• „Der war in einem Blutrausch“: Das sagt der Polizist, der den Weizsäcker-Mord verhindern wollte

„Der war in einem Blutrausch“ : Das sagt der Polizist, der den Weizsäcker-Mord verhindern wollte

Ein junger Mann entreißt dem Mörder von Fritz von Weizsäcker das Messer. Er wird dabei selbst schwer verletzt. Am Donnerstag trat Ferrid B. im Prozess auf.

Polizisten nahmen in nach der Attacke in der Berliner Schlosspark-Klinik eine Person fest.
Polizisten nahmen in nach der Attacke in der Berliner Schlosspark-Klinik eine Person fest.Foto: Paul Zinken/dpa

Seine Hände, die der Kriminalkommissar im Saal 500 vor sich auf dem Tisch übereinandergelegt hat, erinnern ihn jeden Morgen an jenen 19. November. Weil sie brennen, sich taub anfühlen. Doch viel schlimmer sei, dass er an diesem Tag sein Urvertrauen verloren habe.

Jede Nacht liege er wach, fühle sich wie auf einer Achterbahnfahrt gefangen, immer in Angst, ins Bodenlose zu fallen. „Das letzte halbe Jahr war eine schwierige Zeit“, sagt Ferrid B., 34, und blickt hinauf zur Richterbank. Die Diagnose seines Arztes lautete: posttraumatisches Belastungssyndrom.

Held, Opfer, Nebenkläger – und erster Zeuge im Mordprozess gegen Gregor S., den Mörder des Chefarztes Fritz von Weizsäcker. Es ist kurz nach halb zehn, als Ferrid B. im Moabiter Kriminalgericht auf dem Zeugenstuhl Platz nimmt, um von jenem Abend zu berichten, als  Gregor S. in der Charlottenburger Schlosspark-Klinik auf den 59-jährigen Fritz von Weizsäcker losging und sich Ferrid B. in dessen Messer warf, um den Professor zu retten, vergeblich.

Keine fünf Meter trennen Ferrid B. während seiner Aussage von Gregor S., der ihn keine Sekunde aus den Augen lässt. Unter den Kronleuchtern wirkt das Gesicht des Angeklagten fahl. Gregor S., 59 Jahre alt, ledig, ein Einzelgänger, der aus dem rheinland-pfälzischen Andernach stammt, wo er als Lagerist gearbeitet hatte.

Gregor S. sah seinen Plan durch Ferrid B. gefährdet

Dass die beiden Männer an jenem verhängnisvollen Tag aufeinandertrafen, hat Ferrid B. offenbar seiner Frau zu verdanken, die für ihren Mann beim Professor bereits einen Termin für eine Untersuchung vereinbart hatte.

„Sie hat mich zu dem Vortrag geschickt, weil ich immer so blass aussah.“ Und so saß er mit Gregor S. unter den knapp 40 Zuhörern, die in die Klinik gekommen waren, um einen der kostenlosen medizinischen Vorträge zu besuchen, die hier für interessierte Laien angeboten werden.

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An diesem Abend ging es um „die Fettleber, eine weitgehend unbekannte, aber zunehmende Volkskrankheit“. Beide Männer zogen im Publikum offenbar die Blicke auf sich. Gregor S. sagt, dass ihm Ferrid B. sofort ins Auge gefallen sei.

Dieser sportliche Typ im roten T-Shirt mit den dunklen kurzgeschorenen Haaren sei der Einzige im Saal gewesen, der seinem Plan hätte gefährlich werden können. Auch Gregor S. erregte Aufmerksamkeit, als er sich erstmal nicht für einen Platz entscheiden konnte.

Die Männer kämpfen, Ferrid B. wird schwer verletzt

Eine Zuhörerin erinnert sich, dass Gregor S. mit seinen 57 Jahren zwar noch immer zu den Jüngsten im Saal zählte, dabei aber so dünn, blass und krank ausgesehen habe. Es war kurz vor 19 Uhr, als Fritz von Weizsäcker seinen Vortrag beendete und alle, die noch Fragen haben, zu ihm nach vorne bat.

„Ich wollte nach vorne stürmen, um schnell nach Hause zu kommen“, sagt Ferrid B. Er habe gerade mit Weizsäcker geredet, als der Täter an ihm vorbeizog und dem Mediziner ein Messer in den Hals rammte. Er habe sich vor den Angreifer gestellt, ihn an den Armen gepackt und in die Messerklinge gegriffen.

Gregor S. muss sich seit dem 19. Mai für den Mord an Fritz von Weizsäcker vor Gericht verantworten.
Gregor S. muss sich seit dem 19. Mai für den Mord an Fritz von Weizsäcker vor Gericht verantworten.Foto: Carsten Koall/dpa

Die Männer kämpften, fielen über die Stuhlreihen, während Gregor S. immer wieder auf den Polizisten einstach. Als es ihm gelang, dem Attentäter das Messer aus der Hand zu reißen, habe Gregor S. jeden Widerstand eingestellt. Er ließ sich auf einen Stuhl bugsieren, während B. den Notruf der Polizei anrief und mehrere im Hause anwesende Ärzte herbeieilten, um von Weizsäcker erste Hilfe zu leisten.

