Debatte um Tierwohl : Die Fleischkennzeichnung ist für Verbraucher zu verwirrend

Höhere Fleischpreise allein werden die Bedingungen an deutschen Schlachthöfen nicht verbessern. Der Staat muss eingreifen. Die Verbraucherkolumne.

Dörte Elss
Greenpeace-Aktivisten demonstrieren gegen die Fleischindustrie.
Greenpeace-Aktivisten demonstrieren gegen die Fleischindustrie.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Für den aktuellen Stand der Verhandlungen um mehr Tierwohl kann man leider bisher nur das Label „weder Fisch noch Fleisch“ vergeben. Das Gewissen ist willig, die gesetzlich verbindlich verankerten Mindeststandards für das Fleisch sind eher schwach. Die Verhandlungen gestalten sich so zäh, wie sich ihr Gegenstand beim Kauen anfühlt, wenn man die Bratzeit überschritten hat.

Der Ethikrat forderte in einer Stellungnahme die stärkere Achtung des Tierwohls in der Nutztierhaltung. Die Pläne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft, eine Tierwohl-Abgabe zur Finanzierung artgerechter Ställe einzuführen, stößt aber auf Widerstand.

Ich habe dazu eine klare Meinung. Wenn wir Verbraucher wissen, dass wirklich nicht nur mehr Tierwohl auf der Fleischverpackung steht, sondern auch darin ist, sind wir eher dazu bereit, mehr zu zahlen. Wichtig ist aber, dass gesetzliche Mindeststandards verbindlich festgelegt und auch kontrolliert werden. Das gilt gerade auch im Hinblick auf die Faktoren Arbeitsbedingungen und Haltung, was uns die derzeitigen Schlagzeilen über einige Schlachthöfe anschaulich vor Augen führen. Höhere Preise sind aber keine Garantie dafür, dass die Fleischqualität steigt, sich die Bedingungen in den Schlachthöfen verbessern oder die Tiere tatsächlich artgerechter gehalten werden.

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Ich bin der Ansicht, dass nicht alle gesellschaftlich wünschenswerten Ziele allein über steuerliche Regelungen erreicht werden können. Auch sinnvoll zur Finanzierung von adäquaten Tierställen ist meiner Ansicht nach, eine Umschichtung im Agrarhaushalt vorzunehmen, was dann mit einem verpflichtenden Tierwohllabel verbunden werden sollte. Auf diese Weise wäre es Verbrauchern möglich, sich genau darüber zu informieren, was sie für mehr Geld an zusätzlichem Tierwohl erhalten. Dies wäre dann die Grundlage für die individuelle Kaufentscheidung.

Dörte Elß, die Chefin der Verbraucherzentrale Berlin.
Dörte Elß, die Chefin der Verbraucherzentrale Berlin.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Im Moment ist die Fleischkennzeichnung für Verbraucher sehr verwirrend, da Sie unterschiedliche Labels im Supermarkt finden. Da gibt es beispielsweise das Label vom Deutschen Tierschutzbund und jenes der Initiative Tierwohl. Die Haltungsform gilt sogar mittlerweile einheitlich in allen Handelsketten und teilt die Tierhaltung in vier Stufen ein, wobei die erste den gesetzlichen Mindeststandard ausweist und die vierte für Premium- und Biohaltung steht.

Ich wünsche mir langfristig eine verbindliche Haltungskennzeichnung auf europäischer Ebene, wofür sich aber das Bundeslandwirtschaftsministerium starkmachen müsste. Vorbild ist die Eier-Kennzeichnung: Käfig-Eier sind aus dem Supermarkt fast verschwunden, was ich mir auch für Fleisch wünsche, das unter für Tiere unzumutbaren Bedingungen erzeugt wurde.

Dörte Elß ist Vorstand der Verbraucherzentrale Berlin e. V. An dieser Stelle gibt sie wöchentlich Tipps rund um den Verbraucherschutz. Weitere Verbraucherthemen finden Sie hier.

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