Datenstudie : Hier stehen Sie in Berlin am längsten im Stau

In keiner anderen deutschen Stadt opfern Autofahrer so viel Zeit im Stau wie in Berlin. Alles zu den schlimmsten Strecken und warum Berlin noch harmlos ist.

Nur Rücklichter. Berlins Autofahrer stehen mit am längsten im Stau - und sehen deshalb oft rot.
Nur Rücklichter. Berlins Autofahrer stehen mit am längsten im Stau - und sehen deshalb oft rot.Foto: Seliger/Imago

Wenn Autofahrer in Berlin auf dem Tempelhofer Damm und auf dem Mehringdamm in Richtung Norden unterwegs sind, verlieren sie pro Tag sieben Minuten Lebenszeit. Pro Jahr summiert sich Warten für Autofahrer, die regelmäßig auf der verstopften Strecke unterwegs sind, auf 28 Stunden. Das hat eine am Dienstag veröffentlichte Studie des Verkehrsdatenanbieters Inrix ergeben.

Überhaupt Berlin: In keiner anderen deutschen Stadt geht es für Motorisierte in Stoßzeiten so langsam voran wie in der Bundeshauptstadt. Im Jahr 2018 hat ein Autofahrer demnach fast eine Woche im Stau oder im zähfließenden Verkehr verloren. Der Studie zufolge waren es sechs Tage und zehn Stunden oder 154 Stunden.

Berlin liegt mit deutlichem Abstand vor anderen deutschen Städten – aber auch über den Durchschnitt. Deutschlandweit hat ein Autofahrer im vergangenen Jahr 120 Stunden verloren. An Platz zwei landete München mit 140 Stunden pro Jahr, dahinter folgen Hamburg (139), Leipzig und Stuttgart (beide 108).

Die zehn schlimmsten Straßen Deutschlands

Inrix hat in seiner „Global Traffic Scorecard“ auch die zehn Straßen schlimmsten Straßen Deutschlands ermittelt, auf denen Autofahrer die meiste Zeit opfern müssen. Und Berlin ist gleich vier Mal unter den Top Ten der am dichtesten befahrenen Straßenabschnitte gelandet. Wobei das US-amerikanische Unternehmen Inrix die Streckenkorridore nur sehr ungenau angegeben und es mit dem Straßennamen nicht so genau genommen hat.

Zudem sind die ermittelten Strecken auch als Staustellen bekannt – sei es durch Sperrungen,  Baustellen und einfach zu viele Fahrzeuge. Inrix selbst stellte dazu fest: „Es ist wahrscheinlich, dass Berlins weit-läufigere Bebauung und die Folgen der Teilung zu einer größeren Abhängigkeit vom Auto im Vergleich zu anderen deutschen Städten geführt haben.“

Langsam durch den Tiergarten

Auf Platz drei im Stauranking etwa landet Berlin mit der Strecke von der Nürnberger, Ecke Lietzenburger Straße zur Budapester- über die Tiergartenstraßen bis zur Ebertstraße. Autofahrer verlieren auf dieser Strecke in Richtung Osten pro Tag sechs Minuten und 22 Stunden im Jahr.

 Kreuzberger Staus sind lang

Auf Platz fünf folgt wieder Berlin mit der Strecke vom Kottbusser Tor über die Skalitzer Straße, die Oberbaumbrücke und die Warschauer Straße bis zum Frankfurter Tor. Dort verspäten sich Autofahrer pro Tag vier Minuten und pro Jahr 16 Stunden. Auf Platz sechs landet die Strecke vom Potsdamer Platz in Richtung Nordosten bis zur Danziger Straße. Für Inrix ist der komplette Abschnitt inklusive Leipziger Straße und Grunerstraße einfach die Greifswalder Straße. Neben Berlin steht Hamburg mit drei Staustrecken in der Liste, Frankfurt/Main mit zwei Strecken und Köln mit einem Abschnitt.

Das Unternehmen Inrix hat nach eigenen Angaben für den „Global Traffic Scorecard“ die „jährlichen Stau- und Mobilitätstrends in mehr als 200 Städten und 38 Ländern“ errechnet. Die Daten dafür stammen von Verkehrsbehörden und Autoherstellern, es werden also die Daten der Navigationsgeräte und Fahrzeuge genutzt. Verglichen wurde die durchschnittliche Fahrtdauer mit der schnellstmöglichen Verbindung. Berücksichtigt werde der gesamte Tagesverlauf, also auch Haupt-, Neben- und Schwachverkehrszeiten.

 500 Terabyte Daten ausgewertet

Für die Studie seien 500 Terabyte Daten aus 300 Millionen verschiedenen Quellen für mehr als acht Millionen Kilometer Straße genutzt worden, teilte das Unternehmen mit. Die nun vorgelegten Ergebnisse der Studie basieren auf Daten, der Autofahrerclub ADAC dagegen arbeitet mit anderen Zahlen – nämlich mit den Staulängen auf Autobahnen.

Inrix ist ein Dienstleister für datenbasierte Verkehrsanalysen, etwa um den Verkehr besser zu steuern. Das Unternehmen arbeitet auch mit Mobilfunkanbietern und Herstellern zusammen, damit die Autofahrer durch den Bordcomputer genau dorthin geleitet werden, wo noch Parkplätze frei sind. Für Deutschland hatte Inrix 2018 auch eine datenbasierte Studie vorgelegt, welche Autobahnstrecken am besten für hochautomatisierte Lkw, die teils selbstständig fahren, geeignet sind.

In anderen Ländern sind die Staus noch länger

Übrigens stehen Autofahrer in deutschen Städte noch recht kurz im Stau: Metropolen wie Rom, Mailand, Paris, London, Mailand, Moskau, Rostow und St. Petersburg liegen deutlich über 200 Stunden. Im Europa-Ranking kommt Berlin im Vergleich mit Platz 27 und mit Platz 40 im weltweiten Metropolen-Ranking gut weg. Am schlimmsten es für Autofahrer in der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá: Dort stehen Autofahrer pro Jahr 272 Stunden, also mehr als 11 Tage im Stau.

Inrix führt drei Gründe dafür an, dass deutsche Städte besser abschneiden als andere in Europa. Deutschland habe laufend in Schienen- und Straßennetze investiert und damit die Mobilität und Kapazitäten erhöht, stellt Inrix fest. Daneben sei aber auch in die Infrastruktur für den Fahrrad- und Fußgängerverkehr mehr und länger investiert worden und damit die Pkw-Nutzung verringert worden. Daneben sei Deutschland bei der Flächennutzungs- und Verkehrsplanung weltweit führend, etwa bei Verkehrsberuhigungsprojekten und innovativen Beförderungskonzepten. Es gebe mehr Alternativen zum Auto, damit würden Autofahrten vermieden. 

Staus kommen Berlinern am teuersten zu stehen

Das alles hat auch wirtschaftliche Folgen – den Autofahren kommt in Berlin das am teuersten zu stehen. Den Angaben zufolge beliefen sich die direkten Kosten, die durch Staus verursacht wurden, in Berlin pro Autofahrer auf bis zu 1.340 Euro im vergangenen Jahr. 1.218 Euro waren es in München und 1.212 Euro in Hamburg. Dahinter folgen Leipzig, Stuttgart, Nürnberg, Frankfurt und Bonn mit Kosten von mehr als 900 Euro. Nach Angaben von Inrix sind die Wartezeiten im Stau und damit die Kosten im Vergleich zum Vorjahr aber gesunken – in Berlin um fünf Prozent. 

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