Der Mann, der Spaniens Blüten blühen ließ : Radiergummis für Sorgenfalten

Christian Walther hat über den Chanson-Dichter Robert Gilbert eine ebenso unterhaltsame wie gur recherchierte Biografie verfasst.

Es jrünt so jrün. Was wäre aus Eliza Doolittle - hier gespielt von Audrey Hepburn in der „My Fair Lady“-Verfilmung - ohne Robert Gilbert geworden?
Es jrünt so jrün. Was wäre aus Eliza Doolittle - hier gespielt von Audrey Hepburn in der „My Fair Lady“-Verfilmung - ohne Robert...Foto: imago images/Mary Evans

Ideologen sind humorlos: Das haben schon viele Künstler erlebt, die nichts wollten, als gut zu unterhalten. So war es auch im September 1930, als der Ufa-Film „Die Drei von der Tankstelle“ mit dem Evergreen „Ein Freund, ein guter Freund“ Premiere hatte. Das „Berliner Tageblatt“ lobte ihn als „Radiergummi für Sorgenfalten“. Doch die „Rote Fahne“ der KPD kanzelte ihn ab als „das Gesicht der herrschenden Klasse, die sich in diesem Film, unbekümmert um die ungeheure Not (...) in Deutschland, amüsiert, begeilt, vollfrisst und das Geld mit vollen Händen ausgibt“. Produzent Erich Pommer, Ufa-Komponist Werner Richard Heymann und Chanson-Dichter Robert Gilbert nahmen’s gelassen. Ihr Werk war ein Renner.

Über Gilbert ist nun ein spannendes Buch des Berliner Journalisten Christian Walther erschienen – sein zweites und äußerst gelungenes Unterfangen, die vielseitige Persönlichkeit Gilberts vorzustellen. 2016 veröffentlichte Walther seine Dissertation über den 1899 in Friedrichshain geborenen Künstler. Den Text hat er nun zur unterhaltsamen Lektüre überarbeitet und durch zusätzliche Recherchen ergänzt.

Was fasziniert ihn an seinem Protagonisten? Dies bringt der Untertitel des Buches auf den Punkt: „Robert Gilbert – Lieddichter zwischen Schlager und Weltrevolution“. Gilbert schaffte einen Spagat. Er war eine große Nummer im Amüsierbetrieb der Weimarer Republik sowie in der Nachkriegszeit bis zu seinem Tod 1978. Er gehörte zu den begehrtesten Textern für Kabarett und Tonfilm, fast alle Chansons der großen Filmoperetten bis 1933 hat er gedichtet. Es waren „cineastische Antidepressiva in Zeiten wirtschaftlicher Depression“, schreibt Christian Walther – von „Im weißen Rößl“ bis zu „Liebling, mein Herz lässt dich grüßen“.

Auch Arbeiterkampflieder gibt es von Gilbert

Doch zugleich stand er lange Zeit dem Kommunismus nahe, schrieb unter anderem von Hanns Eisler vertonte politisch-satirische Couplets und Arbeiterkampflieder, so „Das Stempellied“ oder Antikriegstexte wie „Die Ballade von der Krüppelgarde“. In den letzten Weimarer Jahren lehnte Gilbert jedoch zunehmend den stalinistischen KPD-Kurs ab. Er traf sich mit oppositionellen Linksintellektuellen – vielleicht war sein linker Standpunkt doch gar nicht so weit entfernt von der Poesie seiner Film-Evergreens. Schließlich nimmt er darin mit Augenzwinkern den Alltag der kleinen Leute auf.

Diese Biografie ist eine Annäherung an ein turbulentes, facettenreiches Dichterleben. Wer sie zur Hand nimmt, begleitet Robert Gilbert von Weimar bis zum Nachkriegsdeutschland und taucht in die Kreise von Künstlern und Philosophen ein, mit denen er teils eng befreundet war.

Vor Hitler floh Gilbert bis in die USA

„Deutschland liecht im Dreck ... eia weia weg!“, reimte Gilbert nach Hitlers Machtantritt. Er musste über Österreich und Frankreich in die USA fliehen, konnte aber nach 1945 an die früheren Erfolge anknüpfen. Vor allem als Übersetzer populärer Musicals wie „Hallo Dolly“ oder „Cabaret“ machte er sich nun einen Namen. Bei „My Fair Lady“ hatte er die geniale Idee, die Geschichte des Londoner Blumenmädchens ins Berliner Milieu zu verlegen.

„Es jrünt so jrün, wenn Spaniens Blüten blühen!“ Dieser legendäre Satz stammt aber möglicherweise nicht allein von Gilbert. Dessen erste Frau Elke übersetzte englische Literatur. Das Paar hatte sich in den Fünfzigern getrennt, doch sie half ihm auch danach bei der Übertragung von Musicals. Belege dafür hat Walther erstmals im neuen Buch publiziert. Gilbert hatte die Zusammenarbeit verschwiegen.

Einer seiner ersten Schlager hieß: „Kathrin, Du hast die schönsten Beine von Berlin“. Gedacht hat Gilbert wohl an seine Elke. Die Musik stammt von Friedrich Löwe, der 1924 in die USA auswanderte. 1961 schloss sich der Kreis: Löwe, alias Frederic Loeve, hat auch „My Fair Lady“ komponiert.


Christian Walther: Ein Freund, ein guter Freund. Robert Gilbert – Lieddichter zwischen Schlager und Weltrevolution. Ch. Links Verlag, Berlin. 368 Seiten, 33 Abbildungen, 30 Euro .
Christian Walther: Ein Freund, ein guter Freund. Robert Gilbert – Lieddichter zwischen Schlager und Weltrevolution. Ch. Links...Foto: Promo



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