Nach dem 11. September

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Die Berliner Gesellschaft : Erst die Einheit, dann die Party
Regierender Partymeister. Im November 2001 ließ sich KlausWowereit bei der Bambi-Verleihung mit Champagner und Damenschuh fotografieren – und prägte damit nicht nur seinen eigenen Ruf.
Regierender Partymeister. Im November 2001 ließ sich KlausWowereit bei der Bambi-Verleihung mit Champagner und Damenschuh...Foto: picture alliance / dpa

In den Wochen nach den Anschlägen auf das World Trade Center war es sehr still auf dem Berliner Parkett. Aber schon im Spätherbst fiel die Hauptstadt in einen regelrechten Taumel – wie zum Trotz gegen die neuen Bedrohungen. Das Bild dazu lieferte ausgerechnet der noch neue Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, der bei der Bambi-AfterShow-Party einen roten Damenschuh hochhielt und so tat, als wolle er Champagner daraus trinken. Das Wort vom „Regierenden Partymeister“ war geboren – und hielt sich noch Jahre später, als Wowereit längst nur noch Events besuchte, bei denen er sicher sein konnte, wirklich hochkarätige internationale Prominenz zu treffen.

Aber 2001 konnte man ihn noch sehen, wie er beim Bundespresseball ausgelassen mit Alice Schwarzer tanzte, als Udo Jürgens im Interconti live sein „Ich war noch niemals in New York“ sang und die Stimmung kochte. Neue Freundeskreise wurden erkennbar. Die damals mächtigste Moderatorin des Landes, Sabine Christiansen, war frisch von ihrem Mann getrennt und gern zusammen mit Wowereit und Schwarzer unterwegs, auch „Bunte“-Chefin Patricia Riekel und Prominentenfriseur Udo Walz tauchten in dieser Clique auf.

Ge(sell)schaf(f)t! Christian Wulff und Ehefrau Bettina waren mindestens zwischenzeitlich Teil der Berliner Gesellschaft.
Ge(sell)schaf(f)t! Christian Wulff und Ehefrau Bettina waren mindestens zwischenzeitlich Teil der Berliner Gesellschaft.Foto: picture alliance / dpa

Für Skandale war Berlin auch damals schon zu gelassen. Es gab mal Aufregung, als Dieter Bohlen 2003 beim Bundespresseball auftauchte, aber die verflog schnell angesichts der Frage, wer denn die nächste Frau Joschka Fischers werden würde. Man badete sich nicht in Tratsch. Wenn jemand wirklich nicht mitbekommen hatte, dass Minister X entschuldigt fehlte beim Ball, weil er gerade eine Affäre hatte, reichte ein kurzer Hinweis.

Hostessen mit Headsets

Überblick war gefragt in jenen Jahren. Eventmanager Manfred Schmidt stattete seine Hostessen mit wichtig aussehenden Headsets aus und legte am Empfangstresen zu seinen Medientreffs dicke Gästelisten aus. Wenn ein Lobbyist einen Staatssekretär suchte oder ein Botschafter einen Fernsehmoderator, war das kein Problem. Per Funk wurden die Gäste ausfindig gemacht und zusammen gebracht. In den nuller Jahren boomte Schmidts Geschäft. Reden waren streng verboten bei seinen Partys. Später organisierte er große Treffen an Wahlabenden, die überaus prominent besucht waren. Während Gäste wie Guido Westerwelle oder Sabine Christiansen immer im Blitzlichtgewitter standen, fiel ein etwas blass wirkender Landespolitiker aus Niedersachsen kaum auf. Selbst als Christian Wulff seine Bettina beim Bundespresseball in die Gesellschaft einführte, hielt sich die Aufregung sehr in Grenzen. Sonderlich interessant wirkten die beiden damals nicht – noch nicht.

