Morgen wird Berlin zur Heimstätte für die einsamen Greise

Seite 2 von 2
Demografischer Wandel : Dem hippen Berlin wachsen graue Haare

Wer die Berliner Gegenwart mit ihren Abgründen zwischen Wunschdenken und Wirklichkeit kennt, weiß diese Liste mit der gebotenen Distanz zu lesen. Niemand kann heute sagen, in welchem Verhältnis im Jahr 2030 der Anteil derer, die von außereuropäischen Pflegekräften in Heimen versorgt werden, zu dem jener stehen wird, die in Mehrgenerationenhäusern oder Wohngemeinschaften ein selbstbestimmtes Leben führen können. Aber sicher ist, dass für die Alten von morgen ein hohes Risiko besteht, in Einsamkeit zu leben. Viele werden auf die Hilfe des Staates und sozialer Dienste angewiesen sein, weil ihnen die Familie fehlt, die sie betreuen, pflegen, die ihnen Gesellschaft leisten wird.

Heute ist Berlin die Hauptstadt der Singles, der prekär Beschäftigten, die sich Kinder gar nicht leisten können, der Alleinerziehenden, die mit dem Armutsrisiko Kind ins soziale Abseits geraten, und allmählich – dank der wirtschaftlichen Dynamik – wird Berlin die Stadt der kinderlosen Dinks (dual income, no kids) – also der doppelverdienenden, karriereorientierten Paare, die lieber das Leben genießen, als Familienpläne zu schmieden. Die Folge ist: Morgen wird Berlin zur Heimstätte für die einsamen Greise.

Berlin profitiert von der sogenannten Ruhestandswanderung

Die Senioren von heute schreckt diese Aussicht nicht. Seit 1999 verlegen mehr Menschen im Rentenalter ihren Lebensmittelpunkt nach Berlin, als von hier fortziehen. Auch der Zustrom älterer Erwerbstätiger, also der Rentner von morgen, nimmt zu. Kultur, Shopping, Mobilität, medizinische Versorgung, die Nähe von Urbanität und Natur – das alles wissen Lebenserfahrene zu schätzen. Berlin profitiert von der sogenannten Ruhestandswanderung. Weil es mit den Alten zur Abwechslung mal eher die Wohlhabenden in die Stadt zieht und nicht die Armen.

Die kommenden Generationen der Seniorenboomer bergen großes wirtschaftliches Potenzial. Mit dem euphemistischen Begriff der Gesundheitsstadt hat Berlin bereits das passende Cluster für diese Klientel entwickelt: Neben Kliniken, Rehabilitationsstätten, Seniorenresidenzen, Alten- und Pflegeheimen und sozialen Diensten tut sich ein weiter Horizont für unternehmerische Ideen und Initiativen auf, die altersgerechte Produkte und Serviceleistungen bieten.

Die große Frage: Wie kann Berlin seine jugendliche Frische erhalten?

Die Alten könnten zu einem Jobmotor für Berlin werden. Aber sie können die Stadt auch schnell alt aussehen lassen. Heute lebt Berlin zu einem Großteil von seinem Image als junger Kreativmetropole, als die Stadt der großen Freiheit, in der die Ideen für die Welt von morgen entstehen. Mit dem demografischen Wandel wird sich das ändern. Wie sich Berlin trotz des fortschreitenden Durchschnittsalters seiner Bevölkerung die jugendliche Frische erhalten kann, dazu steht nichts im Demografiekonzept des Senats.

Aber ich habe schon einen Plan: Wenn ich Rentner bin, arbeite ich als ehrenamtlicher Helfer im Coffeeshop des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzberg an der Cannabiswaage. Man muss sich schließlich einsetzen für die jungen Leute. Auf keinen Fall werde ich rumsitzen und Bingo spielen.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

Autor

32 Kommentare

Neuester Kommentar