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Yvonne Schneider und René Falkenthal auf dem Spargelhof Märkerland
© Christoph M. Kluge
Tagesspiegel Plus

„Die Kunden sind schon heiß auf Spargel“: Restaurants zu, Wetter schlecht – wie Beelitzer Bauern die Krise meistern

Nur „Spargel to go“: Die Saison ist mit geschlossenen Restaurants und niedrigen Temperaturen denkbar schlecht für das weiße Gold aus Brandenburg. Ein Besuch auf Höfen in Beelitz.

Mit schnellen Handgriffen legt Landwirt René Falkenthal die Spargelstangen auf das Fließband. Es befördert das Edelgemüse ins Innere einer vernetzten Hightech-Sortiermaschine. Dort wird jede einzelne Stange mehrmals fotografiert, eine Spezialsoftware wertet die Bilder aus. Die Maschine misst nicht nur Länge und Dicke, sie erkennt auch Brüche oder Faulstellen. Anhand von Parametern wie Krümmung oder Kopffestigkeit stuft sie die Qualität ein.

Die hochpreisige Handelsklasse I zum Beispiel hat fest geschlossene Köpfe und besonders gerade Stangen. Beschädigte Stangen landen im günstigen Bruchspargel. Die Maschine verteilt die Waren automatisch in verschiedene Kisten. Dann prüft eine Mitarbeiterin die Sortierung noch einmal von Hand nach.

In diesem Jahr sind wir sehr zufrieden mit der Qualität.

Spargelbauer René Falkenthal

„In diesem Jahr sind wir sehr zufrieden mit der Qualität“, sagt Falkenthal vom Spargelhof Märkerland in Beelitz. Der relativ kleine Betrieb bewirtschaftet insgesamt zehn Hektar Fläche. Auf acht Hektar davon wird Spargel angebaut, auf den anderen beiden wachsen Kartoffeln. Sechs polnische Erntehelfer unterstützen die Falkenthals jedes Jahr. Nur 2020 kamen sie nicht, aus Unsicherheit aufgrund der Pandemie. Damals sprangen freiwillige Helfer:innen ein. Ein anderer Spargelhof hatte sie kurzfristig über Facebook organisiert. Es kamen so viele, dass sie auf mehrere Betriebe verteilt wurden.

Hochgekämpft: Spargel aus Beelitz erblickt das Licht der Welt.
Hochgekämpft: Spargel aus Beelitz erblickt das Licht der Welt.
© Enrico Bellin

Yvonne Schneider, Falkenthals Lebensgefährtin, verkauft den Spargel und andere Produkte im kleinen Hofladen. „Die Kunden sind schon heiß auf Spargel“, sagt sie. Doch momentan werde noch nicht viel geerntet. Die Temperaturen sind noch etwas niedrig. Erst wenn das Thermometer zweistellige Werte zeigt, erhalte die Pflanze einen Wachstumsschub. In einer normalen Saison liefere der Hof ein Drittel seiner Produktion an die Gastronomie.

Aufgrund des Lockdowns habe der Betrieb im vergangenen Jahr statt der üblichen 50 Tonnen nur 28 Tonnen produzieren können. Zum Glück seien die jedoch größtenteils an Endverbraucher verkauft worden, sagt Schneider. Der höhere Verkaufspreis habe zumindest einen Teil des Verlustes ausgleichen können. „Die Leute haben selbst gekocht“, sagt Schneider. Viele hätten sich Fragen gestellt: Wie schält man Spargel richtig? Und wie wird er zubereitet?

Die Familie baut schon in der fünften Generation Spargel an. Den Hof Märkerland gibt es in seiner jetzigen Form jedoch erst seit Anfang der 1990er Jahre. Nach dem Mauerbau hatte der Anbau in der Region geruht. Nach der Wende lebte die Tradition wieder auf. 1997 wurde die erste Beelitzer Spargelkönigin gekürt, sie gehörte zur Familie Falkenthal. Seither hat der Beelitzer Spargelverein jedes Jahr eine Thronfolgerin ernannt. In diesem Jahr ist es die 20-jährige Gina-Luise Schrey aus dem Ortsteil Fichtenwalde.

Spargelkönigin Gina-Luise Schrey beim offiziellen Start der Spargelsaison im April
Spargelkönigin Gina-Luise Schrey beim offiziellen Start der Spargelsaison im April
© Jens Kalaene/dpa-Zentralbild/ZB

Zu ihren Aufgaben gehört unter anderem die offizielle Eröffnung der Saison mit dem ersten Spargelanstich. Normalerweise ist das ein großes Ereignis. Doch in diesem Jahr gab es nur einen Fototermin. Auch der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, befindet sich in der Zwangspause. Die Stadtverwaltung hat alle Stadtführungen abgesagt. Das Spargelmuseum in der Altstadt ist geschlossen.

Außer-Haus-Verkauf allein genügt nicht

Für Jürgen Jakobs vom Jakobs-Hof bedeutet der Lockdown den Wegfall eines wichtigen Standbeins. Neben Produktion und Verkauf betreibt er eine große Gastronomie mit Platz für bis zu 1000 Gäste, es gibt einen Biergarten und eine Festscheune. Doch die stehen im Moment leer, es gibt nur „Spargel to go“.

Der Außer-Haus-Verkauf sei kein richtiger Ersatz, sagt Jakobs. „Das bringt nur etwa zehn Prozent des normalen Absatzes.“ In den vergangenen Monaten habe er die Kellner und Köche in Kurzarbeit schicken müssen. Nun helfen sie im Spargelverkauf an den etwa 50 Ständen des Unternehmens aus.

