Der fiktive Jahresrückblick : So war das Jahr 2018 in Berlin

Ein Biber schließt den Flughafen Tegel vorübergehend, die SPD fordert ein Planetarium in der Kuppel des Stadtschlosses: Wir blicken schon jetzt zurück auf das Jahr 2018.

In Tegel machten ein Biber und Wildschweine gemeinsame Sache, um die Flughafen-Frage voranzubringen.
In Tegel machten ein Biber und Wildschweine gemeinsame Sache, um die Flughafen-Frage voranzubringen.Foto: picture alliance / dpa

Januar

Der Jahreswechsel verlief friedlich, aber ins Büro von Justizsenator Dirk Behrendt (Grüne) wurde eingebrochen. Wertsachen wurden nicht gestohlen, allerdings fehlen eine Kiste Gendersterne mit Rumfüllung sowie der Ordner mit dem Konzept für den Tag der offenen Tür in der JVA Plötzensee. Die Polizei ermittelt vier Tatverdächtige, aber die Staatsanwaltschaft verfolgt den Fall mangels Personal nicht weiter. Aus Sicht von Behrendts Kreuzberger Grünen kommen ohnehin nur Realo*s als Täter*innen infrage.

Februar

Das Urteil des Verwaltungsgerichts zur Luftverschmutzung ist ein Paukenschlag: Ein striktes Dieselfahrverbot soll die Stickoxidbelastung senken. Verkehrssenatorin Regine Günther, deren Tempo-30-Offensive das Gericht für unzureichend befand, holt sich angesichts der neuen Lage einen zusätzlichen Staatssekretär: Heinrich Strößenreuther, bekannt vom Fahrrad-Volksbegehren.

Er soll einen stadtweiten Lastenradverkehr etablieren, während sein als gemäßigt geltender Amtskollege Jens-Holger Kirchner ein Seilbahnsystem konzipiert. Die IGA habe gezeigt, dass es funktioniert, sagt Kirchner. Die Masten werden auf den Mittelstreifen breiter Straßen installiert und sind mit 80 Metern hoch genug für die Realisierung der von R2G vereinbarten Windkraftoffensive.

März

Die näherrückende Fertigstellung des Stadtschlosses entzündet neuen Streit um Details: Die Grünen fordern ein sich drehendes, gekrümmtes Kuppelkreuz, das beim Blick von der Seite als Halbmond erscheint. Das Innere der Schlosskuppel soll nach dem Willen der SPD zum Planetarium ausgebaut werden – als außerschulischer Lernort unter Leitung der nach einem überraschenden Schuleinsturz in den Winterferien zurückgetretenen Ex-Bildungssenatorin Sandra Scheeres.

Auch die Linken werben offensiv für die künftige Sigmund-Jähn-Sternwarte. Dagegen überrascht die AfD mit der Forderung, in der Kuppel eine Dauerausstellung über Chemtrails einzurichten.

April

Ein am Flughafensee heimischer Biber beißt das von Wildschweinen freigelegte Hauptstromkabel zum Flughafen Tegel durch. Der Betrieb muss daraufhin für drei Wochen komplett eingestellt werden. Das Gros der Flüge wird über Schönefeld abgewickelt, wo wegen des Streiks der Ryanair-Piloten ohnehin Kapazitäten frei sind.

Die Tierschutzorganisation Peta erstattet wegen des toten Bibers Strafanzeige gegen Michael Müller, Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup und den Architekten Meinhard von Gerkan, der TXL in den 1960ern entworfen hatte.

Ist die Seilbahn, wie diese auf der IGA, die Zukunft von Berlins Elektromobilität?
Ist die Seilbahn, wie diese auf der IGA, die Zukunft von Berlins Elektromobilität?Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mai

Bei der S-Bahn häufen sich wegen der Wärme (26 Grad am ersten Mai-Wochenende) die Ausfälle. Die Wiederinbetriebnahme von TXL löst Massenproteste von Pankow bis Spandau aus. Während die FDP das Fluglärmproblem durch eine Gebührenbefreiung für Elektroflugzeuge lösen will, beschließt die CDU, ihre Mitglieder erneut über die Zukunft des Flughafens abstimmen zu lassen.

