Der neue Audi RS Q8 : Somewhere under the Rainbow

Mit seinem neuen Topmodell RS Q8 gelingt Audi der Spagat zwischen renntauglichem Kraftsportler und elegantem Alltags-SUV

Vier Ringe unterm Regenbogen. Der neue Audi RS Q8 ist halb Spitzensportler, halb Alltags-SUV.
Vier Ringe unterm Regenbogen. Der neue Audi RS Q8 ist halb Spitzensportler, halb Alltags-SUV.Foto: Andreas Conrad

Mein Gott, hier will der überholen? In selten sanften, meist scharfen, manchmal sogar haarnadelscharfen Kurven schlängelt sich die enge Straße von Süden her durch den Nationalpark des Teide, des höchsten, auf Teneriffa gelegenen Berg Spaniens. Nach ersten Kilometern flotter Fahrt vor uns eine dahinzuckelnde Kolonne von vier, fünf Geländewagen, offenbar ein Offroad-Trip für abenteuerlustige Touristen. Hätten wir nicht kurz vorher die Plätze gewechselt und säße nun nicht der Australier hinterm Lenkrad, könnten wir beide jetzt in Ruhe die Landschaft genießen. Aber nein, Kollege Bleifuß muss vorbei, nutzt jede halbwegs taugliche Lücke, rollt das Feld mit beherztem Tritt aufs Gaspedal von hinten auf, durchaus mit Geschick. Und gottlob, unser dicker Audi RS Q8, vom Hersteller etwas martialisch als „prestigeträchtige Speerspitze der RS-Modellfamilie“ gepriesen, spielt bereitwillig mit. Schwuppt mit Schwung, Kurve für Kurve und wie auf Schienen, an den staunenden Touris vorbei, ein souverän die Situation meisternden Kraftkerl, kommt dabei bei weitem nicht an seine Grenzen – und zieht mit uns eilig davon.

"How much horsepower?" - "Sixhundred."

Nützt nur nicht viel, wenige Kilometer weiter sitzt uns die Kolonne wieder im Nacken: Glatteis voraus, die Straße quer durch den Nationalpark gesperrt, allgemeine Ratlosigkeit, erst mal die Beine vertreten. Und da kommt auch schon der Fahrer des ersten Geländewagens angestiefelt, will sich aber keineswegs über den grenzwertigen Fahrstil beschweren, ist nur neugierig: „How much horsepower?“ – „Sixhundred.“ Das imponiert. Daumen hoch!
Aber die Straße ist nun mal dicht, das wird sich vorerst nicht ändern, und der sich jetzt über dem Teide wölbende, zeitweise sogar doppelte Regenbogen ist da nur ein schwacher, wenngleich ungemein dekorativer Trost. Futsch der schöne, von den Audi-Leuten ersonnene Plan, ihr neues Spitzenmodell beim kompletten Durchqueren des Nationalparks, mit Mittagspause an gewiss malerischem Ort, zu präsentieren. Dahin auch die vereinbarte Aussicht, später auf einem Teilstück mal Beifahrer eines Mannes zu sein, der den Wagen nun wirklich beherrscht, schon berufshalber: Erst im Herbst 2019 hat Renn- und Testfahrer Frank Stippler auf dem Nürburgring den neuen Nordschleifen-Rundenrekord für Serien-SUV aufgestellt, 20,832 Kilometer in 7:42 Minuten – man kann sich diese Raserei im Internet, als Blick aus dem Cockpit, sogar ansehen.

Immerhin sitzt er auf dem Rückweg – der allerdings ziemlich normale, nach Nordwesten führende Abzweig Richtung Meer ist zum Glück offen – in Plauderlaune im Fond, erzählt aus seinem Rennfahrerleben, fragt interessiert nach den heftigen SUV-Debatten gerade in Berlin, weicht auch der Frage, ob das Gros der potentiellen Käufer solch einer Rennmaschine wirklich gewachsen sei, nicht aus. Um die 90 Prozent, so schätzt er, kaufe solch ein Auto vor allem wegen des Images. Ähnliches hört man beim Hersteller Audi-Sport selbst, der 100-Prozent-Tochter des Ingolstädter Unternehmens. Ein mögliches Tempolimit auf bundesdeutschen Autobahnen scheint dort keine großen Absatzsorgen zu bereiten. Beim Autokauf spiele ja nicht nur die Ratio eine Rolle, sondern ebenso seien es die mit solch einem Wagen verbundenen Emotionen. Also das Wissen um sein Potential, das „Man könnte“.