Jürgen Jakobs vom Jakobs-Hof in Beelitz
Jürgen Jakobs vom Jakobs-Hof in Beelitz
© Christoph M. Kluge

Das Unternehmen setzt laut Jakobs im Moment 15.000 Kilogramm Spargel am Tag ab, in der Hauptsaison bis zu 30.000. Am größten sei die Nachfrage an Feiertagen, vor allem um Pfingsten herum. „Der Mai wird spannend“, sagt Jakobs. Wenn es plötzlich warm werde, müsse schnell geerntet werden. Dann sei ein Überangebot möglich, was zu einem Preisverfall führen könne. Aktuell kostet der Spargel der Handelsklasse I bei Jakobs 13,90 Euro, später wird der Preis voraussichtlich unter zehn Euro sinken. „Aber unter 3,90 Euro gibt es keinen ordentlichen Spargel“, sagt Jakobs.

Die Corona-Pandemie kostet die Betriebe Geld

Mehr als 500 Menschen beschäftigt der Jakobs-Hof momentan. Davon sind 350 Saisonkräfte aus dem osteuropäischen Ausland. Hauptsächlich kommen sie aus Rumänien, aber auch aus Polen. In diesem Jahr sind erstmals einige Georgier dabei. Sie ernten Spargel auf 250 Hektar Fläche. Es gibt umfangreiche Hygienemaßnahmen, von der Maskenpflicht in geschlossenen Räumen bis zu wöchentlichen Coronatests.

Das bedeutet Kosten. Aus einem staatlichen Beihilfeprogramm erhalte jeder Betrieb 150 Euro pro Erntehelfer, sagt Jakobs. Allerdings rechneten die Bauern der Region im Durchschnitt mit 600 Euro Mehraufwand pro Spargelstecher, sagt der Unternehmer, der gleichzeitig Vorsitzender des Spargelvereins ist.

Zum Familienunternehmen der Jakobs gehört neben dem Beelitzer Hof auch ein zweiter, im Ortsteil Schäpe. Den betreibt Jürgen Jakobs Bruder Josef. Die Familie kam 1996 vom Niederrhein nach Beelitz. Das war in der Nachwendezeit nicht ungewöhnlich. Die Beelitzer Spargelregion wurde von Ost- und Westdeutschen wieder aufgebaut. Sie galt als ein Paradebeispiel für die „blühenden Landschaften“, die die Kohl-Regierung versprochen hatte. Der damalige Kanzler soll das Edelgemüse bei CDU-Veranstaltungen in Berlin gegessen haben.

Thomas Syring hat den Syringhof von seinen Eltern übernommen
Thomas Syring hat den Syringhof von seinen Eltern übernommen
© Christoph M. Kluge

Einige Autominuten entfernt, vor dem Syringhof, stehen zwei Rentnerinnen. „Ist der zu, der Laden?“, fragt die eine. „Nee!“, ruft jemand. „Na, dann könn' wa ja.“ Sie setzen ihre Masken auf und steuern auf den Spargel zu. Normalerweise wäre jetzt auf dem Hof bereits großer Andrang, sagt der Geschäftsführer Thomas Syring. „In diesem Jahr ist der Verkauf aber überschaubar.“

Beelitzer Spargel gibt es auch aus Bio-Anbau

Der Syringhof stellt auch Bio-Feinkostprodukte wie Kürbiskernöl her. Gegründet wurde der Hof 1991 als konventioneller Betrieb von Karl-Ludwig Syring. 2004 eröffnete der Sohn Thomas Syring den Biobetrieb. Vor fünf Jahren übernahm er schließlich auch den elterlichen Hof. Insgesamt bewirtschaftet Syring heute 600 Hektar, davon sind 200 Biofläche und 400 konventionelle Landwirtschaft. Der Spargel macht 40 Hektar aus, davon sind 15 Hektar biozertifiziert. Die beiden Produktionen müssen strikt getrennt werden, darüber wachen Verbände und Behörden.

Manfred Schmidt im Spargelmuseum Beelitz
Manfred Schmidt im Spargelmuseum Beelitz
© Andreas Klaer

Auch wenn er „aus Überzeugung“ Biobauer sei, sagt Syring, wolle er den konventionellen Betrieb beibehalten. Zwar kauften gerade die Kunden aus der Stadt zunehmend Bioprodukte, doch insgesamt halte er es wirtschaftlich immer noch für stabiler, auf zwei Beinen zu stehen und verschiedene Absatzwege offen zu halten.

Der Syringhof beliefert 20 Verkaufsstände in der Region. Ein großer Teil davon steht direkt in Beelitz, fast überall ist das Logo zu sehen. Verkauft wird der Syringhof-Spargel aber auch in Potsdam und ebenfalls in der Berliner Markthalle 9 in Kreuzberg.

Doch ist wirklich immer Beelitzer Spargel drin, wenn „Beelitzer Spargel“ draufsteht? Früher habe es häufig „Trittbrettfahrer“ gegeben, sagt Manfred Schmidt. Damit meint er zum Beispiel fragwürdige Händler am Straßenrand. Doch seit drei Jahren ist die Bezeichnung als geografische Angabe von der EU-Kommission geschützt.

„Zehn Jahre haben wir darum gekämpft“, sagt der zweite Vorsitzender des Spargelvereins, der gleichzeitig eine Art Spargelchronist ist. „Wir mussten die über 150 Jahre alte Tradition belegen und die Region flurstückgenau abgrenzen.“ Das Original ist heute an einem blauen Logo auf der Verpackung zu erkennen.

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