Demenzkranke spielen Theater : Wenn Blackouts keine Schande sind

Das Ensemble „Die Papillons“ spielt Theater mit demenzkranken Darstellern. Nur: Wie führt man ein Stück auf, wenn man sich nicht erinnern kann?

Akteurinnen und Akteure der „Papillons“ auf der Bühne.
Akteurinnen und Akteure der „Papillons“ auf der Bühne.Foto: USE Mediengestaltung

Fast wäre sie eingenickt. Erst als die Regisseurin an ihren Stuhl tritt und eine Melodie summt, hebt Christa Lindemann (alle Namen geändert) den Blick und schaut, als sei sie aus einem schlaflosen Traum erwacht. „Es liegt ein Lied in der Luft”, sagt die Regisseurin und summt weiter. „Ja, das ist mein Lied”, sagt Lindemann. „Das würde ich gern singen.”

Sie drückt sich ächzend aus dem tiefen Stuhl, hakt sich bei der Regisseurin unter und schlurft zu einem braunen Flügel in der Ecke des Saals. Sie rückt den Stuhl an die Klaviatur, der Rücken kerzengerade, so hat sie es vor mehr als 80 Jahren gelernt. 

Sie stimmt ein paar Akkorde an, ihr Mund formt ein großes O, dann singt sie: „Großer Gott, wir loben dich, Herr, wir preisen deine Stärke.” Sie drückt ihr ganzes Gewicht in die Tasten, ein kraftvoller Klang schwingt durch den Raum. Sie schaut dabei nicht auf ihre Hände, sie spielen von allein. Als sie ihre Hände vom Klavier nimmt, starren die anderen älteren Männer und Frauen sie an. 

„Wie alt bist du, Christa?”, fragt ein Darsteller mit weißem Bart.

„Oh, soll ich’s echt sagen?” 

„Ja, sach doch mal! Ich halt dem Francesco auch die Ohren zu!”, sagt der Bärtige, federt aus seinem Stuhl und hält seinem Sitznachbarn die Ohren zu. 

„94 bin ich!”

„Ach du Scheibenkleister!”

Fast alle von ihnen sind dement

Christa Lindemann ist 94 Jahre alt, aber fühle sich erst wie 93 einhalb, sagt sie. Ihre Wangenknochen stechen heraus, sie trägt eine Perlenkette um den Hals und ihr weißes Haar zur Seite gescheitelt; ihre Lippen presst sich manchmal zusammen als habe sie Zahnschmerzen - all das verleiht ihr etwas Unnahbares, etwas Erhabenes, zumindest bis diese zerbrechlich wirkende alte Dame Sätze raushaut wie: „Ach, ich bin für jeden Scheiß zu haben.” 

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Christa Lindemann ist eine von elf Mitgliedern des Theaterensembles „Die Papillons”. Die Älteste ist 95, der Jüngste ist Ende 50. Sie alle wohnen im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg” in Berlin. Und: Fast alle von ihnen sind dement. Die meisten können erzählen, aber nicht mehr für sich selbst sprechen: Sie haben gesetzliche Vertreter: Söhne, Enkelinnen oder Betreuer. Um Identität zu schützen, bat die Projektleitung, die Namen der Darsteller zu ändern. 

„Ohne Geist“ – so lautet die wörtliche Übersetzung von Demenz aus dem Lateinischen. Das heißt: eine schleichende Krankheit, die dem Menschen nach und nach seine geistigen Fähigkeiten nimmt: Gedächtnis und Aufmerksamkeit, Sprache und Fertigkeiten. Heilung für die meisten Demenzerkrankungen gibt es bisher nicht. 

Die 94-jährige Christa Lindemann ist eine von elf Mitgliedern des Theaterensembles.
Die 94-jährige Christa Lindemann ist eine von elf Mitgliedern des Theaterensembles.Foto: USE Mediengestaltung

Es ist ein lauer Februarabend, 18 Uhr, Regentropfen pitschen an die hohen Fenster des Saals im Pflegewohnheim. Orangefarbene Lampen hängen wie riesige Donuts über rotem Teppichboden. An den Wänden hängen Bilder mit Gemüsekisten. „Es ist ein Wunder, dass wir alle wieder zusammen sind!”, ruft Christine Vogt. Sie ist Theaterregisseurin und leitet das Projekt.

Vogt trägt ein blaues T-Shirt und blaue Sneaker, ihre grauen Haare sind zum Dutt hochgesteckt. Zehn Darsteller sitzen verteilt auf Stühlen, mal schauen sie zum imaginären Publikum, mal kehren sie ihm den Rücken zu. Es ist eine der letzten Proben für die Theateraufführung „Herztöne“. Im Mai 2019 fand das Stück zum ersten Mal statt. Zum Valentinswochenende geht es in die zweite Runde.