Wer abends auf den roten Teppichen posierte, war mittags mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit im langjährigen Prominentenlokal Borchardt zu sehen. Während der Berlinale freuten sich dort vor allem Hollywoodgrößen an den für sie typisch deutschen Schnitzeln. Und auf dem roten Teppich vor dem Musicaltheater am Potsdamer Platz begrüßte Berlinale-Chef Dieter Kosslick mit Wangenküssen und Umarmungen Weltstars wie Cate Blanchett und die Rolling Stones und trug seinen Teil zum langsam auch draußen im Lande sympathischer wirkenden Berlin-Bild bei.

Auch Isa Gräfin von Hardenberg wuchs in jenen Jahren zur höchst gefragten Gastgeberin des neuen Berlin empor. Bald hatte sie 20 Mitarbeiter, konzentrierte sich auf große Feste für Kunst, Kultur, Lifestyle und Charity in ihrem eigenen Stil. Nach wie vor lud sie gern auch ihren alten Freundes- und Bekanntenkreis ein, den Mäzen Erich Marx zum Beispiel oder Gloria von Thurn und Taxis. Allerdings polarisierte sie auch – manch eine der höheren Töchter aus gutem Haus etwa sah überhaupt nicht ein, warum sie bei der Fete, bei der sie als Hostess jobbte, nicht ganz normal mit den Gästen essen und trinken durfte – und lästerte hinter den Kulissen.

Bälle der Selbstdarstellung

Im neuen Jahrtausend wurde der glanzvolle Ball als Instrument zur Selbstdarstellung neu entdeckt. Der frühere Präsident des Vereins der Berliner Kaufleute und Industriellen, Klaus von der Heyde, baute aus einem kleinen Tanzvergnügen den alljährlichen Wirtschaftsball systematisch auf und aus. Auch unter von der Heydes Nachfolger Markus Voigt blieb der „Ball der Wirtschaft“ der Ort, an dem die Berliner Gesellschaft es gerne funkeln ließ und eine Eleganz an den Tag legte, die man ihr früher nicht zugetraut hätte. Dazu trugen auch strenge Dresscodes und ein Smokingverleih direkt am Veranstaltungsort bei.

Gesellschaftliche Runde. Beim Ball der Wirtschaft im Hotel Interconti geht es höchst stilvoll zu.
Gesellschaftliche Runde. Beim Ball der Wirtschaft im Hotel Interconti geht es höchst stilvoll zu.Foto: Tsp

Glanzvolle Events wurden gerne zum Paare-Outing genutzt. Wowereit etwa hatte seinen Lebenspartner Jörn Kubicki bei der Aidsgala 2001 in die Gesellschaft eingeführt. Anne Will nutzte die Verleihung des Preises für Verständigung und Toleranz im Jüdischen Museum, um 2007 den Spitzen der Gesellschaft die Medienprofessorin Miriam Meckel als ihre Lebenspartnerin vorzustellen.

Mit dem russischen Botschafter Vladimir Kotenev und seiner Frau Maria hatte in dieser Ära die Stadt ein Botschafterpaar mit ausgeprägtem Sinn für Glamour. Unterstützt von deutschen Sponsoren, die in Russland gutes Geld verdienten, luden die beiden einmal im Jahr zum deutsch-russischen Wirtschaftsball in die Botschaftsräume Unter den Linden. Rasch geriet der Ball zur Leistungsschau internationaler Abendmode, für Prominente aus dem ganzen Land wurde er zum Muss-Termin. Unter dem Nachfolger schlief diese Art der Event-Diplomatie zur glamourösen Imageverbesserung Russlands dann freilich wieder ein.

Das Breiten-Networking funktionierte auch deshalb gut, weil die Stadt so unkonventionell war. Anders als in München, wo sich die immer gleiche Bussi-Gang auf abgeschotteten Feten traf, oder in Hamburg, wo eine Familie seit 400 Jahren ansässig sein musste, um zu wichtigen Empfängen geladen zu werden, trafen sich Akademiepräsident und Vorstandsvorsitzender auf einer Modenschau und fanden nichts dabei. Berlin – ein Abenteuerspielplatz.

Interessen im Wandel

Friedel Drautzburg pendelte eine Weile zwischen Bonn und Berlin. Eine ICE-Bekanntschaft führte dazu, dass er spät im Leben noch Vater einer kleinen Berlinerin wurde. Seine StäV ist meist proppenvoll, inzwischen allerdings mit Touristen.

