Berlin : „Die große Schande der Deutschen“

Wie türkische Blätter über die EU-Feier in Berlin berichten

Suzan Gülfirat

Wie türkische Blätter über die EU-Feier in Berlin berichten Am 3. Oktober 2005 hat die Europäische Union die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei und Kroatien aufgenommen. Also hatten auch die türkischen Blätter Grund genug, über die Jubiläumsfeier zur Gründung der Europäischen Union in Berlin auf ihren Titelseiten zu berichten. Allerdings hatten die Türken wenig Grund zur Freude. „Die große Schande der Deutschen“, titelte am gestrigen Sonntag die Hürriyet. Und beschwerte sich in der Unterzeile bitterlich: „Deutschland hat die Türkei nicht eingeladen.“ Bundeskanzlerin Angela Merkel habe mit ihrer Entscheidung nicht nur alle Türken in Deutschland gekränkt, sondern auch Kritik bei vielen türkischstämmigen Politikern ausgelöst. Dabei habe der vorangegangene Festakt in Rom doch bewiesen, dass es auch anders geht: „In Rom waren neben den Vertretern der 27 Mitgliedsstaaten auch die Türkei und Kroatien eingeladen.“

Bereits am vergangenen Donnerstag hatten die ersten türkischen Blätter gemeldet, dass zu dem Jubiläumsgipfel in der deutschen Hauptstadt kein türkischer Vertreter eingeladen sei. Was die Zeitungen allerdings nicht davon abhielt, ausführlich über den Gipfel und das Festprogramm zu berichten. Leserservice geht vor: Schließlich konnte niemand ausschließen, dass einige Berliner Türken doch noch zu der Feier am Brandenburger Tor gehen möchten.

Der Schmerz der Zurückweisung war in den Redaktionen aber offenbar so groß, dass das Thema außerdem zum Aufmacher der Hürriyet-Europa-Beilage avancierte. „Europafeier ohne die Türkei“, hieß es hier. Abgehandelt wurde das Festprogramm und die Geschichte der Europäischen Union. Es kamen auch Politiker zu Wort. „Zu der Feier in Rom waren am Freitag auch die Türkei und Kroatien eingeladen. (…) Der Präsident der Großen Nationalversammlung, Bülent Arinc, durfte sogar eine Rede halten“, sagte der Bundestagsabgeordnete Hakki Keskin (Die Linke). Bundestagsabgeordnete Lale Akgün (SPD) sagte der Hürriyet, dass sie wegen der ausgebliebenen Einladung an Bundeskanzlerin Angela Merkel einen Brief geschrieben habe. „In ihrer Antwort hieß es jedoch, es sei so entschieden worden, dass nur die Mitgliedsländer teilnehmen werden“, zitierte die Hürriyet die Politikerin.

Zu Wort kamen auch Abgeordnete des Berliner Abgeordnetenhauses. „Die diskriminierende Türkeipolitik von Merkel kränkt die Türken in Deutschland und verhindert ihre Integration“, sagte Özcan Mutlu (Bündnis 90/Grüne) der Hürriyet. Die SPD-Abgeordnete Dilek Kolat bezeichnete die Entscheidung Angela Merkels als „unglücklich“. „Während der Phase der Beitrittverhandlungen wäre das eine freundliche Geste gewesen“, sagte sie.

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