park in Bomarzo inspirieren, einer Anlage mit grotesken und monsterhaften Steinfiguren. „Dort stehen zum Beispiel zwei Sphinxen, die einander anschauen. Die waren das Vorbild für das Große Rätseltor und auch für meine Darstellung hier“, sagt Meschenmoser und zeigt auf das große Gemälde mit den mythologischen Figuren.

Referenz an die Berliner Clubkultur

Im Buch lassen sie Besucher nach einer unbekannten Logik durch das Tor, das sie behüten. Neben dieser wohl eher zufälligen Referenz an die Berliner Clubkultur tauchen in Meschenmosers Gemälden auch echte Figuren aus Berlin auf. Für seine Darstellung der kleinen Pferde orientierte er sich an Tieren aus der Hasenheide. „Ich wusste aus Endes Beschreibungen genau, wie sie aussehen müssen, konnte sie aber auch in Italien nicht finden. Eines Tages entdeckte ich sie dann in Neukölln.“

Eine besondere Herausforderung war für Sebastian Meschenmoser auch Endes Verhältnis zu Kunst und Bildern. Nicht nur war Ende der Sohn des surrealistischen Malers Edgar Ende. Er hatte auch seinem Verleger für die Erstausgabe des Buches von Illustrationen abgeraten. Und über die „Unendliche Geschichte“ als Buch im Buch, in dem der Protagonist, der kleine Junge, buchstäblich versinkt, schreibt er: „Bilder schien es keine zu geben, aber wunderschöne, große Anfangsbuchstaben.“

Hauptthema in Michael Endes Roman ist die Suche nach sich selbst

Wie illustriert man also ein Buch, das eigentlich nicht illustrierbar ist, fragte sich Meschenmoser. „Ich habe dann einfach die Methode, die Michael Ende zum Schreiben verwendete, umgekehrt“, sagt er. „Ende hat in seinen Erzählungen Bilder chiffriert und verwoben. Und ich habe sie wieder entwoben und neu chiffriert.“

Für Meschenmoser ist das Hauptthema des Romans die Suche nach sich selbst. „Auch in Berlin begeben sich ja viele Menschen auf die Suche danach“, sagt er. „Viele wollen alles hinter sich lassen, sich selbst neu erschaffen. Viele verlieren sich hier und manche finden sich wieder.“ Insofern ist auch Berlin so eine Art Phantasien – mit weniger Monstern, dafür mit vielen ebenfalls skurrilen Figuren.

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Die Ausstellung ist noch bis 12. November zu sehen. Literaturhaus Lesart, Weinmeisterstraße 5. Di, Mi, Sa von 14 bis 18 Uhr, Eintritt frei. Die neue Ausgabe der „Unendlichen Geschichte“ ist bei Thienemann erschienen, 416 Seiten, 35 Euro.

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