Manfred Schmidt lebt heute in Thailand und Spanien, kommt allenfalls mal zu Arztterminen nach Berlin. Seit der Wulff-Affäre ist er vom gesellschaftlichen Parkett weitgehend verschwunden. Die bis heute anhaltende Freundschaft mit dem damaligen Bundespräsidenten-Sprecher hatte ihm damals den Vorwurf der Bestechung eingetragen. Im März plant er ein Comeback. Dann organisiert Schmidt für das Magazin „Focus“ eine große Wahlparty am Abend dreier Landtagswahlen.

Ballsaal für die Seele. Heute sind in Berlin Bundespresseball und der Ball der Wirtschaft etabliert. Bei Ersterem tanzt gar Bundespräsident Joachim Gauck (mit Daniela Schadt) persönlich an.
Ballsaal für die Seele. Heute sind in Berlin Bundespresseball und der Ball der Wirtschaft etabliert. Bei Ersterem tanzt gar...Foto: dpa

Isa Gräfin von Hardenberg hat sich nach den Feierlichkeiten zum 25-jährigen Bestehen ihres Unternehmens sukzessive aus dem Eventgeschäft zurückgezogen. Sie schult jetzt Führungskräfte in kommunikativer Kompetenz.

Andrea Schoeller und Alexandra von Rehlingen haben ihr Berliner Büro behalten und betreiben regelmäßig die VIP-Zelte vor dem Brandenburger Tor während der Fashion Week. Nicht nur Bonn, auch München hat den Rutschbahneffekt Richtung Berlin zu spüren bekommen. Das merkt man, wenn wieder mal ein Flieger mit teuer gekleideten Gästen, beispielsweise einer Bambi-Verleihung, in Tegel gelandet ist.

Be cool, be Berlin

Als Ende November der Bundespresseball zum ersten Mal im Hotel Adlon stattfand, das in Filmen so oft Symbolbilder geliefert hat für den rauschhaften Tanz der Goldenen Zwanziger auf dem Vulkan, suchte man unwillkürlich nach den dicken Zigarren, die in alten Zeiten, aber sogar noch während der Kanzlerschaft Gerhard Schröders eine Rolle spielten. Doch Zigarren sind, mal abgesehen von den geschrumpften Raucherzonen in der iPhone-Ära, längst keine Statussymbole mehr.

Der Bundespresseball 2014
Hier muss der Walzerschritt sitzen: Auf der Tanzfläche des Bundespresseballs drängen sich die Gäste.Weitere Bilder anzeigen
1 von 65Foto: Davids
21.11.2014 22:20Hier muss der Walzerschritt sitzen: Auf der Tanzfläche des Bundespresseballs drängen sich die Gäste.

Es ist cool geworden an der Spree. Die Bundeskanzlerin kam auch diesmal nicht zum Bundespresseball. Tanzveranstaltungen liegen ihr nicht. Aber das macht nichts. Berlin bietet viele andere Möglichkeiten und Orte zur Vernetzung. Die Eventbranche hat sich diversifiziert. Viele Unternehmen haben, nachdem sie die Gästelisten von Agenturen gekauft hatten, selbst die Organisation ihrer Feste übernommen.

Als kürzlich im Zoo-Palast Steven Spielbergs Film „Bridge of Spies“ Premiere feierte, beschrieb Hauptdarsteller Tom Hanks das Berlin-Gefühl so: „Es ist die größte, coolste College-Stadt auf dem Planeten.“ Und fügte hinzu, dass er bei jedem neuen Angebot frage, ob der Film in Berlin gedreht werde. Dass er unnötig behelligt wird, muss er nicht fürchten. An die Anwesenheit von Global Playern aus Wirtschaft und Showbiz hat man sich gewöhnt. Und auch das Geschrei der Fotografen klingt längst nicht mehr so aufgeregt.

Dieser Text erschien zunächst in unserer gedruckten Samstagsbeilage Mehr Berlin.

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