Der Angeklagte habe neben ihm gesessen, auf den sterbenden Fritz von Weizsäcker geschaut und pausenlos „irgendwas geschwafelt“. „Er hat mich bestimmt zehn Mal gefragt, ob ich auf ihn sauer sei.“

Nur einmal blickt der Polizist kurz über seine linke Schulter, als er von dem Angeklagten in seiner Box spricht. „Der war in einem Blutrausch“, sagt Ferrid B. „Lügenmaul!“, ruft Gregor S. und wird vom Vorsitzenden Richter zur Ruhe gerufen.

Kurz nach der Tat redet der Angeklagte "wie ein Wasserfall"

In der vergangenen Woche hatte Gregor S. im Prozess ein Geständnis abgelegt. Den Mord am Professor bereue er nicht, sagte der Angeklagte – im Gegenteil. Dass er dabei Ferrid B. verletzt hat, tue ihm leid. Er habe den Polizisten nicht schaden wollen, seinen Tod aber in Kauf genommen, um den Mordanschlag vollenden zu können. Schon kurz nach der Tat war Gregor S. gegenüber den Polizisten offenbar von einer Art Bekenntniszwang getrieben.

Die beiden Polizisten, die den Attentäter im Saal festnahmen, berichten am Donnerstag vor Gericht, dass Gregor S. pausenlos geredet habe, darüber, dass er sich über den Tod des Professors freue, Messer „eigentlich eklig finde“, er sprach über den Vietnamkrieg, die Familie Weizsäcker, Thailand, seinen Hausverwalter, seine Neurosen ... „Das lief wie ein Wasserfall aus ihm heraus.“

Das Gericht muss entscheiden, ob Gregor S. schuldfähig ist.
Das Gericht muss entscheiden, ob Gregor S. schuldfähig ist.Foto: imago images/Olaf Wagner

Nach seinem ersten Geständnis bei der Mordkommission wurde Gregor S. in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Paranoides Syndrom bei hochgradigem Verdacht auf Schizophrenie, lautet die erste Diagnose.

Der Einsatz von "Agent Orange" in Vietnam als Tatmotiv

Gregor S. hat erklärt, dass er auf Fritz von Weizsäcker losging, weil er die Familie für frühere Verfehlungen bestrafen wollte. Richard von Weizsäcker, der ehemalige Berliner Bürgermeister und spätere Bundespräsident, war Anfang der 1960er-Jahre Geschäftsführer bei einem Ingelheimer Chemieunternehmen.

Über die Firma war in den 90er-Jahren berichtet worden, sie habe Vorprodukte des Entlaubungsmittels „Agent Orange“ hergestellt, das von der US Army im Vietnamkrieg eingesetzt wurde. Sowohl die Firma als auch die Ergebnisse eines Untersuchungsausschusses widersprechen dieser Darstellung. Aufgrund der damaligen Berichte machte Gregor S. den verstorbenen Bundespräsidenten für die Folgeschäden, für Todesfälle, schwere Krankheiten, Fehlgeburten und Missbildungen, verantwortlich.

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Er sei jedes Jahr für mehrere Wochen nach Thailand geflogen, wo er sich den asiatischen Menschen verbunden fühle, die Frauen geradezu vergöttere. Da der ehemalige Bundespräsident 2015 verstorben war, habe er sich als Opfer den Sohn Fritz ausgesucht.

Gerade hat der Polizist den Dienst wieder angetreten

Ferrid B. wurde bei der Attacke selbst schwer verletzt, musste in der Charité mehrmals operiert werden. In einem Ende Dezember veröffentlichten Brief schrieb der Polizist: „Der 19. November 2019 hat meine Vorstellung vom Leben, die ich hatte und schätzte – und für selbstverständlich hielt – verändert ... Ich habe gehandelt, weil es für mich nichts bedeutenderes als das Leben gibt, und weil es Aufgabe der Polizei ist, dieses Leben mit allen Mitteln zu schützen.“ Über den Tod von Weizsäckers empfinde er „tiefen seelischen Schmerz“.

Innensenator Andreas Geisel (SPD) zeichnete Ferrid B. im Januar mit dem Ehrenzeichen für besondere Leistungen im Dienst des Landes Berlin aus. Nach einem halben Jahr konnte Ferrid B. an diesem Dienstag das erste Mal in den Dienst zurückkehren. Die Untersuchungen, sagt Ferrid B., hätten übrigens ergeben, dass mit seiner Leber alles in Ordnung sei. „Ich war komplett gesund.“

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