Ost-Prominenz dringend gesucht

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Die Berliner Gesellschaft : Erst die Einheit, dann die Party
Politisches Prost. Gabi Zimmer und Petra Pau, hier 2002 noch zu PDS-Zeiten, in der "Ständigen Vertretung" am Schiffbauerdamm.
Politisches Prost. Gabi Zimmer und Petra Pau, hier 2002 noch zu PDS-Zeiten, in der "Ständigen Vertretung" am Schiffbauerdamm.Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb

Immer wieder wurde im frisch vereinigten Berlin Ausschau gehalten nach Prominenten aus dem Ostteil der Stadt. Die frühere Marketingchefin des Grand Hotels in der Friedrichstraße, Jenny Gsell, hatte sich bereits im Wiedervereinigungsjahr 1990 mit einer Eventagentur selbstständig gemacht. Wie die Kolleginnen im Westen wollte sie gezielt auch Prominente aufbauen und hatte dabei vor allem Professoren im Blick, als sie 1991 eine erste große Gala für krebskranke russische Kinder im Konzerthaus am Gendarmenmarkt organisierte. Bekannte Namen wurden im Laufe der Zeit mehr und mehr zu einer Währung, an der sich die Bedeutung eines Events maß. Je mehr VIPs eine Gästeliste aufwies, desto höher wurde ein Ereignis eingeschätzt. Manche Veranstalter buchen über Agenturen Schauspieler, die für ihr Erscheinen Geld bekommen.

Jenny Gsell musste in ihren Pioniertagen irgendwann einsehen, dass sich Menschen aus dem Ostteil der Stadt im Scheinwerferlicht einfach nicht wohlfühlten. Selbstdarstellung und die Pflege der Eitelkeiten waren im Osten für die Karriere nicht so wichtig gewesen und entsprechend auch nicht trainiert worden. Doch gab es durchaus Profis, die schneller als andere lernten. Mit Kati Witt, Maybrit Illner, Wolfgang Thierse unter anderem war irgendwann auch die einstmals östliche Gesellschaft gut vertreten auf den roten Teppichen. „Und so tolle Prominente gab es in West-Berlin auch nicht“, sagt Jenny Dreyer-Gsell, wie sie nach ihrer Heirat heißt, heute im Rückblick spitz. West-Berliner Größen waren etwa Atze Brauner, der noch heute in seinem weißen Bungalow in Grunewald wie ein Filmproduzent aus dem Film residiert. Oder Harald Juhnke, der immer wieder mit seinen berühmten Abstürzen unterhielt, bei denen junge Mädchen und reichlich Champagner die wichtigsten Zutaten waren. Sie konnten aber einfach nicht die abgeklärten A-Promi-Bilder liefern, wie heute Matt Damon im Bocca di Bacco oder George Clooney bei einer Kunstausstellung im Hamburger Bahnhof.

Glamour für Berlin. Nadja Auermann bei der Aidsgala.
Glamour für Berlin. Nadja Auermann bei der Aidsgala.Foto: imago/Mauersberger

Um das Zusammenwachsen von Ost und West hat sich in den 90er Jahren besonders der Erfinder der Brandenburgischen Sommerkonzerte, Werner Martin, verdient gemacht. Der Pfarrerssohn aus Brandenburg hatte in West-Berlin Karriere als Rechtsanwalt gemacht und dabei einen riesigen, einflussreichen Freundeskreis aufgebaut. Nach dem Motto „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass wir ein gutes Glas Wein zusammen trinken“ baute Martin von seinem Stammtisch in der Paris Bar aus ein einzigartiges privat finanziertes Musikfestival auf. Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten trafen sich mit herausragenden Musikern aus Ost und West und aller Welt in teils noch verfallenen brandenburgischen Dorfkirchen zu Konzerten. Bootsfahrten und Wanderungen durch verwunschene Wälder gehörten zum Vorprogramm und waren in den 90er Jahren noch Abenteuer für die Berliner, die Brandenburg gar nicht kannten. Die Kaffeetafeln in den Pfarrgärten, für die Bewohnerinnen des jeweiligen Dorfes Apfelkuchen backten, und das Abendliedersingen beim Wein danach wurden zu Markenzeichen. Da schaute um die Jahrtausendwende auch der damalige Bundespräsident Johannes Rau gern vorbei.

Karneval per Kopfhörer

Mitte der 90er Jahre glaubten viele Bonner noch, dass es nicht so wild werden würde mit dem Umzug, dass der Großteil des Arbeitsheeres mit seinen noch nicht abbezahlten Einfamilienhäuschen am Rhein bleiben würde. Dabei gab es durchaus erste Anzeichen für den bevorstehenden Rutschbahneffekt. Ausgerechnet der Gründer der Initiative „Ja zu Bonn“ trug dazu bei. Friedel Drautzburg war in Bonn eine Größe, Wirt von populären Restaurants und vor allem ein energischer Kämpfer gegen den Umzug. In der Politik war er bestens vernetzt. Unter anderem hatte er Willy Brandt 1969 beim Wahlkampf geholfen. Aber er war auch ein Geschäftsmann mit Gespür für aufkommende Veränderungen. Als er 1997 bekannt gab, dass er in Berlin eine „Ständige Vertretung“ aufmachen würde, schlug die Nachricht in Bonn ein wie ein Bombe. Plötzlich wurde er als „Hochverräter“ beschimpft.