305 km/h Spitze? Ein ausgetrockneter Salzsee wäre jetzt gut

Wobei es ganz andere Straßen als das Kurvengeschlängel rund um den Teide brauchte, um die Beschleunigung – wie der Audi S8 von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden – und die 305 km/h Spitze unseres RS Q8 auszuloten. Am besten wäre ein ausgetrockneter Salzsee. Doch auch bei moderatem Chauffieren, das automobilen Draufgängern wie dem australischen Kollegen vielleicht sogar zaghaft erscheinen mag, bekommt der PS-schwächere und nicht so luxuriöse Autos gewohnte Fahrer von dessen Qualitäten einen überzeugenden Eindruck.

Kraft und Eleganz. Von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden, 305 km/h Spitze - der neue Audi RS Q8 vor dem Teide auf Teneriffa.
Kraft und Eleganz. Von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden, 305 km/h Spitze - der neue Audi RS Q8 vor dem Teide auf Teneriffa.Foto: Andreas Conrad

Was bereits bei bloßem Ansehen auffällt: Trotz seiner voluminösen Motorisierung kommt der Wagen, das Spitzenmodell der Q-Reihe, doch nicht kraftmeierisch daher. Man sieht diesem SUV die in ihm schlummernde Kraft an, sie steckt aber in erfreulich eleganter Verpackung. Die Designer haben gute Arbeit geleistet, an der Front angefangen mit dem breiten, Q-typischen Oktagonrahmen für den Kühlergrill, den beidseitigen großformatigen Lufteinlässen und den schmalen, in zwei Versionen verfügbaren LED-Scheinwerfern, hinten aufgehört beim Heckleuchtenband und dem der Hinterachse den nötigen Abtrieb garantierenden Dachkantenspoiler. Dem Wagen wurde sogar durch eine fallende Dachlinie eine coupéhafte Note gegeben, und selbst für Spielereien fand sich noch Platz. So gehören zur Luxusversion der Scheinwerfer eine „Leaving-Home-„ und eine „Coming-Home-Funktion“. Beim Entriegeln des Wagens fliegen Lichtpunkte horizontal von außen nach innen, beim Verriegeln in umgekehrter Richtung, und beim Öffnen der vorderen und hinteren Türen wird das Audi-Sport-Emblem auf die Fahrbahn projiziert. Nachbarn und Passanten werden beeindruckt sein.

Gegen das Ambiente-Licht hat ein Regenbogen keine Chance

Klar, dass der Wille zum Edeldesign auch im Innenraum zum Tragen kommt, der sich schon durch die dreiteilige, verschiebbare Rücksitzbank als sehr alltagstauglich erweist. Dem Käufer wird es durch die Vielzahl der Variationsmöglichkeiten nicht leicht gemacht. Den Dachhimmel lieber in Stoff mondsilber, in Alcantara mondsilber oder doch in Alcantara schwarz? Und gegen die 30 wählbaren Farben des Kontur-Ambiente-Lichtpakets kommt nicht mal ein Regenbogen an.

Bildschirm an Bildschirm. Der Audi RS Q8 ist bestens vernetzt.
Bildschirm an Bildschirm. Der Audi RS Q8 ist bestens vernetzt.Foto: Audi Sport

