• Debatte um koloniale Raubkunst: Wissenschaftler fordern unbeschränkten Zugang zu Museumsinventaren
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Debatte um koloniale Raubkunst : Wissenschaftler fordern unbeschränkten Zugang zu Museumsinventaren

„Es gibt keinen Grund zu warten“: Den Appell der Wissenschaftler, die Museumsinventare sollten geöffnet werden, begrüßt auch die Kulturstaatsministerin. Zuvor hatten Bund und Länder eine Anlaufstelle für Kolonialobjekte beschlossen.

Beutekunst ist überall in Europa verbreitet: Hier Statuen des Königreichs Dahomey im Quai Branly Museum in Paris.
Beutekunst ist überall in Europa verbreitet: Hier Statuen des Königreichs Dahomey im Quai Branly Museum in Paris.Foto: picture alliance/dpa/Sabine Glaubitz

Internationale Wissenschaftler und Künstler fordern eine Öffnung der Museumsinventare, um die Rückgabe von Kolonialobjekten aus deutschen Sammlungen zu fördern. In einem am Donnerstag in der „Zeit“ veröffentlichten Appell an die Kulturminister von Bund und Ländern wird dafür „unbeschränkter und unkontrollierter Zugang“ zu den Bestandsverzeichnissen gefordert.

Zu der Gruppe der Unterzeichner gehören unter anderem die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, der Schweizer Regisseur Milo Rau, der kamerunische Theoretiker Achille Mbembe und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr. Savoy und Sarr hatten den französischen Präsidenten Emmanuel Macron im Umgang mit Kolonialkunst beraten. Ende 2018 hatten sie in einem Bericht empfohlen, aus der Kolonialzeit stammende Kunstwerke an die Herkunftsländer in Afrika zurückzugeben.

Die Wissenschaftler bezeichneten es als „Skandal, dass es trotz der anhaltenden Debatte noch immer keinen freien Zugang zu den Bestandslisten der öffentlichen Museen in Deutschland gibt“. Es sei wichtig, zu erfahren, wie genau afrikanische Sammlungen in deutschen Museen aussehen, aus welchen Regionen die Objekte kommen und welche Arten von Objekten es gibt. Das sei Grundlage für jeden Dialog und es brauche dafür keine langwierigen Datenaufbereitungen oder Digitalisierungsprojekte. „Es gibt keinen Grund zu warten“, heißt es in dem Brief.

Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz reagierte auf den Apell und verweist auf „große Anstrengungen“, Bestände offen zu legen und Transparenz zu schaffen. „Die Realität der Museen ist längst von intensiver Zusammenarbeit geprägt“, teilte die Stiftung mit gut zwei Dutzend Museen am Donnerstag mit. Die Debatte um Objektbiografien afrikanischer Bestände sei kein neues Thema. Seit Jahren gehöre es zum Alltag der Kuratoren des Ethnologischen Museums, alle Anfragen zu den Sammlungen zu beantworten und umfassend Auskunft zu geben.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters wiederum begrüßt den Appell. „Ich finde diesen Aufruf berechtigt“, sagte Grütters. „Wir müssen wissen, über welche Bestände wir reden, damit wir den Dialog auf Augenhöhe führen können.“ Nur dann könnten Herkunftsgesellschaften und Herkunftsstaaten ihr Interesse bekunden. "Es würde sehr lange dauern, erst alle Daten zu erheben und sie dann gesammelt ins Netz zu stellen."

Grütters begrüßt den Appell und fordert Fairness gegenüber den Museen

Gleichzeitig wünscht sich Grütters einen fairen Umgang mit den Museen. "Wir ertüchtigen unsere Häuser mit Geld und mit Personal, sie sollen gerade in diesem schwierigen Feld „koloniale Kontexte“ jetzt forciert arbeiten," so die CDU-Politikerin. "Und das darf nicht zu Lasten anderer Bereiche gehen.“ Datensätze seien teilweise noch nicht online, unvollständig oder noch nicht abschließend kontrolliert. „Dies ist aber notwendig, weil sie unter Umständen noch Fehler enthalten können oder es sich um besonders sensible Objekte handelt," erläuterte Grütters. Deshalb müsse eine Freischaltung ohne Kontrolle vermieden werden.

Am Mittwoch hatten Bund, Länder und Kommunen die Einrichtung einer zentralen Anlaufstelle beschlossen, um die Rückgabe von Kolonialobjekten zu vereinfachen. Menschen und Institutionen aus Herkunftsstaaten und betroffenen Gesellschaften können sich dort über Bestände von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland informieren.

Die Anlaufstelle soll 2020 ihre Arbeit aufnehmen

Die Kontaktstelle soll im ersten Quartal 2020 ihre Arbeit aufnehmen. Sie wird je zur Hälfte von dem Bund und den Ländern finanziert und ist organisatorisch bei der Kulturstiftung der Länder angesiedelt. Sie richte sich insbesondere an Personen und Institutionen aus den Herkunftsstaaten und -gesellschaften, wie es in der Mitteilung des Auswärtigen Amts heißt.

Diese können sich dort über Bestände von Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten in Deutschland informieren. Zahlreiche deutsche Museen und andere Institutionen arbeiten der Mitteilung zufolge bereits an einer Inventarisierung und Digitalisierung ihrer Bestände und stellen Daten zur Verfügung, die in die Arbeit der Kontaktstelle einfließen können.

Die Einrichtung sei ein „wichtiger Schritt hin zu größtmöglicher Transparenz“, heißt es weiter. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) betonte, dass die Arbeitsgemeinschaft aus Bund, Ländern und Kommunen „den Dialog mit Expertinnen und Experten sowie Betroffenen im Interesse eines offenen, respektvollen und partnerschaftlichen Miteinanders suchen und möglichst kurzfristig umsetzbare Lösungen vorschlagen“ werde.

Der Geschäftsführer des Kulturrats, Olaf Zimmermann, zeigte sich erfreut über die Einrichtung der Kontaktstelle, die ein „Schritt zur Stärkung der Kulturstiftung der Länder und des gemeinsamen kulturpolitischen Auftretens der Länder“ sei. Offen bleibe allerdings, was nun mit dem Fachbereich Kultur- und Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg werde. Außerdem unterstrich Zimmermann, es sei „jetzt dringend notwendig, dass die organisierte Zivilgesellschaft, die Kirchen und die Wissenschaft stärker in den Prozess mit einbezogen werden“.

Die Zahl der möglicherweise in kolonialen Zusammenhängen nach Deutschland gelangten Stücke ist sehr hoch. Allein beim Ethnologischen Museum der Preußenstiftung geht es um eine halbe Million Objekte. (Tsp mit dpa,epd)

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