Der Wedding als Song-Inspiration : „Meine innere Mitte braucht die Bühne“

Lukas Meister zieht vor einigen Jahren von Freiburg nach Berlin. Und macht seine Musik-Leidenschaft zum Beruf.

Musiker Lukas Meister in seinem Element: beim Liedermachen.
Musiker Lukas Meister in seinem Element: beim Liedermachen.Foto: Sören Pekartschik

Der Rosengarten im Humboldthain, der Plötzensee oder der Volkspark Rehberge – es gibt viele schöne Orte in Berlin-Wedding, an denen man entspannt verweilen kann. Fragt man Lukas Meister nach seinem Lieblingsort, staunt man nicht schlecht über die Antwort: „Ich mag die Bushaltestelle an der Seestraße, gegenüber der Kirche an der Antwerpener Straße.“

Lukas weiß die kleinen Dinge im Leben zu schätzen. Er braucht Orte, die ihn inspirieren. Er ist Künstler, genauer: Liedermacher. So in der Art wie Reinhard Mey? Nein! Eher so wie ein Singer / Songwriter? Auch nicht so richtig. Lukas hat nach eigenen Aussagen noch keinen guten Begriff für das, was er da macht. „Irgendwas zwischen Helene Fischer und Herbert Grönemeyer“, meinte er mal ironisch zu einem Taxifahrer.

Musik macht er schon seit Ewigkeiten, wie er selbst sagt. An der Bushaltestelle an der Seestraße hat er viele Abende verbracht. „Die Kirche gegenüber sieht immer schön aus, egal in welchem Licht. An einem Abend hatte irgendwer seinen Sperrmüll dort abgeladen und wir haben es uns da schön eingerichtet und die Zeit genossen.“

Nur wenige Meter davon entfernt seine Stammkneipe, die Nussbreite. Diese Musik-Bar gibt es seit letztem Jahr nicht mehr. „Das war mein erweitertes Wohnzimmer“, sagt der 34-Jährige wehmütig. Dort hat er viele Gleichgesinnte kennengelernt und konnte das ausleben, was ihn ausmacht: seine Musik.

Die Coronapandemie hat ihn, wie seine Künstlerkollegen, in die Schranken gewiesen. Seit Juli steht er endlich wieder auf der Bühne. „Jetzt bin ich wieder mehr ich! Meine innere Mitte braucht die Bühne, ich genieße es, in diese Rolle zu schlüpfen“. Diese Berufung entdeckt er bereits vor zwanzig Jahren: „Mit Vierzehn wurde mir klar, dass ich das machen muss!“ Meister, wie ihn seine Freunde nennen, will auf die Bühne, er will Musik machen.

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Als Kind erhält er ungeliebten Klavierunterricht. Damit wird er nicht so richtig warm und bringt sich als Jugendlicher das Gitarre spielen selbst bei. Zum ersten Mal komponiert und textet er selbst, spielt in einer Schülerband und beginnt nach dem Abitur Musikwissenschaft zu studieren.

Schnell merkt er jedoch, dass „das mit Musik relativ wenig zu tun hat“. Zu theoretisch, zu trocken, zu wenig eigene Musik – er bricht das Studium ab und wechselt zu Deutsch und Italienisch. „Das passte gut zu mir, weil mir alles liegt, was mit Sprache zu tun hat.“

Und die Sprachen beherrscht er wirklich gut: neben Deutsch und Italienisch spricht er fließend Schwäbisch und Sarkastisch. Eine Prise Selbstironie zeigt sich auch bei seinen Auftritten, wobei es auch mal ein ganzer Löffel sein darf.

Der „Schwabe“ im Wedding

Lukas Meister outet sich auf der Bühne schnell als Freiburger. Als einen der typischen Schwaben, die Berlin bevölkern. Wobei er als Freiburger kein Schwabe, sondern Badener ist, aber der „Berliner versteht den Unterschied ja sowieso nicht und denkt, dass alle, die südlich von Potsdam herkommen, Schwaben sind“.

Aber Lukas liebt seine neue Heimat trotz schwäbischer Ausgrenzung: „Berlin hat sich vom ersten Moment an nach zu Hause angefühlt“, sagt der Musiker. Und warum der Wedding? „Ich bin kein großer Partygänger und brauche keine Simon-Dach-Straße, um Lebensqualität zu verspüren. Hier kann ich die Tür zu machen und bin privat. Es gibt viel Grün, viel Urbanes und viel Inspiration.“

Und wenn der Wedding nicht zum Songschreiben inspiriert, wer oder was denn dann? Alltägliches, Kurioses und Gewöhnliches findet Meister hier täglich. „Die meisten Texte sind sehr persönlich, handeln von eigenen Erfahrungen und Beobachtungen“, sagt er.

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Zudem greift er Gesellschaftliches und Probleme seiner Generation auf. „Im Idealfall denke ich beim Schreiben nicht nach, die Sprache schreibt, an meinem Gehirn vorbei, meine Gefühle auf.“ Seinen Song „Leuchten“ hat er vormittags vom Sofa aus innerhalb einer halben Stunde geschrieben – mit Sonne im Gesicht und Gitarre in der Hand.

Wegen Corona musste Lukas Meister seine Tour in diesem Jahr unterbrechen und hielt sich unter anderem mit Texterjobs über Wasser. Im Juli ergab sich die Möglichkeit, gemeinsam mit dem Prime Time Theater am Plötzensee aufzutreten.

Ein kleiner Lichtblick im Corona-Sommer, der noch den August über anhält. Wie es im Herbst wirtschaftlich für ihn weitergeht, bleibt abzuwarten. „Irgendwann muss ich mir überlegen, ob ich das noch weitermachen kann“, gibt Lukas zu Bedenken. Die kommende Konzert-Termine im August: 14.8., 16.8., 27.8., 28.8., 29.8., 30.8.2020 im Anschluss an die Vorstellung des Prime Time Theaters

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