Die letzten Tage als Staatschef der DDR : Wie Erich Honecker entmachtet wurde

Heute vor genau 30 Jahren wurde der Staatschef der DDR nach 18 Jahren an der Spitze abgelöst. Der Entmachtung ging ein zäher Kampf voraus.

Erich Honecker (r) und Michail Gorbatschow (li) während der 40-Jahr-Feier in Berlin
Erich Honecker (r) und Michail Gorbatschow (li) während der 40-Jahr-Feier in BerlinFoto: imago/Sven Simon

Als journalistisches Medium für besondere Anlässe ist das Extrablatt ziemlich aus der Mode gekommen. Dank der modernen technischen Möglichkeiten, mittels Internet quasi ohne Zeitverzug zu berichten, wird sich das auch kaum wieder ändern. Vor 30 Jahren, genau am 18. Oktober 1989, war das noch anders. Erich Honecker entmachtet? Das war dem Tagesspiegel ein „Extrablatt“ wert, noch am selben Abend wurde es gratis verteilt.

„Hart wie die Berliner Mauer“

Das Aus für den Staats- und Parteichef nach 18 Jahren an der Machtspitze war die absolute Topnachricht, überraschend kam sie nicht. „Anzeichen für baldige Ablösung Erich Honeckers verdichten sich“, hatte der Tagesspiegel bereits sechs Tage zuvor getitelt und sich dabei auf Moskauer Quellen berufen. Nach dem Eindruck der sowjetischen Delegation, die unter Leitung von Michail Gorbatschow an den Feiern zum 40. Jahrestag der DDR-Gründung am 7. Oktober teilgenommen hatte, neigte eine starke Mehrheit im SED-Politbüro zur offenen oder nur notdürftig verschleierten Ablösung Honeckers. Man sehe in Moskau mit Spannung der für den 17. Oktober geplanten Sitzung des Politbüros entgegen.

Zu diesem Zeitpunkt war der finale Machtkampf innerhalb des höchsten Führungsgremiums der SED bereits entbrannt. Der Wendepunkt waren die Geschehnisse am 40. DDR-Geburtstag und bei der Leipziger Montagsdemonstration zwei Tage später. Honecker sei „hart wie die Berliner Mauer“ geblieben, schilderte Gorbatschow später dem Historiker Hans-Hermann Hertle seinen Eindruck von den Gesprächen in Ost-Berlin.

Nach der frühen Abreise des Sowjetführers hatte es massive Gewalt gegen die an diesem Abend durch die Stadt ziehenden Demonstranten gegeben. Auch in Leipzig war ein hartes Vorgehen geplant, doch angesichts der schieren Größe des Demonstrationszuges am 9. Oktober wurde den Einsatzkräften doch lieber der „Übergang zur Eigensicherung“ befohlen. Der Staat hatte kapituliert.

Extrablatt. Der Rücktritt Erich Honeckers als Staats- und Parteichef war dem Tagesspiegel eine Sonderausgabe wert.
Extrablatt. Der Rücktritt Erich Honeckers als Staats- und Parteichef war dem Tagesspiegel eine Sonderausgabe wert.Faksimile: Ts

In der Sitzung des Politbüros tags darauf drängte Honecker, die Zeichen der Zeit verkennend, erneut auf Härte. Die dennoch beschlossene, moderate Töne anschlagende Erklärung des Gremiums rügte er als Akt der Kapitulation. Darin wurde Dialogbereitschaft signalisiert. „Gemeinsame Anstrengungen für Verbesserungen“ wurden beschworen. Erstmals wurde sogar zugestanden, dass die Ursachen der Massenflucht – für Honecker allein im Wirken des äußeren Klassenfeinds zu suchen – auch hausgemacht seien: „Wir müssen und werden sie auch bei uns suchen, jeder an seinem Platz, wir alle gemeinsam.“