Aber trotz all der sich vor dem Fahrer auf seinem RS-spezifischen „Audi virtual cockpit“ und den Infotainment-Touchscreens versammelten Finessen, trotz des mitgelieferten Internet-Potentials, der angebotenen Online-Dienste und der vielen möglichen Assistenzsysteme – die erste Frage bei solch einem Kraftwagen gilt doch dem, was unter der Haube steckt. Es sind wie erwähnt insgesamt 600 PS, egal ob man die elektronisch abgeregelte, bis zu 250 km/h schnelle Grundversion bestellt oder die um ein „Dynamikpaket“ ergänzte, noch einmal 55 km/h schnellere Variante. Geschöpft wird diese Kraft aus einem Vier-Liter-V8-Benzinmotor, auf Trab gebracht von zwei Turboladern und in seinem Durst – 12,1 Liter auf 100 Kilometern sind angegeben – moderat gezügelt durch das bordeigene Mild-Hybrid-System mit seinem 48-Volt-Hauptbordnetz. Das braucht man schon, um all die elektrisch betriebenen Spezialfunktionen des Wagens anzutreiben, es dient aber auch der Spritersparnis. Geht der Fahrer zwischen 55 und 160 km/h vom Gas, wählt das System zwischen Strom gewinnendem Rekuperieren oder maximal 40 Sekunden „Segeln“ bei abgeschaltetem Motor. Auch beim Heranrollen an rote Ampeln schaltet der Motor ab 22 km/h ab – und startet dank vernetzter Frontkamera wieder, sobald Vordermann oder Vorderfrau sich in Bewegung setzen. Gleichem Zweck dient das „Cylinder on demand“-System: Bei geringer Last und Drehzahl schalten vier Zylinder ab, starten aber wieder, sobald man aufs Gaspedal tritt. Der Fahrer bekommt davon kaum was mit.

Unter der Haube des Audi RS Q8 schlummern 600 PS, erzeugt von einem Vier-Liter-V8-Biturbo-Benziner.
Unter der Haube des Audi RS Q8 schlummern 600 PS, erzeugt von einem Vier-Liter-V8-Biturbo-Benziner.Foto: Andreas Conrad

Selbstverständlich hat der RS Q8 permanenten Allradantrieb, auch die Allradlenkung ist serienmäßig, die den Wendekreis verringert und bei Spurwechsel unter hohem Tempo die Stabilität des Wagens erhöht. Optional ist eine elektromechanische Wankstabilisierung, die das Aufschaukeln auf Holperpisten reduziert und auch dafür sorgt, dass sich der Wagen in schnellen Kurvenfahrten nicht allzu sehr zur Seite neigt. Auch Beifahrern australischer Ungestüme soll schließlich nicht übel werden.

Bei hohem Tempo geht der Wagen in die Knie

Dem höheren Fahrkomfort wie auch der Sicherheit dient ebenso die serienmäßige Luftfederung mit geregelter Dämpfung, durch die sich die Trimmlage der Karosserie um bis zu 90 Millimeter variieren lässt. Bei einem Tempo bis zu 30 km/h kann man so die Bodenfreiheit um bis zu 50 Millimeter erhöhen, im Gelände ist das nützlich. Bei höherem Tempo senkt sich das Fahrzeug, geht oberhalb 160 km/h bis zu 40 Millimeter in die Knie, duckt sich in den Wind.
Gesteuert wird dies über das Fahrdynamiksystem „Audi drive select“. Sechs Fahrmodi sind festgelegt, zwei weitere individuell konfigurierbar und durch eine spezielle Lenkradtaste abrufbar. Beeinflusst wird so der Fahrcharakter des Wagens, das reicht von Motor und Getriebe über die Allradlenkung und die Luftfederung bis zum Motorsound. Schließlich soll ja der Wagen im Fahrmodus „dynamic“ anders röhren als in „effiency“, satter eben, rabiater, Ehrfurcht gebietender. Das bordeigene Soundsystem mit seinen 23 Lautsprechern sollte man dann allerdings schweigen lassen. Motor oder Musik, Krawumm oder Konzertsaal – man muss sich entscheiden.

Technische Daten

Abmessungen: 5,01 m (L), 2,19 m (B), 1,71 m (H)
Gepäckraumvolumen: 605 - 1755 Liter
Antrieb: Vier-Liter-V8-Benziner mit Biturbo-Aufladung, 600 PS, max. Drehmoment 800 Nm, Höchstgeschwindigkeit 250 km/h (elektronisch begrenzt, mit Dynamikpaket 305 km/h), von 0 auf 100 in 3,8 Sekunden, Verbrauch 12,1 Liter/100 km, CO2-Emissionen 277-276 g/km (kombiniert, WLTP-Zyklus, Euro 6d-Temp), quattro-Antrieb, achtstufiges toptronic-Getriebe
Preis: ab 127 000 Euro

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