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Deutsche in Wedding : Zu Hause geblieben und fremd geworden

Am Sonntag zuvor ist Enkelin Angelina „eingesegnet“ worden. Die Großeltern erzählen stolz davon. Nicht dass sie sonderlich religiös wären, die Königs, aber Familientradition eben. Angelina war mit fünf anderen Jugendlichen in der Konfirmandengruppe; es war die vorerst letzte Gruppe in der großen, alten Schinkelkirche in der Badstraße.

Angelina ist 15 Jahre alt, groß und schlank und hat schwarze lange Haare. Ihr Name klingt so schön amerikanisch, fanden ihre Eltern. Angelina wurde in diese fremde, türkisch-arabische Welt hineingeboren, schon in der Grundschule gehörte sie zur Minderheit, jetzt in der Realschule ist sie es erst recht. Sie kann sich aber nicht wie ihre Großeltern in der Wohnung verkriechen, anders auch als ihre Eltern hat sie ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden.

Angelina braucht gut zwanzig Minuten zu Fuß zur Schule. Im Hof werfen hohe Bäume Schatten. Angelina sitzt auf einer Bank in einer kleinen Laube im Schulhof. Sie mag Schwarz. Schwarze Klamotten, schwarzer Kajalstift um die Augen, ein bisschen gruftimäßig. Heute prangt ein brüllender Löwenkopf auf ihrem schwarzen T-Shirt, dazu viel Leopardenmuster auf Schuhen, Tasche und Mäppchen.

„Ich liebe diese wilden Tierchen“, sagt sie, „die sind stark und schnell und lassen sich nichts gefallen.“ Angelina geht mit ihrer tiefen Stimme noch ein bisschen runter, faucht und formt mit den Händen Löwentatzen. Das Schwarze und die Wildkatzen sind mehr als nur eine Vorliebe. Sie sind auch Abgrenzung gegenüber den Mitschülern, die eher auf Glitzerndes und Buntes stehen, auf rote und grüne T-Shirts, blaue und pinkfarbene Kopftücher. Es signalisiert: Lasst mich in Ruhe.

In ihrem Jahrgang gibt es drei deutschstämmige Jugendliche. Die meisten anderen kommen aus türkischen und arabischen Familien. Jeden Tag geht es darum, wer die Regeln bestimmt: die Mehrheit oder die Minderheit, zu der auch die Lehrer gehören. Schule ist für Angelina deshalb nicht nur ein Ort, wo man lernt und Freundschaften schließt. Schule ist immer auch Kampfzone. Sie muss auf Angriffe gefasst sein. Vor allem die arabischen Jungs setzen ihr zu. Aber Angelina übertreibt es nicht mit der Abgrenzung, sie will die Jungs nicht unnötig provozieren. Von wegen „deutsche Schlampe“, sagt sie und zieht ihre Unterlippe nach vorne zu einer trotzigen Schnute. „Mein T-Shirt ist auch nicht tiefer ausgeschnitten als das der anderen Mädchen.“

Die Lehrer haben vor ein paar Jahren klare Verhaltensregeln eingeführt. Auf dem Schulgelände darf seitdem nur Deutsch gesprochen werden. Jetzt verstehen die deutschen Schüler und Lehrer wenigstens, was man ihnen an den Kopf wirft, und sie können darauf reagieren. Auch Projekte wie gemeinsames Theaterspielen und Shirts mit dem Schullogo sollen den Zusammenhalt fördern. Das hilft.

Anfang des Jahres war es trotzdem besonders schlimm, sagt Angelina, da hätten die arabischen Jungs sie nicht nur gehänselt, sondern auch nach ihr getreten, nur weil sie selbst mal ein Bein in die Höhe geschwungen habe. Die Lehrer hätten sie nicht sonderlich unterstützt. Sie hat dann Verteidigungsstrategie zwei angewandt: sich wehren. Sie hat zurückgeblökt und -getreten. Als auch das nicht geholfen hat, kam ihr Vater in die Schule und hat mit dem Direktor gesprochen und der mit den Jungs. Seitdem hat sie ihre Ruhe.

„Die deutschen Schüler haben es schwer“, sagt die Klassenlehrerin, „die müssen sehen, wie sie sich durchsetzen.“ Aber das muss sie selbst auch.

Gleich ist die Pause zu Ende. Angelina dreht noch eine Runde ums Schulgebäude zusammen mit Lara, dem anderen deutschen Mädchen in ihrer Klasse, und Özlem, die aus einer türkischen Familie kommt. Die drei sind schon zusammen in die Grundschule gegangen, sind beste Freundinnen und helfen sich. Sie treffen sich auch nachmittags außerhalb der Schule, gehen schwimmen im Humboldthain. Lara und Özlem sind Angelinas feste Bastion. Mit ihnen lässt sich Schule aushalten.

Später aber, wenn sie eine Ausbildung absolviert und eine Arbeit gefunden hat, dann will sie wegziehen aus dem Wedding. Nach Buckow vielleicht. Da wohnt ihr Onkel. Da ist es ruhig und ordentlich und nicht so anstrengend. Da sind die Deutschen in der Überzahl.

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