DDR-Geschichte in Berlin : Ehemaliges Vopo-Gefängnis soll Lernort werden

Das ehemalige Gefängnis der DDR-Polizei in der Keibelstraße soll nun zum Lern- und Erinnerungsort werden. Am 13. August gibt es die ersten Führungen.

Einblick ins frühere DDR-Polizeigefängnis in der Keibelstraße in Mitte.
Einblick ins frühere DDR-Polizeigefängnis in der Keibelstraße in Mitte.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Was lange währt, wird vielleicht doch noch gut: Das seit Jahren angekündigte Projekt der Öffnung des früheren Polizeigefängnisses in der Keibelstraße als Lern- und Erinnerungsort soll nun nicht länger auf der langen Bank der Bildungsverwaltung schmoren. Staatssekretär Mark Rackles (SPD) kündigte gestern an, dass sich nun eine „Agentur für Bildung“ um die „Bespielung“ des einstigen Knasts am Alexanderplatz kümmert.

In dem Lernort sollen zunächst Schüler der 9. bis 13. Klassen etwas über die Geschichte des Ortes erfahren, Gelegenheiten zu Führungen wird es geben, zuerst am 13. August stündlich zwischen 10 und 16 Uhr, initiiert von der Gedenkstätte Hohenschönhausen, die die Besucher am früheren Haupteingang Keibelstraße 36 empfängt. Dort, hinter den roten Klinkern, arbeiten die Beamten vom Polizeiabschnitt 32.

Einem Gefängnis haftet immer etwas Unheimliches an, es gruselt. Hier besteht jedes Geschoss aus einem Umgang, von dem man durch eiserne Türen hinter Schloss und Riegel kommt. Alles ist mausegrau, die auf die Wand gekritzelten Botschaften („Sarah – mein Herz“, „Cornelia forever“) dürften Überbleibsel der Filmdrehs von „Männerpension“ oder „Good bye, Lenin!“ sein.

Wechselvolle Geschichte

Das „Haus der tausend Fenster“ hat seit den dreißiger Jahren eine wechselvolle Geschichte. 1932 verlegt Karstadt seine Zentrale von Hamburg nach Berlin, Philipp Schaefer, der schon das Warenhaus am Hermannplatz entworfen hatte, baut das Stahlbeton-Skelett-Haus riesengroß auf den Alex. 1936 zieht Karstadt aus, es folgt das Statistische Reichsamt mit 5000 Beschäftigten.

Nach dem Krieg liegt das alte Polizeipräsidium, die „rote Burg“ am Standort des heutigen Einkaufszentrums Alexa, in Trümmern, Die Präsidialabteilung der Berliner Polizei bezieht 1948 das Haus, das bis 1989 die DDR-Volkspolizei, VP, Vopo oder wie auch immer beherbergt. Hier werden Verbrecher gejagt, Tatorte gesucht, Verkehrsunfälle bearbeitet und Führerscheine ausgestellt.

Es gab unsichtbare Fäden zwischen Polizei und Stasi. Am 17. Juni 1953 demonstrieren in der Keibelstraße Arbeiter und rufen „Schweine! Banditen! Verräter!“ Die, die gemeint sind, schlagen zurück. In vier Räumen im 2. Stock sitzt in der Nacht zum 13. August 1961 der Einsatzstab zur Grenzabriegelung und nimmt die Befehle von Erich Honecker entgegen. Bis 1989 müssen sich Menschen, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, in der Keibelstraße entwürdigen lassen.

Hier landet Florian Havemann, der sich mit ein paar Freunden zum Jahrestag der DDR mit Zylinder, Frack und Gehrock unter die Demonstranten mischt. Die VP versteht gar keinen Spaß. Auch Toni Krahl von „City“ findet sich in der Keibelstraße wieder, weil er 1968 gegen den Einmarsch in die CSSR protestiert hatte. Und Musiker Achim Mentzel war 1973 in den Westen gegangen, aber wieder zurückgekommen. Also, dieser Sachverhalt musste wirklich geklärt werden. Und auch die „Gorbi!“-Rufer vom 7. Oktober 1989 wurden hier „zugeführt“.

Viel Stoff für Bildung und Erinnerung!

Museum veröffentlicht neue Opferzahlen zu Mauertoten

1900 DDR-Todesopfer zählt die Liste des Mauermuseums am Checkpoint Charlie. „Aber mit Sicherheit fehlen noch viele Fälle“, sagt Leiterin Alexandra Hildebrandt. Jedes Jahr veröffentlicht das Museum eine eigene Statistik zu Opfern des Grenzregimes, die offiziell aber nicht anerkannt ist. Einen neuen Todesfall enthält der diesjährige Bericht, daneben wurden laut Hildebrand viele Todesursachen genauer untersucht.

Experten kritisieren jedoch das Vorgehen des Museums: „Die Museumszahlen sind zu hoch und nicht valide geprüft“, sagt Jochen Staadt, Wissenschaftler an der FU Berlin. Er forscht über die DDR-Geschichte. Staadt hält eine Zahl von bis zu 1000 Todesopfern der DDR für möglich. Die Ergebnisse des Museum basieren laut ihm jedoch oft auf Interpretationen. „Ein Amokläufer in der DDR wird in den Statistiken beispielsweise als Opfer des Regimes genannt“, erklärt er. Paul Lütge

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