Die Situation sei jetzt eine völlig andere als 2017, betont Landeschefin Monika Grütters: „Wer im Gestern verhaftet bleibt, kann heute das Morgen verpassen.“ Der neue Spandauer Bezirksbürgermeister Raed Saleh (parteilos) fordert die Bildung dreier Arbeitskreise: Einer soll sich mit den Interessen der Anwohnenden befassen, einer mit der großräumigen Luftverkehrsplanung zwischen Ostsee und Erzgebirge für die Übergangsphase bis zur Eröffnung des BER im Herbst 2024, ein dritter mit dem Bibermanagement.

Juni

Auf einer gemeinsamen Pressekonferenz präsentieren Heinz Buschkowsky und Thomas Heilmann ein Überwachungsvideo, das die Einbrecher aus Behrendts Büro zeigt. Die von den beiden Werbeprofis erhoffte Resonanz bleibt allerdings aus, weil am selben Tag der Zoo mitteilt, dass Meng Meng trächtig sei.

Der Spandauer Bürgermeister Saleh erklärt, er übernehme die Patenschaft für das Kleine, das Anfang 2019 geboren werden soll. Auch die Werbeagentur der BVG nutzt die Euphorie: An den Doppeldeckern der Linie X 34 (Kladow – Zoo) steht neuerdings in riesigen grünen Lettern: „Mengmeng, hier kommt der Bam-Bus.“

Juli

Bei R2G herrscht dicke Luft, nachdem Radstaatssekretär Heinrich Strößenreuther mutwillig den Dienstwagen des Regierenden zerkratzt hat. Der Vorfall geschah am Rande der Eröffnung der ersten Trockentoilette („Berli*nette“), als Müllers Fahrer den Audi auf der neuen Lastenradspur des Kaiserdamms abgestellt hatte.

Die Parkplätze auf dem Mittelstreifen sind wegen der Bauarbeiten für die Seilbahn blockiert, und in der sonst zum Kurzzeitparken genutzten zweiten Reihe lagern die Rotorblätter für die Windrad-Aufsätze.

Keine Panik auf der Titanic: Panda-Dame Meng Meng fühlt sich pudelwohl im Berliner Zoo.
Keine Panik auf der Titanic: Panda-Dame Meng Meng fühlt sich pudelwohl im Berliner Zoo.Foto: dpa

August

Wochenlanger Regen lässt die Markierung der Lastenradspuren stocken und verdrießt die Ferienkinder. FDP-Chef Sebastian Czaja fordert angesichts des Wetters, die Mehrwertsteuer auf Flugtickets zu senken, um auch der hart arbeitenden Mittelschicht Urlaub im Warmen zu ermöglichen. Den Hinweis des Finanzsenators, Flugtickets seien schon bisher steuerfrei, bezeichnet Czaja als „ganz billige Nummer der VEB-Flughafenversager“.

Bei der S-Bahn häufen sich wegen der Nässe die Ausfälle, aber auf manchen Strecken schafft die BVG Entlastung, die neue U-Bahnwagen geliefert bekommen hat. Vorstandschefin Sigrid Nikutta tauft die Züge der Kleinprofilserie auf den Namen „Kiekste“.

September

Der Arbeitskreis zur großräumigen Luftverkehrsplanung präsentiert ein Konzept für die Zeit bis zur Eröffnung des BER im Frühjahr 2026: Bei Ostwind sollen die Maschinen künftig am Flugplatz Strausberg starten, bei Westwind am Flugplatz Bienenfarm im Havelland. Da stets gegen den Wind gestartet wird, wäre Berlin dann weitgehend vom Lärm verschont und hätte trotzdem zwei funktionsfähige Airports, heißt es.

Zentraler Check-In ist wie gehabt in Tegel, von wo ein Shuttle die Passagiere zum jeweiligen Startflughafen bringt. Auch der Arbeitskreis Bibermanagement kommt voran. Das Gremium unter Vorsitz von Raed Saleh schlägt vor, die Nager vom Flughafensee in die Spandauer Zitadelle umzusiedeln. Der Komplex sei dank seinem Wassergraben ausbruchssicher und zugleich ein idealer Lebensraum für die Tiere.