Besonders Egon Krenz, für Sicherheitsfragen zuständiges ZK-Mitglied und zweiter Mann hinter Honecker, hatte sich dafür eingesetzt und sich zuvor mit anderen Politbüromitgliedern, darunter Erich Mielke und Günter Schabowski, abgestimmt. Damit zog er sich allerdings den Zorn des Generalsekretärs zu, der quasi als Revanche – die Sprache war auf die umstrittenen Kommunalwahlen vom 7. Mai gekommen – „schärfste Maßnahmen gegen die Wahlfälschung“ ankündigte. So steht es jedenfalls in den Notizen des Teilnehmers Gerhard Schürer. Krenz musste das als persönliche Drohung auffassen, schließlich war er der Leiter der Zentralen Wahlkommission gewesen.

Der Beschluss zum Sturz Honeckers soll am 12. Oktober gefallen sein, eingefädelt vor allem von Krenz, Stasi-Minister Erich Mielke und Willi Stoph, Vorsitzender des Ministerrats und stellvertretender Vorsitzender des Staatsrats. Vor der dafür ins Auge gefassten nächsten Sitzung des Politbüros fand in Leipzig erneut eine Montagsdemonstration statt. Sie verlief ruhig.

Zum Glück hatte man Honecker ausreden können, zur Abschreckung ein Panzerregiment durch die Stadt zu schicken. Dann kam der 17. Oktober, die Stunde der Verschwörer, die Sitzung des Politbüros, über die es stichwortartige Aufzeichnungen des Teilnehmers Gerhard Schürer gibt. Gleich zu Beginn, wie besprochen, beantragte Stoph, Honecker von seinen Funktionen zu entbinden. Dies fand allgemeine Zustimmung. 20 Statements, die bei allen Unterschieden doch auf dasselbe hinausliefen: Honecker muss weg. Zuletzt meldete sich Krenz zu Wort: Er sei bereit, die Verantwortung zu übernehmen.

Egon Krenz wurde neuer Generalsekretär der SED

Ob Honecker überrascht war? Auf jeden Fall tief enttäuscht, wie er bekannte, gerade über Genossen, von denen er das nie erwartet habe. Verbittert warnte er in seiner Verteidigungsrede vor dem Optimismus, seine Ablösung werde die Probleme lösen. „Nichts wird beruhigt“ – eine Prophezeiung, mit der er ausnahmsweise einmal recht behalten sollte. Zuletzt sah er aber ein, dass nichts mehr zu machen war, und stimmte seiner Ablösung zu, ebenso wie die beiden ebenfalls attackierten Politbüro-Mitglieder Günter Mittag und Joachim Herrmann, zuständig für Wirtschaft und Medien.

[Die Umstände des Honecker-Rücktritts beschreibt ausführlich Hans-Hermann Hertle in seinem Buch „Sofort, unverzüglich. Die Chronik des Mauerfalls“. (Ch. Links Verlag, Berlin. 368 Seiten, 20 Euro)]

Das Urteil war damit gesprochen. Vollzogen wurde es tags darauf in der überraschend einberufenen Sitzung des ZK der SED. Regulär hätte sie frühestens Ende November stattfinden sollen. Honecker wurde wie geplant von allen Ämtern entbunden und Egon Krenz wunschgemäß zum neuen Generalsekretär der SED.

Um den Schein halbwegs zu wahren, wurde offiziell verbreitet, dass Honecker auf eigenen Wunsch gegangen sei und gesundheitliche Gründe geltend gemacht habe. In der Tat hatte sich der 77-Jährige erst zwei Monate zuvor einer Gallenoperation unterziehen müssen. Tags zuvor allerdings hatte er seine vergebliche Verteidigungsrede mit einer gegenteiligen Versicherung beschlossen: „Ich sage das nicht als geschlagener Mann, sondern als Genosse, der bei bester Gesundheit ist.“

Die Nachricht über Honeckers Rückzug und die Wahl des Nachfolgers wurde über die DDR-Medien ungewöhnlich schnell verbreitet. Im Programm des DDR-Fernsehens wurde sogar eine Schriftleiste eingeblendet, mitten in einem Spielfilm. „Breaking News“ eben.

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