Die „Frau vom Checkpoint Charlie“ : Jutta Fleck kämpft noch heute für die Freiheit

In den 80er Jahren kämpfte sie jahrelang um die Ausreise ihrer Töchter aus der DDR. Jutta Flecks Fall wurde zu einem deutsch-deutschen Politikum.

Oliver Pietschmann
Jutta Fleck, bekannt als "Die Frau vom Checkpoint Charlie", sitzt im Graf-Stauffenberg-Gymnasium.
Jutta Fleck, bekannt als "Die Frau vom Checkpoint Charlie", sitzt im Graf-Stauffenberg-Gymnasium.Foto: Uwe Anspach/dpa

Jutta Fleck ist eine quirlige, fröhliche Frau. Die 72-Jährige aus Wiesbaden geht mit einem Lächeln auf die Menschen zu. Wenn sie ihre Geschichte erzählt, wird sie zwischenzeitlich aber ganz sachlich und auch nachdenklich.

Gescheiterte Flucht, Frauengefängnis, Demütigungen, Kindesentzug, Verrat und der unerbittliche Kampf um ihre beiden Töchter in einem geteilten Deutschland: Knapp 30 Jahre nach dem Fall der Mauer ist ihre Vita noch immer Symbol für den Widerstand gegen die Diktatur in der DDR. Jutta Fleck ist die „Frau vom Checkpoint Charlie“, die Jahre lang weltweit mit Protesten bis zur Erschöpfung um die Ausreise ihrer damals minderjährigen Töchter kämpfte.

Sie und ihre jüngere Tochter Beate Gallus erzählen heute über ihre schrecklichen Erfahrungen in den 80er Jahren - in Schulen vor jungen Menschen, die die deutsche Teilung, die Mauer, das System der Bespitzelung und Angst nur aus dem Unterricht oder aus Büchern kennen.

Fleck leitet seit zehn Jahren bei der hessischen Landeszentrale für politische Bildung das Projekt „politisch-historische Aufarbeitung der SED-Diktatur“. Bei der Landeszentrale scheidet sie nach Angaben des Direktors Alexander Jehn im kommenden Jahr aus.

Mit ihrer 46 Jahre alten Tochter zusammen will die 72-Jährige aber auch künftig Schülern ihre Geschichte erzählen, wie jüngst im Graf-Stauffenberg-Gymnasium in Flörsheim. Sie hoffen auf private Finanziers.

Die Geschichte der beiden Frauen, die das Unrechtsregime mit voller Wucht traf, ist die von Demütigungen, Arrest, Entmenschlichung und Entrechtung. Was sie damals wollten war Freiheit, und diese zu wahren, ist auch heute noch ihr Leitmotiv.

„Man möchte einfach raus. Und mir ging das so“, erzählt Jutta Fleck über ihre Motivation, aus der DDR zu flüchten. Von ihrem Mann, einem linientreuen Regimeanhänger, geschieden, beschließt sie zusammen mit ihren Töchtern 1982 über Rumänien zu flüchten. Eingeweiht in die Pläne ist nur ihr Onkel im Westen.

Doch der ausgeklügelte Plan mit bundesdeutschen Pässen über Jugoslawien die andere Seite des Eisernen Vorhangs zu erreichen geht schief. Von der berüchtigten rumänischen Geheimpolizei Securitate überwacht, werden die drei schließlich in Bukarest festgesetzt und der Staatssicherheit der DDR übergeben.

„Die haben uns regelrecht der Mutter entrissen“

„Wir bitten Sie mit zu kommen, zur Klärung eines Sachverhalts.“ Mit diesem Satz war die Flucht gescheitert. „Dann bist du verhaftet“, sagt Fleck. In diesem Augenblick begann das Martyrium. Ihre Pläne wurden von einem Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi in Westdeutschland verraten.

Bei einem kurzen Aufenthalt auf dem Flughafen in Bukarest, gelang es Fleck noch, einer blitzschnell reagierenden Stewardess zu sagen, dass sie ihren Onkel im Westen anrufen und die für die deutsch-deutschen Beziehungen zuständigen Stellen informieren sollte. Anders hätten die westdeutschen Behörden möglicherweise nie etwas über ihr Schicksal erfahren.

In einem Flugzeug wurden die Drei zurück in die DDR gebracht, doch waren sie schon dort räumlich getrennt. „Auf einmal war alles anders“, sagt Beate Gallus. „Die haben uns regelrecht der Mutter entrissen.“ Da sei diese Gefühlskälte gewesen und sie und ihre Schwester hätten so viele Fragen gehabt. Wo kommen wir hin, was passiert mit Mama und wie geht es weiter, sei ihnen durch den Kopf gegangen.

„Ihr habt keine Fragen zu stellen“, sagte die Aufseherin. „Meine Schwester und ich haben uns die ganze Zeit an den Händen gehalten.“ In der DDR gab es keinen Abschied. „Wir konnten unsere Mutter nicht mehr umarmen.“ Es gab nur noch einen kurzen Blick durch ein Bullauge. „Das war ein todtrauriger Moment“, erinnert sich Gallus. Mit einem Blick hätten sie ihrer Mutter signalisiert: „Wir halten zu dir.“

Jutta Fleck wurde zu drei Jahren Gefängnis wegen Republikflucht verurteilt und kam in das berüchtigte Frauengefängnis Burg Hoheneck im Erzgebirge. Dort wurden Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert. In den völlig überbelegten Zellen saßen politische Häftlinge zusammen mit Gewaltverbrecherinnen.