Mit seinen rheinischen Reliquien machte Drautzburg ein Ecklokal am Schiffbauerdamm zum Treffpunkt für heimwehkranke Bonner. Hier trafen sich gelegentlich Umzugskanzler Gerhard Schröder und Johannes Rau beim Bier. Das Speisenprogramm war schlicht, es gab Himmel un Äd und anderes aus der alten Heimat. Schlagzeilen machte Drautzburg, als er von einem Nachbarn verfolgt wurde, der sich über närrisch laute Musik beschwerte. Kurzerhand setzte er eine Karnevalsfeier mit Kopfhörern an – über die Bilder amüsierte sich die ganze Republik.

Millenium im Partyrausch

Dabei zeigte sich im heißen Umzugsherbst 1999, dass die preußische Metropole durchaus das Zeug zu ausgelassenen Feiern hatte. Diskussionen, ob die Bundespressekonferenz mit ihrem Bundespresseball oder der Berliner Journalistenverband mit dem bestens etablierten Berliner Presseball das Rennen um das bedeutungsvollste Ereignis des Jahres machen würde, endeten regelmäßig mit der Bemerkung, dass Platz für beide sei. Beim ersten Bundespresseball im Hotel Interconti wurde allerdings offenbar, dass die Politik hier einen ganz anderen Aufmerksamkeitsgrad bekommen würde als im beschaulichen Bonn. Der Kanzlertisch war so dicht umringt von Kameraleuten, dass deren Kabel die Hors d’Oeuvres ruinierten. Die Schlachtrufe der Fotografen wurden zum Markenzeichen der neuen Republik. Plötzlich war die Stadt, die so lange Gegenstand von pathetischen Solidaritäts- und Durchhaltereden gewesen war, zur Bühne geworden, und dazu einer ganz schön glitzrigen. Mit dem Regierungsumzug wurde die Republik bunter, freier, offener. Auch lustiger.

Tuuuut, Aufmerksamkeit! Die Botschaftergattin Shawne Borer-Fielding brachte ab 1999 ziemlich viel Trara nach Berlin.
Tuuuut, Aufmerksamkeit! Die Botschaftergattin Shawne Borer-Fielding brachte ab 1999 ziemlich viel Trara nach Berlin.Foto: Mike Wolff

Ausgerechnet die Schweizer lieferten mit ihrem Botschafter Thomas Borer und dessen amerikanischer Ehefrau Shawne Fielding in jenen Jahren eine Art Live-Soap-Opera mit Skandalstoff. Dass die Ex-Schauspielerin auf einem Schimmel durch die heiligen Botschaftshallen ritt, schockierte die Eidgenossen ebenso wie die Affäre des Botschafters mit einer Kosmetikverkäuferin, bei der auch der große Tisch in den Repräsentationsräumen eine wichtige Rolle gespielt haben soll. Von der Tiefgarage nicht zu reden.

Es war die Zeit der „Partyluder“ – junge Mädchen, die sich selbst skandalisierten, um aufzufallen und auf die Gästelisten zu kommen. Bald nach der Abberufung des Botschafters zählte auch jene Verkäuferin dazu. Natürlich waren das manchmal ziemlich intelligente Frauen, denen es einen postpubertären Spaß machte, aufzufallen, und sei es unangenehm. Berühmtestes Beispiel war Ariane Sommer, Nichte des damaligen „Zeit“-Herausgebers Theo Sommer. Sie tanzte im angesagten „90 Grad“ bis zum Morgen und badete um der Aufmerksamkeit willen in Mousse au Chocolat, bevor sich die Diplomatentochter zum Theologiestudium in ein seriöseres Leben verabschiedete. Später zog sie dann als Ehefrau und Schriftstellerin nach Beverly Hills.

In jenen Tagen, als es auch darum ging, aufzufallen, um seinen Platz am neuen Ort zu erobern, war vieles anders und vieles möglich. Dass so viel gefeiert wurde, schockte manche Fernsehzuschauer in der Provinz. Aber die Dauerfete hatte gute Gründe. Die Karten wurden neu gemischt. Jeder musste sich vorstellen, die neuen Protagonisten kennenlernen.

Berlin bot als Bühne unendliche Möglichkeiten. Als das Sony-Center eröffnet wurde, kam der damalige Sony-Vorstandsvorsitzende Norio Ohga aus Tokio und erfüllte sich einen Traum. In den 50er Jahren hatte er in Berlin Musik studiert – und wollte nun einmal die Philharmoniker dirigieren, natürlich Beethovens Neunte. Das können die zur Not auf Autopilot. Nach dem Konzert gab es eine Reisweinzeremonie unter dem schiefen Dach am Potsdamer Platz. Dabei überreichte Ohga, der zugleich seinen 70. Geburtstag feierte, den Dirigentenstab des Firmenchefs an seinen Nachfolger.

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