Einfache Fragen, um das Gedächtnis anzukurbeln

Christine Vogt springt von Darsteller zu Darstellerin, hält ihnen ein Mikrofon hin. „Udo, was hast du heute gegessen?”, fragt Vogt. „Ich bin alt. Alt ist scheiße”, sagt Udo. „Bodo, hast du gestern etwas geträumt?”, „Kartoffeln mit Tunke”, grummelt Bodo. Es sind einfache Fragen, um das Gedächtnis anzukurbeln: Wann hast du Geburtstag? Wie alt wirst du? Wo warst du mal im Urlaub? 

Vogt kennt die Antworten bereits. 2016 gründete sie das Theaterensemble. Kurz davor fand sie eine Liste mit 62 Liedern. Volkslieder, Kirchenmusik, politische Gesänge, die die Bewohner regelmäßig im Chor sangen. Vogt ging diese Liste mit allen Akteuren durch. Sie fragte: „Welches Lied bedeutet dir etwas?” So fand Vogt die Melodien, die die Akteure in ihrer Kindheit gelernt haben, in der Schule, in der Kirche oder zu Hause. „Die Lieder sind im Herzen”, sagt Vogt. Deshalb: Herztöne.

Ihr Blick manchmal sanft und gleichzeitig betrübt

„Frau Warnecke, Sie haben einen Brief bekommen”, sagt Christine Vogt und legt der Frau einen roten Brief auf den Schoß. „Bitte laut lesen”, steht oben. Elisa Warnecke nimmt den Kopf zurück und schaut über die Brille. Sie ist 84 Jahre alt, sieht aber jünger aus. Ihr Haar ist noch braun, ihr Blick manchmal sanft und gleichzeitig betrübt. „Die jungen Männer wurden eingezogen. Hoffentlich kommen sie wieder”, murmelt sie. Ja das kenne sie.

Dann nimmt sie das Mikrofon und schaut durch die Fenster in die Dunkelheit. Sie stimmt die Melodie von Auld Lang Syne an und singt: „Nehmt Abschied, Brüder, ungewiss ist alle Wiederkehr, die Zukunft liegt in Finsternis und macht das Herz uns schwer.” 

Ihr Blick ist manchmal sanft und gleichzeitig betrübt. Elisa Warnecke ist 84 Jahre alt. Auch sie ist Ensemblemitglied der „Papillons“.
Ihr Blick ist manchmal sanft und gleichzeitig betrübt. Elisa Warnecke ist 84 Jahre alt. Auch sie ist Ensemblemitglied der...Foto: USE Mediengestaltung

Elisa Warneckes Vater starb im Zweiten Weltkrieg, da war sie sechs, sieben Jahre alt. „Der war ein lieber, mein Vater.” Viele junge Männer waren eingezogen worden, erzählt sie, viele kamen nicht wieder. Es war immer derselbe Mann, der die Nachricht nach Ried brachte, ein 400-Seelen-Dorf in Hessen. „Wenn der zur Haustür kam, wusste man: Jemand war gefallen.” 

Sie spielen ihre eigene Geschichte

Die Papillons sind keine Schauspieler, sagt Regisseurin Vogt, sondern „Akteure”. Der Unterschied sei wichtig. „Schauspieler schlüpfen in eine Rolle”, erklärt sie. Sie verwandelt sich in Könige oder Obdachlose, lernen Texte und Rollen. Die demenzkranken Darsteller aber können das nicht. Also spielen sie ihre eigene Geschichte. 

Da ist Bodo, der als Bergmann im Erzgebirge arbeitete, „in Sachsen, da wo die schönen Mädchen wachsen.” Singt er das „Steigerlied”, ein Bergmannslied, brummt sein Bass durch den ganzen Raum, er stemmt eine Faust an die Hüfte, die andere stößt er immer wieder in die Luft, wie der Stabführer einer Marschkapelle. Da ist Claire, die aus einem russisch-polnischen Adelsgeschlecht stammt.

„Das ist für die verstorbenen Seelen“

Sie erzählt von ihrem Leben auf dem Schloss Mir, und ihrer Flucht nach Österreich, als der Krieg ausbrach. Da ist Greta, rauchige Stimme, silberner Lack auf den Nägeln, silberne Ringe an den Fingern. Sie pustet in ihre Mundharmonika, schließt die Augen, zieht ihre Augenbrauen zusammen und streckt ihre freie Hand zur Decke wie Angus Young, der Lead-Gitarrist von ACDC - nur dass Greta keinen Hard-Rock, sondern „Der Mond ist aufgegangen” schmettert. „Das ist für die verstorbenen Seelen”, sagt Greta. 

