Berlin : Der geteilte Osten

Die Wende als Familienkonflikt: Robert Ide las aus seinem neuen Buch

Daniela Martens
Robert Ide
Tagesspiegel- Chefredakteur Lorenz Maroldt und Buchautor Robert Ide -

Die Vergangenheit steckt in einer grauen Papprolle: Der vergrößerte Abzug eines alten Urlaubsfotos, darauf ein schmaler Junge mit großer Brille und eingefrorenem Ferienfotogrinsen. Aufgenommen an einem bulgarischen Strand, dem Mallorca der Ostdeutschen, 1987 – zwei Jahre vor dem Fall der Mauer.

Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt hat die Aufnahme am Mittwochabend mit auf die Bühne des Grünen Salons der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gebracht, zur Lesung aus dem Buch „Geteilte Träume – meine Eltern, die Wende und ich“ (Luchterhand Verlag, 14,95 Euro). Das Foto ist eine Überraschung für Robert Ide, Autor des Buches und Tagesspiegel-Redakteur, der sein Werk an diesem Abend zum ersten Mal einem Publikum vorstellt. Er sitzt neben Maroldt, der die Veranstaltung moderiert, und die Ähnlichkeit zwischen Ide und dem Kind auf dem Foto ist nicht zu übersehen. Aus dem schmalen Jungen aus Pankow ist ein schlanker Mann Anfang 30 geworden – ein „partytauglicher, tüchtiger Gesamtdeutscher“ – erwachsen geworden mit der Wiedervereinigung.

Wie aus dem einen der andere wurde – das beschreibt er auf 221 Seiten. Vor allem aber treibt ihn die Frage an, warum er sich dabei immer weiter von seinen Eltern entfernt hat. Und nicht nur er, sondern seine ganze Generation – Teilung Ost-Ost nennt er das. „Ich habe das Gefühl, in einer ganz anderen Welt angekommen zu sein als sie“, sagt Ide und liest eine Anekdote vor: In einer Ostalgie-Laune kaufte er sich eine Tasche der Interflug. Für die DDR-Airline hat seine Mutter früher gearbeitet – bevor die Gesellschaft nach der Wende aufgelöst und die Mutter arbeitslos wurde. Voller Freude erzählte er den Eltern von seinem Kauf – doch die Mutter freute sich nicht mit ihm. Stattdessen sagte sie traurig: „Warum hast du mich denn nicht gefragt? Ich habe noch fünf solcher Taschen im Schrank.“ Ide wurde klar: Es herrscht Sprachlosigkeit zwischen den Älteren und den Jüngeren im Osten. Es wird nicht über die Stasi gesprochen, nicht über die Arbeitslosigkeit und dass die Jungen meist in den Westen ziehen. „Die Jüngeren haben Angst, die Älteren zu verletzen, weil sie diese überholen“, sagt Ide. Er hat für das Buch Menschen beider Generationen besucht. Vor allem aber hat er endlich mit seinen Eltern gesprochen.

Könne man denn auch als „Wessi“ ein „gelernter Gesamtdeutscher“ werden, wollte ein Zuhörer anschließend wissen. Ja, meint Ide: „Wenn man sich für die Ostdeutschen interessiert.“ Zum Beispiel solle man einfach mal nachfragen, was „Ossis“ so von ihrem Begrüßungsgeld gekauft haben. Bei Ide und seiner Mutter waren es Kiwis. Und der türkische Obsthändler in Kreuzberg musste ihnen erst erklären, dass man die nicht in den Kochtopf wirft.

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