„Ich habe mich geweigert zu arbeiten. Ich war zwei Mal in der Absonderung“, erinnert sich Fleck, deren Geschichte als Buch und im Film mit Veronika Ferres unter den Titel „Die Frau vom Checkpoint Charlie“ erzählt wurde. „Absonderung“: Das waren Zellen, die mit Wasser geflutet werden konnten.

Checkpoint Charlie
28. Oktober 1961. Einer der gefährlichsten Momente im Kalten Krieg: An der Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße standen sich Ost und West schussbereit in Panzern gegenüber. Das Häuschen in der Bildmitte wurde zum Symbol für den weltbekannten Grenzügergang, der durch den Mauerbau im August 1961 nötig wurde.Weitere Bilder anzeigen
1 von 35Foto: dpa
05.12.2018 11:3228. Oktober 1961. Einer der gefährlichsten Momente im Kalten Krieg: An der Friedrichstraße Ecke Zimmerstraße standen sich Ost und...

Rund zwei Jahre sitzt Fleck in dem Gefängnis ein, dann wird sie über das Bundesministerium für innerdeutsche Beziehungen vom Westen freigekauft. Ihre Töchter bleiben in der DDR. Sie gilt als Staatsfeindin. Die heute 72-Jährige beginnt ihren Kampf um ihre Kinder. Am Grenzübergang Checkpoint Charlie steht sie mit Plakaten wie „Gebt mir meine Kinder zurück“ fast Auge in Auge den DDR-Grenzposten gegenüber.

Sie galt als Staatsfeindin

Immer wieder tritt die couragierte Frau auch mit Hilfe der Internationalen Organisation für Menschenrechte an die Öffentlichkeit. Sie demonstriert nicht nur vor dem Grenzübergang im Herzen Berlins, sondern auch im Ausland. Im Juli 1985 kettet sie sich vor der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) in Helsinki an und fordert ein Gespräch mit Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP), den sie schließlich auch trifft.

Vor einem Besuch des DDR-Staatschefs Erich Honecker bei Papst Johannes Paul II. im April 1985 gewährt ihr das Oberhaupt der katholischen Kirche eine kurze Audienz. „Ich weiß Bescheid. Ich bete für sie und werde es Honecker mitteilen“, erinnert sie sich heute an die Worte des Papstes. Eine Gedenkveranstaltung zum 25. Jahrestag des Mauerbaus nutzt sie für einen Protest und wird schließlich, wie sie erzählt, vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) von der Bühne komplementiert. Ihr Fall wird zum Politikum zwischen den beiden deutschen Staaten.

Mehrfach wird ihr eine Ausreise ihrer beiden Töchter in Aussicht gestellt, immer wieder verzögert sich die Vereinigung der Familie. Ihr einziger Kontakt zu den beiden Mädchen sind Briefe, Tonbänder und Bilder der Teenager, die in der DDR mehr oder minder unter Arrest leben.

„Die haben uns als Mensch ignoriert“, erzählt Beate Gallus über die sechs Jahre Trennung. „Wir haben immer kommuniziert, wir wollen zu unserer Mutter.“ Zunächst werden die beiden Mädchen in ein Kinderheim gebracht, wo als Identifikation nicht der Name, sondern eine Nummer galt. Dort habe es keinerlei Freiheiten gegeben, selbst die Waschräume und die Toiletten waren offen. Es sei eine Atmosphäre von Befehlston, Liebesentzug und Gefühlskälte gewesen. In dem Heim habe man sich nicht frei bewegen dürfen.

„Ich konnte nicht einfach zu meiner Schwester gehen.“ Sie seien nur ein halbes Jahr in dem Heim gewesen. „Aber jede Sekunde dort wird dir von deinem Leben geraubt“, sagt Gallus.

„Wir durften keinen Kontakt aufnehmen“

Auf einmal habe ihr Vater vor ihnen gestanden. „Was wir nicht wussten war, dass er von oben geschickt wurde“, erzählt Gallus. Das hätten sie erst 2008 durch die Einsicht in die Stasi-Akten erfahren. Er habe an das System geglaubt. „Zuhause waren wir eingesperrt. Wir durften keinen Kontakt aufnehmen.“ Im Osten seien sie die Töchter einer Staatsfeindin gewesen. Im Heim und in der Schule sei ihnen immer wieder gesagt worden, eure Mutter hat das Land verraten. Sie seien angelogen worden, dass ihre Mutter sie nicht mehr haben wollte. „Selbst der eigene Vater, der uns eingesperrt hat, hat nicht das Recht zu sagen: „Deine Mutter liebt dich nicht mehr““.

Am 25. August 1988, sechs Jahre nach der Trennung und gut ein Jahr vor dem Mauerfall kann die „Frau vom Checkpoint Charlie“ ihre Töchter Claudia und Beate in West-Berlin wieder in die Arme schließen. Bis zum Schluss habe sie Angst gehabt, dass wieder etwas dazwischen kommt, erzählt Fleck. Doch diesmal klappt es. „Ich konnte dann auch weinen“, sagt Fleck.

Jutta Fleck lebte nach ihrem Freikauf zunächst in Bayern und heiratete wieder. Sie lebt mit ihrem Mann heute in Wiesbaden, ebenso wie ihre Tochter Beate, die als Künstlerin arbeitet. „Es ist so als hätte ich erst danach angefangen zu leben“, erinnerte sich ihre Tochter Claudia früher bei Aufnahmen für eine Dokumentation. Sie lebt heute in München. Zwischen den beiden Mädchen und ihrem Vater herrschte mehr als 20 Jahre Funkstille. Heute hätten sie wieder Kontakt, sagt Beate Gallus. „Aber über die Zeit wird nicht gesprochen.“ (dpa)

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