Deutsche in Wedding : Zu Hause geblieben und fremd geworden

Die Großeltern im Erdgeschoss können sich ein Leben woanders gar nicht vorstellen. Sie sind in Wedding aufgewachsen, er in der Maxstraße, sie in der Lortzingstraße. Sein Vater war Schuhmacher, und auch dessen Eltern und die Generation davor lebten schon hier.

„Wo sollen wir denn hin?“, fragt Helmut König in schnoddrigem Berlinerisch und lässt sich fallen in einen tiefen Wohnzimmersessel aus braunem Kunstleder. Er ist jetzt 67 Jahre alt, graue Strähnen mischen sich unter die schwarzen Haare, der Schnauzbart ist immer noch buschig.

Anne König ist 69 und hat ein weiches, zartes Gesicht. „Wir haben nichts gegen Ausländer“, sagen die beiden. An Fremde ist man in Wedding gewöhnt. Nach dem Krieg kamen die Flüchtlinge aus Ostpreußen, dann die aus der Ostzone, nach dem Mauerbau die Türken. 1965 ist Anne König zum ersten Mal aufgefallen, dass die Fremden immer fremder werden. Sie arbeitete bei der AEG und setzte ein Jahr aus, als der älteste Sohn geboren wurde. Als sie zurückkam, saßen Frauen mit Kopftüchern an den Fließbändern. Sonntags breiteten die neuen Familien in den Parkanlagen ihre Decken aus. In den Parkanlagen! Das hätten wir Deutschen uns nicht getraut, sagt Anne König. Stand doch überall: „Betreten verboten“. Manchmal legten die Neuankömmlinge die Decken auch mitten auf den Bürgersteig und setzten sich darauf. Da haben sich die Königs schon sehr gewundert.

Als sie 1977 in das neu gebaute Mietshaus zogen, war die Abmachung mit dem Eigentümer: nur eine türkische Familie. Doch irgendwann galt das nicht mehr. Irgendwann starb auch die Hauswartsfrau, die für Ordnung gesorgt hatte. Jetzt kommt einmal die Woche ein Putzdienst, aber es gibt niemanden, der allen signalisiert: Ich bin hier die Autorität, ich setze die Regeln.

Ein bisschen ist Helmut König in die Rolle geschlüpft. Er stutzt die Hecke vorne zur Straße, schneidet den Rasen und schimpft mit den Kindern. An die ausländischen Geschäfte muss man sich wohl gewöhnen, sagt er. Wenn nur die Kinder nicht so verzogen wären. Spielen Fußball im Hof, reißen Zäune nieder, lassen Eispapier und Kaugummi fallen, wo sie gerade stehen. Er hat einen Mülleimer neben die Haustür gestellt. Genutzt hat es nicht viel. Auch an diesem Tag fliegt Bonbonpapier auf den Treppen herum.

Helmut König war Dachdecker. Doch, ja, die türkischen Kollegen auf dem Bau waren nett, sagt er. Aber die arabischen Einwanderer? Die sind noch mal wieder fremder. Es sind Nuancen. Manchmal würde man nun Frauen sehen, die sich gänzlich verschleiert hätten. Als hätten sie Angst. Vor den Königs?

Aber so viel kriegen die nicht mit von dem, was sich vor der Tür abspielt. Anne König kann nur noch mit Mühe laufen, die Hüfte und die Knie machen ihr zu schaffen. So leben die Großeltern König vor allem in ihren dreieinhalb Zimmern, auf dem Balkon und in dem kleinen Garten, der in den grauen Hinterhof hinausgeht. Die bunten Sommerblumen stehen akkurat, die Erde ist frisch geharkt. Auch eine Art, gegen die Unordnung mancher Nachbarn anzukämpfen.

Wenn Helmut König Sehnsucht nach Deutschen hat, geht er zu Reichelt. In der Maxstraße am Imbiss auf dem Parkplatz trinkt er ein alkoholfreies Bierchen mit anderen letzten deutschen Männern.

Wer in die Fremde geht, ist vielleicht darauf gefasst, sich verändern zu müssen. Die in ihrer Heimat Gebliebenen rechnen nicht damit. Die Fremde um sie herum trifft sie als etwas, für das sie nur resignierende Worte haben. „Als es noch deutsche Geschäfte gab, war alles persönlicher“, sagt Anne König. „Da kannte man sich und hat einen Schwatz gehalten.“ Wenn sie jetzt mit deutschen Frauen reden will, geht sie auf den Trödelmarkt. Dort hat sie Engel, Kruzifix und auch die Madonna mit dem Kind gekauft, die im Wohnzimmerschrank stehen und über dem Sofa hängen. Sie konnte die Figuren nicht stehen lassen auf dem Markt. Es gibt nur noch so wenige Christen im Kiez, da kommen die noch in falsche Hände. Sie hat ihnen bei sich Asyl gegeben.

Warum Schule auch eine Kampfzone ist, erfahren Sie auf der nächsten Seite.

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