Staatssekretär Heinrich Stößenreuther will Lastenfahrräder im Stadtverkehr etablieren.
Staatssekretär Heinrich Stößenreuther will Lastenfahrräder im Stadtverkehr etablieren.Foto: picture alliance / dpa

Oktober

Der Bundestag beschließt gegen die Stimmen der FDP, das Steuerprivileg für Flugtickets abzuschaffen. Die AfD, die lediglich Auslandsflüge besteuern wollte, enthält sich. In Berlin einigt sich R2G darauf, den Ausbau der Elektromobilität auf die Seilbahn zu fokussieren.

Zuvor hatte Innensenator Andreas Geisel (SPD) bereits mitgeteilt, dass Polizei und Ordnungsämter Wichtigeres zu tun hätten als gegen Falschparker an Ladesäulen vorzugehen. Aktuell ist die Polizei im Großeinsatz in Spandau, wo aus noch unklaren Gründen die Zitadelle abgesackt ist und die Havel die Altstadt zu überschwemmen droht.

November

Am BER beginnen die Funktionstests der Systeme. Die von der Bauaufsicht des Kreises Dahme-Spreewald als Extremszenario geforderte Entrauchung des Bahnhofs bei gleichzeitiger Einfahrt von fünf Zügen misslingt allerdings: Der aus München kommende ICE wird in einem Tunnel bei Erfurt vermutet, die wegen der Kälte pannengeplagte S-Bahn verkehrt wegen eines Zugschadens nur unregelmäßig und ein Regionalexpress wartet in Wünsdorf noch auf Anschlussfahrgäste.

Davon abgesehen erweist sich der Flughafen als so weit intakt, dass er schon vor Jahren hätte eröffnet werden können. Desaströs ist allein die Verkehrsanbindung, weshalb die bisher in Britz endende Seilbahn SB 7 nach Schönefeld verlängert werden soll. Ex-Flughafenchef Hartmut Mehdorn schlägt in einem Gastbeitrag für die „Fliegerrevue“ eine zusätzliche Expresslinie vor.

„Wenn er mir ein Kabel jibt, an dem die Jondeln sich überholen können, bau’ ick dit jerne“, sagt Verkehrsstaatssekretär Kirchner.

Dezember

Ein früher Wintereinbruch lässt den Verkehr kollabieren: Die Rollen der Seilbahnen vereisen, die Kabinentüren frieren fest. In der SB 5 zum Startplatz Strausberg hängt eine nur vom Alkohol gewärmte Easyjet-Reisegruppe stundenlang in der Luft. Das Weihnachtsgeschäft bringt außerdem das Lastenradsystem an seine Grenzen. Radverkehrsstaatssekretär Strößenreuther muss zurücktreten, nachdem „Bild“ ein Foto seines auf der Radspur parkenden Autos veröffentlichen.

Strößenreuther konzentriert sich nun auf das Volksbegehren „S-Bahn unter Zugzwang setzen – mehr Verkehr statt Gehtnichtmehr“. Der Ausbau der Windkraft stockt, nachdem die Rotorblätter des ersten montierten Rades ein Seilbahnkabel durchtrennt haben. Der Regierende Bürgermeister kündigt in seiner Weihnachtsansprache an, dass die SPD die Patenschaft für das Pandababy übernehmen und allen Berlinern von der Wiege bis zum Abitur den kostenfreien Besuch ermöglichen werde: Teilhabe sei wichtiger als Schwarz-Weiß-Denken.

In einer Umfrage kurz vor Silvester äußern sich 36 Prozent mit Müllers Arbeit zufrieden. Bei den Unter-18-Jährigen liegt die Quote sogar bei 89 Prozent. Damit ist Müller der beliebteste Berliner Regierungschef seit Klaus Wowereit in seinem fünften Amtsjahr. Raed Saleh, der neue Bevollmächtigte Berlins bei der EU, gratuliert aus Brüssel.

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