Wie Adil Ciftci einmal Weltmeister wurde

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Die Geschichte des Boxers Adil Ciftci : Vom besonderen Schlag

Die junge Boxerin, die da Anfang 2006 vor ihm steht, hat sie, die richtige Haltung. Sie ist die, mit der sein Traum von einem Titel greifbar wird. Ciftci setzt sich mit ihr und ihrem Trainer zusammen, sie machen einen Plan, es ist ein Masterplan: In anderthalb Jahren soll Ramona Kühne um die Weltmeisterschaft boxen. Ciftci ist ihr Manager.

Kühne sieht gut aus, was immer wichtig ist im Boxring, auch für männliche Kämpfer, sie hat blonde Haare, sie kommt aus dem Berliner Umland. Für so jemanden zahlen die Leute. Ein Glücksfall für einen Promoter.

Ein solcher ist Ciftci, der am Anfang die Kosten trägt, mühsam Gegner organisiert, nicht zu schwach, nicht zu stark, im Hinterkopf die Hoffnung, irgendwann in den großen Arenen aufzutreten, die Sternchen sitzen in den ersten Reihen, RTL überträgt live, und er, Ciftci, würde an allen Einnahmen beteiligt.

Die Hermann-Gieseler-Halle in Magdeburg ist von außen eine weiß getünchte Scheune, von innen eine riesige Flugzeugturbine. Unter den gewölbten Stahlstreben wird Ramona Kühne am 13. Oktober 2007 Boxweltmeisterin im Junior-Weltergewicht, fast auf den Tag anderthalb Jahre nach ihrem ersten Kampf. Einstimmiger Punktsieg. Champion!

„Wir haben das so gut durchgezogen“, sagt Adil Ciftci, „haben jeden Tag dran gearbeitet, mit so viel Liebe, Commitment. Wir sind nach Plan Weltmeister geworden!“ Zum ersten Mal klingt seine Stimme da eine Spur verbittert. Den Titel in der Tasche hätten sie und er, ihr Manager, mit den großen Boxställen verhandeln können, aus der starken Position heraus. „Aber dann“, sagt er, „sind die wahrscheinlich vorher zusammengerückt.“

Wie muss das sein, wenn du ganz oben bist, am Ziel, endlich, und dann bist du plötzlich gar nichts wert? Man spricht nicht mehr mit dir, irgendwann liegt das Schriftstück vor dir, das sagt: Der Vertrag ist aufgelöst. Pläne ändern sich.

Unerheblich, wie genau die Trennung abgelaufen ist. Es geht jedenfalls vor Gericht, Ciftci beruft sich auf seinen Vertrag, eine Standardausfertigung. Aber er verliert, in erster, in zweiter Instanz. „Ich hätte noch weitergemacht, bis zum BGH“, sagt er, „es ging ja um meinen Namen.“ Adil, das heißt wörtlich: der Gerechte.

Kunst und Kampf im Wedding

Adil Ciftci ist erledigt. Verbittert zieht er sich zurück, gibt seinen letzten Hoffnungsträger an ein anderes Management ab. Ohne Ablöse. Nur raus, nur weg.

Niederlagen sind wichtig, sagt Werner Kastor, man lernt durch sie, wieder aufzustehen. „Aber dafür brauche ich nicht zu boxen. Das lerne ich überall.“

Werner, hat Ciftci über seinen Freund und Geschäftspartner gesagt, der ist genau wie ich. Was heißen soll, dass auch Kastor nicht vom Boxen loskommt. Aber der, seit 20 Jahren kommentiert er für den Sender Eurosport Boxkämpfe, sitzt beim Tee in einem Feinkostladen in Weißensee und wehrt ab. „Ich habe jahrzehntelang ohne das Boxen gelebt, kein Problem.“

Heute am Ring nennt Kastor die Dinge beim Namen, dafür schätzen ihn die Zuschauer. Wenn einer auf die Fresse kriegt, sagt er das auch so. Kastor ist Ciftcis Vertrauter, gemeinsam veranstalten sie nun die Kampfabende im Wedding: „Kunst und Kampf“, der nächste findet drei Tage vor Weihnachten statt, in den Uferstudios an der Panke.

Auch Kastor hat es früher mal versucht im Profigeschäft, als Mittelgewichtler, Anfang der 60er. Den Kampfrekord rattert er noch heute herunter, Vier-Drei-Eins, heißt: vier Siege, drei Niederlagen, ein Unentschieden. Er hat erlebt, wie hart die Faust eines Profis ist, wie sie einem im Ring das Selbstbewusstsein zertrümmert. Wie das ist, da unten zu liegen, all die Scheinwerfer so endlos weit weg und verschwommen. Wie sie einen blenden.

Seinen Traum handelt er ab wie die Werbepause zwischen den Runden. Ist halt so, kann man nicht ändern. Zu wenig Talent, von den falschen Leuten betreut. Da fiel die Entscheidung leicht zwischen Boxen und Studieren. Kastor geht nach England, wird Journalist, arbeitet für die BBC, und kehrt erst Ende der 80er wieder zur Leidenschaft seiner jungen Jahre zurück.

They never come back, heißt das alte Boxergesetz, aber das ist Blödsinn. Sie kommen alle wieder. Adil Ciftci hat vor Kurzem seinen Job als Arbeitsvermittler in Hamburg gekündigt, wohin er vor zwei Jahren gezogen war. Frau und Kind sind dort geblieben. Er aber ist wieder da, im Wedding, da, wo alles angefangen hat.

Ein paar Boxkämpfe soll es bei „Kunst und Kampf“ geben, ein bisschen Theater, und eine Band spielt auch. Die Boxer sind jung und aus dem Wedding. Ein Erfolg ist es dann, sagt Werner Kastor, wenn wir keine Miese machen.

Eine Supersache ist das, sagt Adil Ciftci, und zum ersten Mal wird seine Stimme etwas lauter. Kampf! Sagt er. Wedding! Kleines Comeback, sagt er auch. „Wir können es nicht lassen.“

Dem Autor Johannes Ehrmann auf Twitter folgen: @johehr

Dieser Artikel erscheint im Wedding-Blog, dem Online-Magazin des Tagesspiegel.

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