„Wir arbeiten hier mit dem ständigen Tod”, sagt Michael Hanemann, einer der Schauspieler, die das Ensemble unterstützen. Zwei der ursprünglichen Besetzung sind bereits gestorben. Heute spielt Hanemann einen Violinprofessor, der vor einem Jahr starb. Ob die anderen den Tod eines Mitglieds überhaupt bemerken? „Ja und Nein”, sagt Christine Vogt.

Wenn jemand stirbt, mache sie ein Ritual: Sie stelle eine Kerze in die Mitte des Raumes und gebe ein Foto des Toten herum. Ohne ein Bild würden sich die Akteure nicht erinnern. Dann sängen sie das Lieblingslied, sprächen über den Verstorbenen, stellten fragen: Was fällt euch zu der Person ein? So aktiviert Vogt das Gedächtnis. „Dann erinnern sie sich: Das ist doch der, der immer getanzt hat oder oft neben mir in der Cafeteria saß.” 

Brücken sollen Erinnerungen wecken

Menschen wie Christine Vogt bauen sogenannte Brücken, um Erinnerungslücken zu schließen. Das können Lieder, Fotos, Gespräche sein - oder ein gespieltes Abbild der Familie. Mit den Darstellern stellt sie die Familie von Hannelore Hühn nach. Sie ist mit 95 die älteste der Papillons. „Gab es Brüder?”, fragt Vogt. Die alte Frau nickt. Francesco spielt den einen, Bodo den anderen.

Bodo hat einen Hexenschuss, er verzieht das Gesicht und schleppt sich aus dem Sessel. Eine schöne Mutter, die gehört immer dazu, und noch eine junge Frau: die Tochter. Und der Vater? Sie zeigt auf Udo, der hat einen Bart, „Na, das passt doch! Ich lach mich tot!”, ruft Frau Hühn. „Bitte nicht totlachen, wir brauchen Sie noch!”, sagt Vogt. „Keine Sorge, ich bleibe noch ein Weilchen!” Nach und nach setzt sich ein Familienbild zusammen, Frau Hühn in der Mitte, drei Männer stehen. zwei Frauen sitzen um sie herum, als würden sie für ein Foto posieren. 

Die Arbeit mit demenzkranken Akteuren ist schwierig. Die Akteure erinnern sich nicht an Bühnenverabredungen, an Einsätze, an den nächsten Text oder das nächste Lied. „Es kann sein, dass manche einfach rausgehen, weil sie keine Lust mehr haben”, sagt Christine Vogt. Leute mit Fluchterfahrungen würden manchmal weinen oder aus dem Raum rennen.

Deshalb hat Vogt Pflegerinnen, freiwillige Helfer und vertraute Personen, die sie unterstützen. Gemeinsam bauen sie sichere Schutzräume, das heißt: vertraute Gesichter, die im Blickfeld sitzen und den Akteuren Sicherheit geben. „So können sie sich fallen lassen.”

Ein Abschlusstanz

Es ist kurz vor 19 Uhr, letzte Szene:  

„Francesco, möchtest du mit Christa tanzen?”, fragt Christine Vogt. 

„Die so böse guckt?”, fragt Francesco. 

Er schaut zu Christa. Auch sie sieht nicht gerade begeistert aus. Francesco seufzt und stemmt sich hoch. Eine Helferin legt flotten Swing auf, ein Saxophon röhrt durch den Raum. Christa greift ihrem Tanzpartner an den Ellbogen, er nimmt ihre Hand, gemeinsam schunkeln sie und wackeln mit den Knien. 

[Die Aufführung „Herztöne” findet am 15. und 16 Februar um 18 Uhr statt. Veranstaltungsort ist das F2 Theater im Pflegewohnheim „Am Kreuzberg” in der Fidicinstraße 2 10965 Berlin. Eintritt: 15 € / erm. 10 €, Tickets über vorverkauf@unionhilfswerk.de oder per Telefon unter: 030-422 65-822]

„Was machst du denn für’n Gesicht?”, fragt Christa.

„Du guckst doch auch so”, sagt Francesco. 

Sie schauen sich einen Moment an. Dann prusten sie los, lachen bis ihre Knie weich werden und Christa sich an einer Stuhllehne festhält. 

Er sei ja ganz nett, sagt sie später, „aber da werden keine Verlobungsringe ausgetauscht”, da müsste sie schon lügen. Ne, ne, ne, daraus wird nix, sie renne den Männern ja nicht hinterher. Ja, in ihrer Jugend, da hat’s schon mal gezittert und gebebt, das war schon schön. „Aber eben, da war kein Schmackes dabei.”

Christine Vogt räumt den Saal auf, Francesco ist bereits verschwunden und Frau Lindemann hakt sich bei einer Helferin unter und schlurft Richtung Tür. „Wir sehen uns wieder!”, trällert sie und winkt. „Und wenn ich mich nicht erinnere, dann müssen’se mich anboxen.”

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