Berlin : Das Zwölf-Sterne-Haus

Europa hat in Berlin eine Adresse: den Service-Punkt Unter den Linden 78. Dort finden Mitarbeiter Antworten auf alle EU-Fragen

Lothar Heinke

Europa hat in Berlin eine Adresse: Unter den Linden 78, genau an der Ecke Wilhelmstraße, ein paar Schritte zum Pariser Platz, gegenüber dem Hotel Adlon. Vor dem 1999 eingeweihten Europäischen Haus flattert die blaue EU-Fahne mit dem Kreis der zwölf goldenen Sterne. Wer die schwere Tür zum Service-Punkt Europa im Erdgeschoss öffnet, könnte gleich fragen, wieso auf der Europaflagge nicht so viele Sterne flattern, wie die EU Mitglieder hat. Hep Krekel, der freundliche Europa-Experte am Tresen, wird eine Broschüre aus dem Regal nehmen und erläutern, dass der Kreis der goldenen Sterne für Einheit und Solidarität zwischen den Völkern steht. „Der Zwölferkreis ist nach alten europäischen Überlieferungen auch das Sinnbild der Vollständigkeit und Harmonie“. Die Zahl der Sterne hat also nicht, wie bei der amerikanischen Flagge, mit der Anzahl der Mitglieder zu tun.

Hep Krekel und seine Kollegin Verena Kühne sind hier im Informationszentrum so etwas wie Mr. und Mrs. Europe: Im Laden bieten stapelweise Broschüren Aufklärung zu Fragen über den grenzenlosen Kontinent und seine 27 Mitgliedstaaten. „Immer mehr Leute kommen, stellen Fragen, besonders, seit Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft innehat“, sagt Heribert Krekel. Das Telefon klingelt, eine Schulklasse möchte 30 Malhefte zum EU-Jubiläum zugeschickt bekommen. Dann fragt jemand nach den aktuellen EU-Landkarten oder nach Abbildungen der Euro-Münzen. „Alles, was neu ist, lockt die Leute zu uns.“ Auch der Klimawandel und seine Auswirkungen auf das große Ganze Europa. Hep Krekels Erkenntnis: Die Menschen denken immer europäischer, das Interesse ist groß.

Wer die zahllosen Broschüren, Karten und Pamphlete studiert, kann mitreden. Und erfährt zum Beispiel, dass sich das Europäische Parlament jüngst mit einer Richtlinie „über das Sichtfeld und die Scheibenwischer von land- und forstwirtschaftlichen Zugmaschinen auf Rädern“ beschäftigt hat. Der Europa-Point-Mann weiß auf so gut wie jede Frage eine Antwort, aber letztens musste er denn doch passen. Da wollte jemand wissen, warum es seit 1. Januar eine Zollpflicht für LCD-TFT-Bildschirme mit DVL-Eingang gibt. Vielleicht hätte Marco Michel geholfen, der von 10 bis 18 Uhr am Telefon von Europe Direct in Berlin sitzt und unter der Telefonnummer 88 41 21 41 Antworten auf ganz persönliche Fragen gibt. An der Spitze liegen hier gute Ratschläge für jene, die im Ausland arbeiten oder mehr über den europäischen Binnenmarkt wissen wollen. Apropos: Fast zwei Drittel der deutschen Exporte fließen in andere EU-Staaten.

Und in Berlin? Nie zuvor fuhren so viele ausländische Autos auf den Straßen der Stadt. Auf den Hotels wehen ganz selbstverständlich die Europafahnen neben dem Bären, man spricht in EU-Handys, isst beim Italiener, bringt Gäste ins spanische Melia-Hotel. Bald blühen die Tulpen aus Amsterdam auf dem Pariser Platz. Beeindruckend die herausgeputzten Botschaftsgebäude und Europas Architektenkünste. Eine Europastraße hat die Stadt zwar nicht zu bieten, dafür aber einen Europaplatz – wenn der auch relativ neu und karg ist: Es handelt sich um die nördliche Fläche vor dem Hauptbahnhof.

Bei Hep Krekel geht die Liebe zu Europa im Übrigen auch durch den Magen: Im Kaufhof holte er sich gestern italienische Linsensuppe, und beim auswärtigen Feinkostladen „Cotechino“, also italienische Schweinskochwürste, made in Europe.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar